Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Göttinger Händel-Festspiele feiern 20-jähriges Bestehen ihres Festspielorchesters – Barock macht dabei auch Ausflüge in die Moderne
Sobald in Göttingen der Frühling Einzug hält, verwandelt sich die niedersächsische Universitätsstadt in ein Epizentrum für Liebhaber historischer Klangwelten. Doch das Jahr 2026 markiert einen besonderen Meilenstein in der Geschichte der Internationalen Händel-Festspiele: Das Festspielorchester Göttingen feiert vom 14. bis 25. Mai sein 20-jähriges Bestehen.
Was vor zwei Jahrzehnten als Vision begann, ist heute ein Ensemble von Weltrang. Alljährlich kommen Spezialisten für Barockmusik aus zehn verschiedenen Nationen zusammen, um ein Orchester zu formen, das weit mehr ist als eine lose Gemeinschaft von Musikern. Es ist ein lebendiges Forschungslabor des Originalklangs, das auf dem neuesten Stand der instrumentaltheoretischen Forschung die Werke des Barock so authentisch wie möglich zum Leben erweckt.
Dieses Jubiläum wird gebührend gewürdigt. Zum Auftakt der Festspiele am Himmelfahrtstag ehrt das Festival sein eigenes Orchester mit einem Galakonzert. Im Zentrum steht dabei Händels berühmte „Feuerwerksmusik“ – ein Werk, das wie kaum ein anderes für festlichen Glanz steht. Doch dass diese Musiker keineswegs in der Vergangenheit gefangen sind, zeigt sich spätestens bei der sogenannten After-Show-Party. Hier beweisen Mitglieder des Orchesters in Folk- und Jazzformationen, dass Spielfreude keine Epochengrenzen kennt.
George Petrou, der künstlerische Leiter der Festspiele, findet für diese besondere Verbindung emotionale Worte. In den letzten vier Jahren sei man nicht nur künstlerisch, sondern auch menschlich tief zusammengewachsen. „Wir sind Freunde geworden“, betont Petrou, der sichtlich stolz darauf ist, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.
Die Oper bleibt indes das Herzstück der Festspiele. In diesem Jahr steht mit „Deidamia“ die letzte der insgesamt 42 Opern Georg Friedrich Händels auf dem Spielplan. Die Produktion ist eine Zusammenarbeit mit der irischen Wexford Festival Opera und wird von Petrou selbst inszeniert und dirigiert. Für die Premiere am 15. Mai im Deutschen Theater Göttingen konnten internationale Gesangsstars wie der Sopranist Bruno de Sá, Sophie Junker und Nicolò Balducci gewonnen werden. Wer das Monumentale liebt, kommt am 23. Mai in der Stadthalle auf seine Kosten: Händels wohl bekanntestes Oratorium, „Der Messias“, erklingt dort mit dem renommierten NDR-Vokalensemble und erstklassigen Solisten.
Händel mit regionaler Bodenhaftung
Doch die Festspiele suchen auch die Intimität. In zahlreichen Kammerkonzerten wird die Vielfalt des Barock ausgelotet. So gibt sich die Blockflöten-Virtuosin Dorothee Oberlinger erneut die Ehre. Neben einem Auftritt in der historischen Aula der Universität wird sie in einem der beliebten, kostenlosen Lunchkonzerte in der St.-Johannis-Kirche zu hören sein. Weitere Akzente setzt Erik Bosgraaf mit seinem Ensemble filoBarocco, die sich Telemanns Liebe zur polnischen Volksmusik widmen, sowie der ehemalige Leiter Laurence Cummings am Cembalo.
Ein besonderes Anliegen des Geschäftsführenden Intendanten Jochen Schäfsmeier ist die regionale Verankerung. Sieben Konzerte im Landkreis Göttingen tragen die Musik zu den Menschen vor Ort. Die Spielorte sind dabei so vielfältig wie die Musik selbst. Im Welfenschloss Hann. Münden entführt das Europäische Hanse-Ensemble unter Mitwirkung von Hille Perl das Publikum in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. In Einbeck verwandelt das Ensemble Il Sassone den PS.SPEICHER in ein Opernhaus im Taschenformat, während in Friedland frühbarocke Klänge den Pfingstmontag veredeln. Ob in Hardegsen, wo Händel auf Bach trifft, oder in Landolfshausen beim Sonderformat „Musik und Raum“ – das Festival beweist eine enorme Präsenz in der Fläche.
Über die Grenzen der Barockmusik hinaus blicken die Festspiele mit innovativen Formaten. Bei „Händel jazzt!“ treffen historische Instrumente auf moderne Saxophonklänge, während die Gitarristin Carlotta Dalia am Pfingstmontag bereits um 5 Uhr morgens zum „Sunrise-Konzert“ lädt, um musikalisch den Tag zu begrüßen. Literarisch-kulinarisch wird es bei der Lesung von Schauspielerin Andrea Strube, die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ mit Wein und Akkordeonmusik verwebt. Einen kühnen Sprung ins 20. Jahrhundert wagt das Festival mit Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“, kombiniert mit barocken Kantaten und modernen Videoprojektionen.
Auch das junge Publikum kommt nicht zu kurz. Das Programm „Händel 4 Kids!“ bietet von Playmobil-Performances bis hin zur Familienfassung der Festspieloper vielfältige Zugänge zur Welt der Klassik. So präsentieren sich die Festspiele 2026 als ein Ereignis, das Tradition und Innovation, Weltklasse-Niveau und regionale Bodenhaftung verbindet. Göttingen feiert nicht nur Händel, sondern vor allem die lebendige Kraft der Musik, die Menschen über Grenzen und Jahrhunderte hinweg verbindet.
• Programm und Karten: www.hndl.de