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Filme unter frostigen Klimabedingungen – Die neue Ausgabe der Berlinale verbindet politische Haltung mit einer tiefen Liebe zum Kino
Wenn im Februar der kalte Wind durch die Betonpfeiler des Potsdamer Platzes pfeift, gibt es in Berlin traditionell nur einen Ort der Zuflucht: den dunklen Kinosaal oder das „Lagerfeuer des Kinos“, wie es die US-amerikanische Festivalintendantin Tricia Tuttle nennt. Die jüngst gestarteten 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin, die noch bis zum 22. Februar die Hauptstadt in ein Epizentrum der Filmkunst verwandeln, treten an, um mehr zu sein als ein bloßes Branchenevent. Sie sind ein Bekenntnis zum Überleben des unabhängigen Films in einer Zeit, in der das Kino an vielen Fronten um seine Relevanz kämpfen muss.
Im Zentrum des diesjährigen Wettbewerbs steht ein Mann, dessen Name untrennbar mit der Geschichte des deutschen und internationalen Kinos verbunden ist: Wim Wenders. Der 80-jährige Regisseur, Autor und Fotograf übernimmt den Vorsitz der Internationalen Jury. Es ist eine Rückkehr nach Hause für den Mann, der 2015 bereits den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk erhielt. Wenders, der erst kürzlich mit „Perfect Days“ und der 3D-Dokumentation „Anselm“ bewies, dass seine Neugier auf die Welt und die Möglichkeiten der Filmsprache ungebrochen ist, blickt mit fast kindlicher Vorfreude auf seine Aufgabe. Er wolle die Gelegenheit nutzen, jeden einzelnen Wettbewerbsfilm in der Tiefe zu durchleuchten. Unter seiner Ägide wird die Jury am 21. Februar über die Vergabe der begehrten Goldenen und Silbernen Bären entscheiden.
Den roten Teppich darf in diesem Jahr eine Regisseurin betreten, die wie kaum eine andere für die Verbindung von persönlichem Schicksal und politischer Dringlichkeit steht. Shahrbanoo Sadat eröffnet die Berlinale mit der Weltpremiere von „No Good Men“. Es ist der dritte Spielfilm der afghanischen Regisseurin, die mittlerweile in Hamburg lebt. „No Good Men“ ist eine romantische Komödie, die jedoch unter den Vorzeichen einer drohenden Katastrophe steht: Die Geschichte folgt der Kamerafrau Naru und dem Reporter Qodrat im Jahr 2021, kurz vor der Rückkehr der Taliban nach Kabul. Dass Sadat diesen Stoff als romantische Komödie inszeniert, ist ein gewagter, aber bewusster Kniff. Festivalchefin Tuttle lobt den Film als ein Werk, das das Leben afghanischer Frauen in den Mittelpunkt rückt und dabei Romantik mit feinem Humor verwebt – trotz der realen Risiken, die die Entstehung des Films begleiteten.
Ein Wettbewerb der Kontraste
Der Wettbewerb 2026 umfasst insgesamt 22 Filme aus 28 Ländern, wobei 20 davon als Weltpremieren gezeigt werden. Die Auswahl spiegelt eine bemerkenswerte formale Vielfalt wider. Erstmals seit langer Zeit findet sich mit Yoshitoshi Shinomiyas „A New Dawn“ ein Anime-Film im Rennen um den Goldenen Bären. Der Film nutzt die Farbenpracht des Feuerwerks, um über die Auswirkungen des Klimawandels auf die japanische Provinz zu reflektieren.
Auch das Horrorgenre hält Einzug in den Wettbewerb. Die finnische Regisseurin Hanna Bergholm präsentiert mit „Nightborn“ ein düsteres Märchen über Mutterschaft, in dem unter anderem das „Harry Potter“-Gesicht Rupert Grint zu sehen ist. Für die Liebhaber des klassischen Autorenkinos kehrt die zweifache Silberne-Bären-Gewinnerin Angela Schanelec mit „Meine Frau weint“ zurück, einem Werk, das ihre bekannte formale Strenge mit Momenten unerwarteter Leichtigkeit brechen soll.
Die deutsche Präsenz ist stark und regional verwurzelt. İlker Çatak, dessen Film „Das Lehrerzimmer“ 2023 weltweit gefeiert wurde, tritt mit „Gelbe Briefe“ an, einem Drama über staatliche Unterdrückung in Ankara. Ebenfalls im Wettbewerb: Markus Schleinzer mit „Rose“. Der Film, der mit der im Jahr 2024 Oscar-nominierten Sandra Hüller in der Hauptrolle am Ende des Dreißigjährigen Krieges spielt, wird bereits jetzt als einer der künstlerischen Höhepunkte gehandelt.
Die Sektion „Berlinale Special“ verspricht in diesem Jahr besonderen Glanz. 19 Werke aus 15 Ländern wurden geladen, darunter Ulrike Ottingers „Die Blutgräfin“ mit der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert in einer gewohnt exzentrischen Rolle. Auch die Hollywoodstars Ethan Hawke und Russell Crowe geben sich in „The Weight“ die Ehre, während Gore Verbinski mit „Good Luck, Have Fun, Don't Die“ für ein Science-Fiction-Spektakel sorgt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Dokumentarfilm über die Heavy-Metal-Gruppe Judas Priest, der zeigt, dass die Berlinale keine Berührungsängste mit Populärkultur kennt.
In der Sektion „Panorama“ wird das 40. Jubiläum der Teddy Awards gefeiert, dem weltweit wichtigsten Preis für „queeres“ Kino. Die Sektion öffnet mit „Only Rebels Win“ von Danielle Arbid und bietet mit „The Moment“ einen Einblick in das Leben von Popstar Charli xcx. Dokumentarische Arbeiten wie „Two Mountains Weighing Down My Chest“ oder „La Face cachée de la Terre“ entwerfen Lebensentwürfe, die brav einem heute unentbehrlichen Zeitgeist angepasst sind.
Dass das Festival auch die eigene Zukunft im Blick hat, beweist die Initiative „SI25“. Um die nächste Generation von Cineasten in die Kinos zu locken, bietet die Berlinale für 18- bis 25-Jährige ein spezielles Kontingent an Tickets für nur sechs Euro an. Es ist ein notwendiger Schritt, um dem Publikumsschwund in den Kinosälen entgegenzuwirken.
Nach dem Abgang des wenig Glanz verbreitenden Intendantenduos Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek scheint die Berlinale mit ihrer seit 2024 amtierenden neuen Intendantin einen Kurs gefunden zu haben, der politische Haltung mit Liebe zum Kino als Gemeinschaftserlebnis verbindet. Es bleibt ein Spagat zwischen Glamour und politischer Dringlichkeit, zwischen Festivaleuphorie und einer Weltlage, die sich nicht mehr ausblenden lässt. In einer Welt, die zunehmend auseinanderzudriften scheint, ist dieses „Lagerfeuer“ vielleicht wichtiger denn je.