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Eine flächendeckende medizinische Versorgung – auch mit Spezialisten – dürfte demnächst Geschichte in Deutschland sein
Bild: picture alliance / imageBROKER | Olaf DöringEine flächendeckende medizinische Versorgung – auch mit Spezialisten – dürfte demnächst Geschichte in Deutschland sein

In Brandenburg heißt die Devise: „Bloß nicht krank werden“

Gesundheitssystem auf Kante genäht

Weniger Versorgung und Konzentration auf weniger Standorte – die Gesundheit wird krankgespart

Hermann Müller
06.08.2026

Wenige Tage haben genügt, um zu zeigen, wie dünn die Personaldecke im deutschen Gesundheitssystem geworden ist. Am 6. Juli kündigte das Potsdamer St.-Josefs-Krankenhaus per Pressemitteilung an, die Frauenheilkunde und Geburtshilfe zum 1. August aufzugeben. Nur kurze Zeit später war diese Zeitplanung bereits hinfällig. Das Krankenhaus musste schon nach vier Tagen die gesamte Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit sofortiger Wirkung von der Versorgung abmelden. Zur Begründung erklärte das Krankenhaus, die „für eine sichere Versorgung erforderlichen personellen Voraussetzungen“ könnten unerwartet nicht mehr erfüllt werden. Rund 650 Geburten im Jahr müssen damit künftig von anderen Häusern aufgefangen werden. Antje Schulz vom Brandenburger Hebammenverband kritisierte, es werde offenbar davon ausgegangen, dass diese Geburten „sang- und klanglos von umliegenden Kliniken aufgefangen werden können“. Ihr Urteil über die Planungen fällt entsprechend deutlich aus: „Es wird nicht zu Ende gedacht, was das für die Menschen bedeutet.“

Die von Karl Lauterbach (SPD) begonnene und von Nina Warken (CDU) angepasste Krankenhausreform sieht vor, medizinische Leistungen künftig an weniger Krankenhausstandorten zu konzentrieren und Doppelstrukturen kostensparend abzubauen. Aus einem teuren System mit Reserven könnte so rechnerisch ein effizienteres System werden. Potsdam zeigt aber auch die Schattenseiten der Reform auf: Die verbleibenden Kliniken müssen zusätzliche Patienten aufnehmen. Personalbestand, Betten und Behandlungsräume werden aber wohl nicht in gleichem Maße mitwachsen, wenn Spareffekte realisiert werden sollen. Der Abbau von Doppelstrukturen birgt zudem ein Risiko: Wo ein Angebot nur noch an einem Standort besteht, fehlen bei Engpässen Reserven.

Besonders deutlich werden diese Schattenseiten beim Abbau von Doppelstrukturen am Beispiel des Potsdamer Klinikums Ernst von Bergmann (EvB). Das kommunale Haus soll künftig die geburtshilfliche Versorgung der Landeshauptstadt übernehmen. 2025 wurden dort 1.596 Geburten gezählt. Kommen die zuletzt 632 Geburten des St.-Josefs-Krankenhauses hinzu, könnte das Aufkommen um fast 40 Prozent steigen. Zwar verfügt das EvB über ein Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe. Zusätzliche Hebammen, Ärzte, Kreißsäle und Wochenbettplätze entstehen durch die Schließung des bisherigen Konkurrenzangebots beim St.-Josefs-Krankenhaus jedoch nicht automatisch.

Das kann nicht gutgehen

Das Problem reicht über die Geburtshilfe hinaus. Das St.-Josefs-Krankenhaus zieht sich auch aus der Neurologie zurück. Das EvB wiederum gibt Orthopädie und Gefäßchirurgie auf; diese Leistungen sollen künftig stärker beim St.-Josefs-Krankenhaus und bei der Oberlin-Klinik in Potsdam-Babelsberg gebündelt werden. Das EvB rechtfertigt die Neuordnung mit den künftigen Anforderungen der Krankenhausreform: „Nicht jedes spezialisierte medizinische Angebot kann künftig dauerhaft an jedem Krankenhausstandort vorgehalten werden.“

Potsdam, aber auch Ballungsräume in Nordrhein-Westfalen nehmen aus finanzieller und personeller Not vorweg, was die Reform künftig bewirken soll: Fachabteilungen sollen auf weniger Standorte verteilt, Leistungen gebündelt und Doppelstrukturen abgebaut werden. Für Patienten in Potsdam bedeutet die Neuordnung, dass es für bestimmte Behandlungen künftig nur noch einen zuständigen Standort gibt. Antje Schulz vom Brandenburger Hebammenverband warnt vor den Folgen: „Je mehr geburtshilfliche Abteilungen geschlossen werden, desto länger werden die Wege.“ Für Geburten könnten lange Anfahrtszeiten „prekär“ sein.

Das Potsdamer Klinikum wird obendrein verstärkt Patienten aus dem Umland aufnehmen müssen. Ende Juli hat nämlich nun auch die Kinder- und Jugendklinik des Krankenhauses Ludwigsfelde-Teltow geschlossen. Die stationäre Versorgung der Region soll ebenfalls das EvB übernehmen. Doch schon heute arbeiten zentrale Teile der Potsdamer Notfallversorgung unter hoher Belastung. In der Notaufnahme des EvB werden jährlich rund 42.500 Erwachsene behandelt. Werden medizinische Angebote aber auf weniger Standorte konzentriert, drohen längere Transportwege und eine zusätzliche Belastung der verbliebenen Notaufnahmen.

Während dem EvB zusätzliche Aufgaben zufallen, plant Potsdam das neue Klinikum mit deutlich geringerer Bettenzahl. Für mindestens 750 Millionen Euro soll am bisherigen Standort ein Neubau mit rund 650 Betten entstehen – etwa 450 weniger als heute. Nach Angaben von EvB-Geschäftsführer Tomislav Gmajnić wird mit weniger Betten geplant, weil künftig immer mehr Patienten ambulant behandelt werden sollen.

Das bedeutet konkret: Die stationäre Versorgung soll mit weniger Betten auskommen, während zugleich ausreichend ambulante Angebote entstehen müssen. Ob diese Rechnung aufgeht, ist fraglich.

Kassenärzte-Chef Andreas Gassen sieht die Gefahr, dass infolge des jüngsten Milliardensparpakets zur Entlastung der Krankenkassen Probleme in der ambulanten Versorgung entstehen werden. Gassen erklärte gegenüber der „Bild“-Zeitung, es gebe bereits Ärzte, die ihre Praxis verkauften und in den Ruhestand gingen: „Sie sagen: Das war's für mich. Sie können mit den beschlossenen Einsparungen nicht weiterarbeiten. Andere geben ihre Kassenzulassung zurück und behandeln nur noch Privatpatienten“, so der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.


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