08.05.2026

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Ungewisse Zukunft: Der Kapitän ohne Schiff auf „seinem“ Schiff
Bild: Schmidt-WaltherUngewisse Zukunft: Der Kapitän ohne Schiff auf „seinem“ Schiff

Schiffsnostalgie

Der Letzte seiner Art

Was wird aus der „Dömitz“? – Maritimes Wahrzeichen Anklams wartet auf eine neue Bestimmung

Peer Schmidt-Walther
01.05.2026

An der Küste kennt man ihn nur unter dem Namen „Ulli Dömitz“. Gemeint ist Ulrich Krüger aus Anklam. Der 72-Jährige war ein halbes Jahrhundert auf dem Binnenfrachter „Dömitz“ beschäftigt, den ihm die Hansestadt im Dezember 2022 für den Schrottpreis von 50.000 Euro abkaufte. Seitdem wartet das Schiff im Peene-Hafen auf eine neue Zukunft. Es gebe zwar Pläne, wie man von Krüger hört, aber „nichts Genaues weiß man nicht“, schüttelt er den Kopf.

2020 wurde von der Stadt für 100.000 Euro eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, doch nichts geschah. „Vier Jahre lang!“, regt sich Krüger auf. Mit ihm taten das auch viele Anklamer, die darin eine Steuerverschwendung sehen. Dabei hätte es genügend Möglichkeiten gegeben. Krüger weiß zu berichten von Plänen wie Schwimmbad im Laderaum, Schifffahrtsmuseum oder Gastronomie. Warum nichts daraus geworden ist und die „Dömitz“ weiterhin geduldig an ihren Leinen zerrt, weiß kein Mensch.

Schifffahrtsgeschichte

Damit sie nicht zu sehr daran zerrt, schaut er immer mal wieder an Bord seiner ehemaligen Arbeitsstätte vorbei, „um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung ist“, sagt er. Nicht etwa aus Anhänglichkeit, sondern Pflichtgefühl. Und das schon seit fast einem halben Jahrhundert immer auf demselben Schiff. Das ist Rekord!

Der 1954 als Sohn eines Agrar-Veterinärs in Ueckermünde geborene Krüger hat das von zu Hause mitbekommen, auch die Leidenschaft fürs Wasser. Als sein Vater eine Jolle kaufte, verbrachten er und sein Bruder fortan viele Stunden an der Pinne auf dem Stettiner Haff. Dort hatte er damals auch eine denkwürdige Begegnung: mit einem Schiff der Städte-Klasse. Es war wie seine „Dömitz“ ein „Typ Boizenburg“, der 1960 in der gleichnamigen Elbe-Stadt gebaut wurde. „Für mich war das damals ein Riese“, erinnert sich Schiffsführer Krüger.

Nach der Friedlichen Revolution von 1989 konnte er und sein Kompagnon Norbert Hagemann den soliden Frachter für 135.000 D-Mark von der Treuhand kaufen. „Der passte wie maßgeschneidert ins Revier“, freute sich Krüger damals: 67 Meter lang, 8,20 Meter breit, beladen maximal 2,36 Meter tief gehend und mit 805 Tonnen vermessen. Er war der Letztes seiner Art, der in Mecklenburg-Vorpommern verkehrte. „Zu DDR-Zeiten sind Reedereischiffe dieser Serie sogar mit nautischer Sonderausrüstung bis nach Rostock und Dänemark gefahren“, erklärt Krüger nicht ohne Schifferstolz. Und damit über das genau durch Grenzen festgelegte Küstengewässer, die Zone 2, hinaus auf die hohe See.

Kann es erhalten werden?

Beim nostalgischen Gespräch in der noch original aus DDR-Zeiten erhalten gebliebenen Wohnküche erinnert sich Krüger gern an die Vergangenheit. Auch kann er erzählen und darüber hinaus schreiben: ein Talent, das ihn sogar zum Mitarbeiter der DDR-Fachzeitschrift „Binnenschiffahrt“ machte. Dokumentiert habe er alles durch Hunderte von Fotos. Er denkt jetzt sogar darüber nach, seine „Biografie auf dem Wasser“ zu verfassen. Ein Vorgeschmack wird demnächst in einem Sammelband erscheinen, in dem Binnenschiffer aus ihrem Leben berichten. Krüger ist darin der einzige mit einer DDR-Vergangenheit.

Krügers skeptisches Fazit damals: „Investitionen lohnen nicht mehr, und Reparaturen sind teuer. Wir sind froh, dass wir hier noch was verdienen und bis zur Rente über die Runden kommen.“ Sie haben es dennoch geschafft. „Sogar unser Schiff ist uns erhalten geblieben“, freuen sich die beiden Männer auf ihre neuen Aufgaben an Land. Vielleicht als ehrenamtliche „Schiffs-Führer“.

b MS „Dömitz“: Auftraggeber: VEB Deutsche Binnenreederei, Berlin; Bauwerft: VEB Elbe-Werft, Boizenburg, Baujahr: 1960; Typ „Motorgüterschiff Boizenburg – I“; insgesamt gebaut (1960–1964 auch auf den Werften Oderberg und Roßlau) 90 Schiffe (später vielfach auf 80 Meter verlängert mit Tragfähigkeit 1.046 Tonnen); Länge über alles: 67 Meter ; Breite: 8,20 m, Seitenhöhe: 2,50 Meter, Gesamthöhe: 3,95 Meter; Tiefgang leer: 1,17 Meter, beladen: 2,35 Meter; Tragfähigkeit maximal nach letzter Eichung: 845 Tonnen; Maschinenanlage: 8-Zylinder-Hauptmaschine Typ 8 NVD 36 A, Leistung: 420 PS, Drehzahl 375 U/min, VEB Schwermaschinenbau „Karl Liebknecht“, Magdeburg; Ruderanlage: 60 Grad schwenkbar; Geschwindigkeit: 14 km/h.; Laderaumabdeckung: Stahl – Rolldeck; Einsatzgebiet: DDR-Wasserstraßen, Küstenfahrt, später auch westdeutsches/europäisches Wasserstraßennetz; Schiffe waren zum Teil eisverstärkt, konnten als Schub- und Schleppverband fahren.

 


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