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„Die Polizei – dein Freund und Helfer“?

Wie Berlin vor einem Jahrhundert versuchte, Ordnung demokratisch zu denken – und warum es scheiterte

Prof. Dr. Stefan Piasecki
08.05.2026

Vor hundert Jahren, vom 25. September bis zum 17. Oktober 1926, fand in den alten Ausstellungshallen am Kaiserdamm in Berlin die sogenannte Große Polizei-Ausstellung (GPA) mit internationaler Beteiligung statt. Sie war verbunden mit dem dritten Internationalen Polizeikongress vom 26. bis 30. des Monats.

Wer am Eröffnungswochenende zum Kaiserdamm hinausfuhr, sah nicht nur den neuen Funkturm, der wie ein Symbol der Moderne in den Himmel ragte (siehe unten). Er sah auch Menschenmassen, die sich durch Ausstellungshallen schoben, neugierig, staunend, skeptisch. Drinnen: Tatortskizzen, Fingerabdrücke, beschlagnahmte Waffen, Verkehrsmodelle. Polizisten erklärten ihre Arbeit, zeigten Geräte, beantworteten Fragen. Kinder blieben vor den Uniformen stehen, Erwachsene diskutierten leise. Über allem ein Satz, der mehr sein will als Reklame: „Die Polizei – dein Freund und Helfer.“

Was in einer anderen Zeit banal klingen würde, war 1926 eine Zumutung. Denn die Polizei war für viele Deutsche alles andere als ein Freund. Sie war Erinnerung an das Kaiserreich, an Befehle, an Härte, an Distanz. Für Arbeiter war sie häufig Gegner, für konservative Kreise dagegen zu zögerlich, zu nachgiebig, zu wenig entschlossen.

Die Weimarer Republik hatte sich stabilisiert, so schien es. Die Inflation war überwunden, die politische Gewalt hatte nachgelassen. Doch unter der Oberfläche blieb das Land angespannt. Straßenkämpfe waren nicht verschwunden, nur seltener geworden. Das Misstrauen gegenüber dem Staat war geblieben – und die Polizei stand in dessen Zentrum.

Kurzfristig erfolgreiche Ausstellung

Carl Severing, sozialdemokratischer Innenminister Preußens, erkannte die Lage früh. Eine Republik, so seine Überzeugung, kann nicht mit einer Polizei bestehen, die in ihrem Denken und Handeln noch der alten Ordnung verpflichtet ist. Die Beamten waren im Kaiserreich geprägt worden, viele hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft. Sie kannten Hierarchie, Gehorsam, Befehl. Was ihnen fehlte, ist das, was die neue Ordnung verlangte: Bürgernähe, Vermittlung, das Verständnis für Konflikte in einer offenen Gesellschaft. Die politische Ordnung hatte sich 1918 radikal verändert, die Polizei aber nur langsam. Sie war ein Fremdkörper
geblieben.

Die Ausstellung in Berlin war daher kein gewöhnliches Schaufenster staatlicher Arbeit. Sie war ein politisches Projekt. Die Polizei sollte sich zeigen, erklären, rechtfertigen. Sie sollte sichtbar machen, dass sie sich verändert hatte – oder zumindest verändern wollte. Es ging um Vertrauen. Und um ein neues Selbstverständnis.

Wer durch die Hallen ging, begegnete einer Polizei, die sich modern gab. Tatorte wurden rekonstruiert, Spuren gesichert, Fingerabdrücke systematisch erfasst. Mithilfe von Blutuntersuchungen konnte bereits unterschieden werden, ob es sich um menschliches oder tierisches Blut handelte. Es sind Verfahren, die den Anspruch erheben, objektiv zu sein, wissenschaftlich, überprüfbar. Zum ersten Mal trat neben das Geständnis das Indiz, neben die Aussage die Spur. Die Polizei präsentierte sich als rationaler Akteur, nicht mehr nur als ausführendes Organ staatlicher Gewalt.

Es war eine stille Revolution. Einer ihrer wichtigsten Vertreter war Ernst Gennat, der Leiter der Berliner Mordinspektion. Seine Abteilung arbeitete mit einer Konsequenz, die selbst nach heutigen Maßstäben beeindruckend ist: systematische Auswertung, statistische Verfahren, akribische Dokumentation. Aufklärungsquoten, die an Vollständigkeit grenzen. Gennat steht für eine neue Idee von Polizei – eine, die nicht mehr nur reagiert, sondern versteht.

Auch an anderer Stelle zeigte sich der Wandel. Frauen traten in den Polizeidienst ein. Noch sind sie eine kleine Gruppe, ihre Aufgaben klar begrenzt: Jugendfürsorge, Schutz von Frauen, soziale Betreuung. Doch ihre Präsenz ist mehr als symbolisch. Sie steht für den Versuch, die Polizei anders zu denken: weniger als Machtapparat, mehr als Institution, die vermittelt, die kommuniziert, die Vertrauen schafft. Die Ausstellung inszenierte diesen Wandel bewusst. Der weibliche Polizist wurde zum Bild einer neuen, zivileren Ordnung.

Am deutlichsten wurde die Modernisierung jedoch im Alltag der Stadt. Berlin war Mitte der 1920er Jahre ein Ort der Beschleunigung. Autos, Straßenbahnen, Fahrräder und Fußgänger konkurrierten um Raum. Der Verkehr war chaotisch, unübersichtlich, gefährlich. Die Polizei reagierte mit neuen Formen der Steuerung. Am Potsdamer Platz stand ein Verkehrsturm, von dem aus ein Beamter den Strom der Fahrzeuge lenkte – ein Vorläufer der Ampel. Wenig später wurden erste Lichtsignalanlagen installiert. Die Polizei wurde hier nicht nur sichtbar, sondern unmittelbar erfahrbar. Sie organisierte den Alltag, strukturierte Bewegung, schaffte Ordnung in einer Welt, die schneller wurde.

Und doch blieb diese neue Polizei ambivalent. Denn während sie sich öffnete, blieb ein Bereich im Schatten: die politische Polizei. Sie beobachtete, sammelte Informationen, überwachte Organisationen. Kommunisten, Nationalsozialisten, andere Gruppen – alle standen unter Beobachtung. In einer Zeit wachsender politischer Spannungen erschien das notwendig. Doch die Methoden waren heikel. Sie bewegten sich an der Grenze zwischen Schutz der Demokratie und Eingriff in sie.

Die entscheidende Schwäche lag nicht nur in den Mitteln, sondern in den Strukturen. Viele Beamte stammten noch aus der alten Ordnung, ihre Loyalitäten waren nicht eindeutig. Die Institution war reformiert worden, aber nicht neu gegründet. Das zeigte sich wenige Jahre später mit erschreckender Klarheit. Nach 1933 wurde die politische Polizei nicht abgeschafft. Sie wurde übernommen, ausgebaut, radikalisiert. Aus ihr entstand die Gestapo. Die organisatorischen Grundlagen, die Akten, oft auch das Personal blieben. Was sich änderte, war der Zweck. Aus Beobachtung wurde Verfolgung. Aus Kontrolle wurde Terror.

Eine halbe Million Besucher

Vor diesem Hintergrund erschien die Polizeiausstellung von 1926 wie ein kurzer Moment der Möglichkeit. Ein Versuch, die Polizei neu zu erfinden, bevor die Geschichte eine andere Richtung nimmt. Der Satz „Polizei – Dein Freund und Helfer“ ist Ausdruck dieses Versuchs. Er steht für die Idee, dass staatliche Macht auf Vertrauen angewiesen ist – und nicht nur auf Durchsetzungskraft.

Doch die Voraussetzungen konnte die Weimarer Republik nur begrenzt bieten. Eine stabile politische Kultur, ein Mindestmaß an gesellschaftlichem Konsens, Institutionen, die nicht nur formal, sondern auch mental demokratisch verankert sind – all das war noch zerbrechlich und wenig gefestigt.

Zumindest kurzfristig war die Ausstellung erfolgreich. Sie brachte der Polizei Aufmerksamkeit, Sympathie, eine neue Öffentlichkeit. Sie zeigte, was möglich wäre. Aber sie konnte nicht verhindern, dass die alten Spannungen zurückkehrten. Dass die Gewalt wieder zunahm. Dass die Polizei erneut zwischen die Fronten geriet.

Am Ende bleibt eine Frage, die über das Jahr 1926 hinausweist: Ob eine Polizei tatsächlich „Freund und Helfer“ sein kann – oder ob sie immer auch ein Spiegel der Gesellschaft ist, in der sie handelt. Ob sie angesichts einer Verrohung der Gesellschaft nicht letztlich davon mehr beeinflusst wird, als ihre demokratischen Strukturen das gutheißen können. Die Berliner Ausstellung gab darauf fürs Erste eine optimistische Antwort. Die Geschichte seitdem fällt nüchterner aus.

• Prof. Dr. Dr. habil. Stefan Piasecki lehrt im Fach Historische Polizeientwicklung und ist Autor von Sachbüchern und Romanen.


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Kommentare

sitra achra am 16.05.26, 14:06 Uhr

Den letzten Satz des Artikels möchte ich angesichts der katastrophalen, willenlos hingenommenen Sicherheitslage hierzulande und der institutionellen Übergriffigkeit von Judikative und Exekutive energisch unterstreichen. Doch nichts gegen den einfachen Gemeindepolizisten!
Am Kadavergehorsam der Bevölkerung und seiner Funktionselite scheint sich nichts geändert zu haben, er ist abwechslungshalber nur links kostümiert.

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