12.04.2026

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Der Denunziant war auch Thema für prominente Künstler: „Das Gerücht“, eine bekannte Lithografie von A. Paul Weber
Bild: Weber-MuseumDer Denunziant war auch Thema für prominente Künstler: „Das Gerücht“, eine bekannte Lithografie von A. Paul Weber

Schmutziges Erbe

Die Pest des Denunziantentums breitet sich wieder aus

Trotz der finsteren Geschichte von Gestapo und Stasi melden eifernde Bürger andersdenkende Mitmenschen heute wieder mit dem besten Gewissen – und der Staat ermutigt sie ausdrücklich

Wolfgang Kaufmann
22.03.2026

Verpestet ist ein ganzes Land, wo schleicht herum der Denunziant“, reimte der sächsische Sozialdemokrat Max Kegel 1884 in der Satirezeitschrift „Der wahre Jacob“. Später wurde daraus der Spruch „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“, welchen der Volksmund fälschlicherweise August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zuschrieb, also dem Verfasser des Textes der deutschen Nationalhymne.

Im Dritten Reich mit seinem „Heimtückegesetz“ und der Hetzjagd auf „Miesmacher und Kritikaster“ explodierte die Zahl der Denunziationen geradezu, sodass die nationalsozialistische Justiz an ihre Grenzen geriet. Die „Meldungen“ kamen zumeist von Frauen, welche in manchen Regionen mehr als 90 Prozent der Denunzianten stellten und nach dem Krieg als „Judasfrauen“ verschrien waren. In der DDR wiederum betrieb man das Denunzieren dann ebenso systematisch wie bürokratisch, wobei die rund 624.000 aktenkundig gewordenen Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit, welche ihren Mitbürgern zwischen 1950 und 1989 nachschnüffelten, durchaus nicht die einzigen „Hinweisgeber“ darstellten.

Heute leben wir in einer „bunten“ Gesellschaft – daher ist auch das Denunziantenunwesen überaus „divers“. Flugbegleiterinnen schwärzen Kunden der First Class an, wenn diese kreativ, aber legal im Tarifdschungel ein paar kleine Vorteile für sich herausschlagen wollen, und „Waste Watchers“ durchwühlen den Müll, um alle bei den Behörden anzuzeigen, welche ihren Abfall nicht ordnungsgemäß getrennt haben. Die Film- und Medienstiftung NRW fördert eine Kölner Produktionsfirma namens Good Evil, die das Videospiel „Beans“ entwickelt, mit dem Kinder und Jugendliche lernen sollen, wie man „Rechte“ ausspioniert und verzinkt.

Der Schatten der „Judasfrauen“

Ebenso stehen Künstler im Fokus der Zuträger. So ruft das Hamburger Veranstaltungshaus „Centralkomitee“ in seinen „Club Guidelines“ dazu auf, Meldung zu erstatten, wenn in den Witzen auf der Bühne „Grenzen überschritten werden“: „Wir sind immer ansprechbar (in Person, via WhatsApp, per Telefon, über Instagram). Oder scanne den QR-Code und melde dich anonym. Wir hören zu. Die anonymen Nachrichten werden gelesen und vertraulich bearbeitet.“

Apropos Apps: Software-Anwendungen für Mobilgeräte zur Anzeige von Verkehrsvergehen finden immer mehr Liebhaber. Zu den Leidtragenden zählen Teilnehmer an Bauerndemonstrationen, die ihre Fahrzeuge angeblich für politische Zwecke „missbrauchen“ und deshalb alle Privilegien bei der Kfz- und Dieselsteuer verlieren sollen, wenn es nach dem Willen der staatstreuen Zuträger geht. Dabei besagt die gängige Rechtsprechung, dass die Teilnahme eines Bauern an einer Demonstration zu land- und forstwirtschaftlichen Themen keine Zweckentfremdung der Technik darstelle.

Besondere Popularität auf dem Gebiet der „proaktiven“ Meldung von Verkehrsverstößen bagatellhafter Natur erlangte 2024 der selbsternannte „Anzeigenhauptmeister“ Niclas Matthei. Er setzte sich zum Ziel, in jeder deutschen Stadt oder Gemeinde mindestens einen Falschparker zu melden und dokumentierte sein Tun eifrig in den sozialen Medien. Dabei sagte er auch, es mache ihm Spaß, „den Blutdruck der Bevölkerung in die Höhe zu treiben“. Matthei wurde zunächst das Werbegesicht zweier deutscher Unternehmen, bevor er dann wegen Volksverhetzung und Verstößen gegen das Waffengesetz Ärger mit der Justiz bekam.

Gefährlicher als Figuren wie Matthei sind allerdings die unablässig wuchernden „Meldestellen“ hierzulande. Rund 50 davon unterhält jetzt allein schon der Staat – als Musterbeispiel hierfür kann die beim Justizministerium angesiedelte Externe Meldestelle des Bundes dienen. Dazu kommt eine mittlerweile dreistellige Zahl von zivilgesellschaftlichen „Meldestellen“, hinter denen in aller Regel links-grüne Aktivisten stehen, die oftmals auch staatliche Gelder kassieren. Besondere Bekanntheit erlangten dabei „REspect!“ und „HateAid“. Beide Organisationen beziehungsweise deren Meldeportale erhalten finanzielle Förderung aus öffentlichen Mitteln über Bundes- oder Landesministerien.

Vor diesem Hintergrund macht sich hierzulande ein Klima der Angst breit, in dem nun bereits 78 Prozent der Deutschen um die Meinungsfreiheit fürchten – so das Ergebnis einer kürzlichen Erhebung des Meinungsforschungsinstitutes INSA. Gleichzeitig wachsen Wut und Widerstand. Als Greenpeace Deutschland die Kunden von Gastronomie-Betrieben dazu aufrief, zu „Meldeheld:innen“ zu werden und Verstöße gegen die Mehrweg-Angebotspflicht über ein speziell eingerichtetes Portal zu denunzieren, hagelte es erboste Kritik. In deren Rahmen mutierten die „Meldehelden“ zu „Meldemuschis“.

Opfer werden zu Tätern erklärt

Diese drastisch-abwertende Bezeichnung für „Hinweisgeber“ rief dann wiederum die „gemeinnützige GmbH HateAid“ auf den Plan, die schwerpunktmäßig gegen „Hassrede im Internet“ agiert und in diesem Zusammenhang auch gerne konkrete Hinweise über seine App „MeldeHelden“ entgegennimmt. Der Begriff „Meldemuschi“ sei nicht nur total sexistisch, sondern ebenso fehl am Platze wie das Wort „Denunziant“: „In totalitären Staaten ... waren (und sind) Denunziationen ein probates Mittel, um die staatliche ‚Ordnung' aufrechtzuerhalten.“ Das Vorgehen von „HateAid“ erfolge jedoch auf der „Basis demokratischer Grundwerte“. Daher stelle die Kritik „am Akt des Meldens von Hassnachrichten und Hetze im Netz“ eine „Täter*innen-Opfer-Umkehr“ dar. Mit anderen Worten: Der Denunziant leistet der Gesellschaft einen Gefallen, und der Angeschwärzte ist der Täter.

Um das Denunziationsunwesen hierzulande einzudämmen, wäre es nötig, vor allem solchen staatlich gesponserten „Nichtregierungsorganisationen“ wie eben „HateAid“ Einhalt zu gebieten. Dazu müsste jedoch der Wille der politisch Verantwortlichen vorhanden sein, und den sucht man bislang vergebens.


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Kommentare

Gregor von der Steinbach am 24.03.26, 10:06 Uhr

Wollte nur ergänzen: Meines Wissens sind die meisten Denunziantenbüros ("Meldestellen") in CDU/CSU-regierten Bundesländern. Also Günther, Wüst, Söder - Kanzlerkandidaten in Wartestellen outen sich damit als Demokratieverächter, Grundgesetzverächter, machtgeile Totalitärsten.

Gregor Scharf am 23.03.26, 16:04 Uhr

@Kersti Wolnow
Danke für die Preisgabe des Insiderwissens aus erster Hand. Wenn wir Glück haben, reicht es für unsere Generation noch. Die Nachfolgenden bekommen dann genau das, wonach sie streben, was sie selbst vorleben und gewählt haben. Jeder ist seines Glückes oder Unglückes Schmied. Das haben die heutigen jungen Generationen merhheitlich nicht verinnerlicht, weil sie sich nie anstrengen mussten. Schamgefühl kennen die auch nicht und Respekt ist ein Fremdwort.

Kersti Wolnow am 23.03.26, 10:45 Uhr

Denunziantentum kann sich nur durch Staaten entwickeln, die ideologiebelastet sind. Das waren die 12 Jahre, das war die ddR 40 Jahre lang und ist die neue brD seit 1990 wieder. Ich merkte es in den 90ern nach der Schlechtschreibreform, der es nur um neue Unterrichtsinhalte ging, an den der ddR angepaßten Lehrplänen und Schulbüchern, die fix aus der Tasche gezogen wurden, also vorbereitet waren. Die Deutschen wurden seit der Frankfurter Schule zu Unmoral und Charakterlosigkeit erzogen, dazu zählt auch das Denunziantentum. Das preußische Wertegerüst wurde am 25.2. 1947 mit der Auflösung Preußens durch die "Sieger" vernichtet.

Valentina Selge am 22.03.26, 17:00 Uhr

Mit Entsetzen verfolge ich den Prozess gegen Frau Block. Es sieht sehr nach einer Erpressung der Familie aus.
Dabei fiel mir die fremde Übernahme der Bertelsmannstiftung wieder ein, der leibliche Sohn Johannes Mohn ist raus.
Es ist jede Ethik verloren gegangen, nur noch die Gier nach Geld zählt.
Wenn Kinder zur Handelswaren oder zu Macht- oder Rache-Instrumenten werden, ist leider die Gesellschaft nicht mehr als lebenswert für Familien zu bezeichnen.

Gregor Scharf am 22.03.26, 14:32 Uhr

Falsch! Nicht das Eindämmen staatlich unterstützter Denunziationsportale schafft Abhilfe, sondern die Erziehung und Heranbildung selbstbewusster, tugendhafter und charakterfester Menschen, die sich einen Dreck um die Meinung ihrer Mitmenschen scheren, nicht von Minderwertigkeitskomplexen getrieben werden und erst recht nicht machen, was andere ihnen vorgeben, sondern ein eigenes, selbstbestimmtes Leben führen, in dem kein Platz ist für kriecherisches Verhalten gegenüber einer Obrigkeit, die sich für den elitären Nabel der Welt hält und die Dummheit mit Löffeln in sich hineingefressen hat, dass sie vor Angst um ihre Existenz selbst ihre eigene Mutter verraten würde und aus der Denunziation ein Geschäftsmodell macht.
Ich bin angewidert von dieser Entwicklung und werde womöglich noch erleben, dass sich der Wind dreht und dann gibt es die Verfolgung wegen Rufschädigung, Verleumdung, Meineid, Geschäftsschädigung und jede Menge Schadenersatzforderungen.
Ich habe fertig.

David L am 22.03.26, 00:53 Uhr

Ein Albtraum. Wir steuern hier auch auf diesen Weg zu. Das Klischee des entspannten Australiers verschwindet in diesen Zeiten der politischen Korrektheit zusehends.

In Unternehmen werden Mitarbeiter, die etwas „Falsches“ sagen, der Personalabteilung gemeldet. Falschparken wird in den sozialen Medien verbreitet. Bei einer Landtagswahl vor einigen Jahren heuerte die linksliberale Regierung eine LGBT-Lobbygruppe an, um homophobe Kommentare im Internet aufzuspüren und zu unterdrücken. :(

Peter Wendt am 20.03.26, 10:25 Uhr

Gibt es eigentlich etwas widerlicheres als andere Menschen zu denunzieren? D.h. Menschen, ohne deren Wissen anzuschwärzen und zu diffamieren. Anstelle des Disputes und der respektvollen Diskussion sowie des ringens um gemeinsam vertretbare Entscheidungen, tritt Misstrauen und Hass. Das sich ausgerechnet „unsere“ Demokraten von Grünrot, Tiefrot und grünschwarz lackiert diese Blöße geben ist bezeichnend für diese erfolgs- und antriebslose Truppe.

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