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Ingeborg Bachmann ist längst Kult – An ihrem 100. Geburtstag laufen in Klagenfurt die 50. „Tage der deutschsprachigen Literatur“
Der Literaturkritiker Denis Scheck hat voll ins Wespennest gestochen, als er kürzlich die Bücher zweier Autorinnen als „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit“ bezeichnete. Hätte Marcel Reich-Ranicki vor 60 oder 70 Jahren ein neues Buch von Ingeborg Bachmann derart kritisiert, so hätte man über den Männerwitz milde gelächelt. Doch Scheck ist kein Großkritiker vom Kaliber eines Reich-Ranicki, und er hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, denn der Wind in der Literaturszene hat sich gedreht. Heute haben dort die Frauen das Sagen, und Scheck sieht sich als biederes Nervensägen-Relikt einem billigen Sexismus-Vorwurf ausgesetzt.
Dass es so weit gekommen ist, hat auch mit Ingeborg Bachmann zu tun. Sie war es, die sich als Schriftstellerin an vorderster Front gegen die männerdominierte deutsche Nachkriegsliteratur durchgesetzt hat, weshalb sie später von der Frauenbewegung zur Ikone des Feminismus erkoren wurde. Inzwischen beherrschen Tausende Bachmanns die deutschen Buchläden, Literaturhäuser und -messen – allerdings verwässert in solchen Genres wie „Romance“, „New Adult“, „Romantasy“ oder „Diversity“, welche die Büchertische überschwemmen und die fast ausnahmslos von Frauen für Frauen geschrieben werden. Männliche Autoren und Leser bilden hier längst eine Minderheit.
Wenn vom 24. bis 28. Juni in Klagenfurt zum 50. Mal der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben wird, lehnt man sich mit der Vermutung nicht zu weit aus dem Fenster, dass wieder eine Frau geehrt wird. Von den 14 Teilnehmern, die an diesen bedeutungsvollen „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ – live auf 3sat übertragen – aus ihren Texten lesen, sind nur vier Männer. Und in den vergangenen acht Jahren erhielten bis auf eine männliche Ausnahme ausschließlich Autorinnen den mit 30.000 Euro dotierten Preis.
Das Klagenfurter Lesefestival wird immer um den Geburtstag der Namensgeberin herum veranstaltet, der sich am 25. Juni zum 100. Mal jährt. Für die Klagenfurter ist Bachmann wie ein Lottogewinn, lässt sie sich doch nicht nur medial, sondern auch touristisch vermarkten. Vor einem Jahr erst hat man in der Henselstraße das Haus, in dem sie einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbracht hat, in ein Museum umgewandelt.
Dabei hat Bachmann ein verhältnismäßig schmales Werk hinterlassen. Zwei Gedichtbände („Die gestundete Zeit“, 1953, und „Anrufung des Großen Bären“, 1956), der Erzählband „Das dreißigste Jahr“ (1961), außerdem ihr einziger Roman „Malina“ (1971), ein paar Hörspiele und Essays – das war es im Wesentlichen, was sie bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1973 veröffentlicht hat.
Bis heute überstrahlt die Person Bachmann ihr eigenes Werk. So war es schon, als sie 1952 zur Gruppe 47 stieß. Sie war sofort die unbestrittene Königin bei diesen Treffen testosterongesteuerter literarischer Chauvinisten, die nur wenige Autorinnen wie Ilse Aichinger als schmückendes Beiwerk in ihrer Männerrunde duldeten. Schriftstellerinnen? Ja, die gab es wohl. Aber eine wie die Bachmann, die blond, attraktiv und darüber hinaus noch höchst intelligent ist? Das war neu.
Die männlichen Kollegen spreizten sich gegenüber dieser Diva auf wie ein Pfau. Und Bachmann nutzte das weidlich aus. Sie war mit dem Schriftsteller und Kritiker Hans Weigel liiert, dann mit dem Lyriker der „Todesfuge“ Paul Celan, später lebte sie mit dem Schweizer Autor Max Frisch zusammen. Dass er die Beziehung missbrauchte, um sie in seinen Romanen „Mein Name sei Gantenbein“ und „Montauk“ als eifersüchtige Furie zu porträtieren, trat erst vor vier Jahren durch die Veröffentlichung des Briefwechsels des Schriftstellerpaares zutage.
Bachmann tat sich schwerer, ihre eigenen Beziehungen in einem Roman literarisch aufzuarbeiten. Erst 1971 veröffentlichte sie mit „Malina“ einen Roman über eine namenlose Frau, die zwischen zwei Männern steht. Diese handlungsarme Seelenzerfleischung überforderte damals die 68er-Generation, die sich knallharte politische Aussagen von einer ihr ideologisch nahestehenden Autorin erhoffte.
Doch Bachmann verfolgte ihr eigenes biografisches Konzept. Sie nannte es „Todesarten“: ein Romanzyklus, der neben „Malina“ weitere bis dahin unvollendete Romane enthalten sollte. Dazu kam es nicht, denn die eigene – bis heute nicht vollständig geklärte – Todesart kam dazwischen: Im Herbst 1973 erlitt die Raucherin bei einem Brand in ihrer römischen Wohnung so schwere Verletzungen, dass sie daran drei Wochen später im Krankenhaus starb.
Heute ist Bachmann Kult, und wehe dem Macho, der es wagen sollte, ein schlechtes Wort über Literatur von Frauen zu äußern. Diese schlagen sonst mit ihren gender-geschärften Waffen zurück.