28.07.2026

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Der Wochenrückblick

Die Rache der „Grauen“

Wer sich alles wehren darf und wer nicht, und wie elegant Zensur heute aussieht

Hans Heckel
13.06.2026

Gegen Streit „um die Sache“ habe sie ja gar nichts. Doch wenn es persönlich werde, sei doch eine Grenze überschritten, klagt Bärbel Bas. Und da hat es die SPD-Co-Chefin derzeit wirklich nicht leicht, findet sie. Ein „personifiziertes Feindbild“ sei sie geworden. Es sei gar nicht „einfach, das auszuhalten“.

Das tut uns ehrlich leid. Wir fragen uns natürlich, woher diese widerlichen Anwürfe kommen mögen, unter denen unsere sonst so tapfere Arbeitsministerin derart leiden muss. Der Verdacht fällt auf die einheimischen Deutschen, die sich von der Sozialdemokratin gerade darüber aufklären lassen mussten, dass sie eine „einheitsgraue“, sprich stinklangweilige Meute seien, deren einzig hervorstechendes Merkmal in ihrer „einheitsbraunen“, also Nazi-mäßigen Grundverseuchung bestehe.

Obwohl es Genossin Bas dabei natürlich ausschließlich „um die Sache“ ging und sie niemanden Konkretes anprangern wollte, könnte das der eine oder andere „Einheitsgraue“ doch tatsächlich persönlich genommen haben. Vielleicht ist bei einigen der vielen Millionen Gemeinten sogar die Neigung gewachsen, selber mal die Zunge rauszustrecken, und zwar in Richtung jener Frau, von der er solchermaßen abgefertigt wurden. Das indes findet Bärbel Bas vollkommen ungehörig, weshalb sie ihrem gekränkten Herzen gründlich Luft machte. Richtig so!

Diese Mischung aus aggressiver Attacke auf andere und zartfühlender Weinerlichkeit, wenn mal etwas zurückkommt, hat uns schon immer tief berührt.

Allerdings ist die Bas'sche Vorlage nicht davor geschützt, von üblen Gesellen missbraucht zu werden. Wir sprechen – hören und staunen Sie – von ausgemachten Rassisten. Sollte tatsächlich niemand ein Recht auf Beleidigtsein haben, wenn man „die“ Deutschen als „grau“ und „braun“ runterputzt, wie steht es dann um abfällige Pauschalurteile über „die“ Schwarzen, „die“ Orientalen oder „die“ Was-weiß-ich-Welchen? Gehen Anfeindungen gegen diese Gruppen dann auch in Ordnung, solange man niemanden persönlich aufs Korn nimmt?

Eine heikle Frage, auf die findige Köpfe allerdings längst eine Antwort gefunden haben. Sie lautet: Antiweißen oder gar antideutschen Rassismus gibt es gar nicht. Da haben wir freie Bahn und dürfen alles rausgrölen, was uns finstere Freude macht. Gegen Weiße oder Deutsche ist alles erlaubt.

Um sich diesen unschuldigen Spaß nicht zu vermiesen, darf man allerdings nicht allzu tief nachdenken. Sonst stößt man auf einen ziemlich hässlichen Kern: Natürlich kann sich Rassismus grundsätzlich gegen jede erdenkliche, irgendwie ethnisch definierte Gruppe richten, also auch gegen Weiße oder Deutsche. Wer antideutschen oder antiweißen Rassismus für unmöglich erklärt, sagt daher ganz etwas anderes. Nämlich, dass die genannten Gruppen kein Recht hätten, sich gegen einen auf sie gerichteten Rassismus zu wehren oder ihn gar anzuprangern.

Damit offenbart die Aussage „antiweißen Rassismus gibt es nicht“ selbst eine durch und durch rassistische Grundeinstellung, deren infame Selbstgerechtigkeit schamlos zum Himmel stinkt. Denn die dümmliche Behauptung, dass bestimmten ethnischen Gruppen per Geburt weniger Rechte zukämen als anderen, ist das schäbige Fundament, aus dem noch jeder Rassismus gewachsen ist. Ein junger weißer Brite namens Henry Nowack hat diesen Rassismus gerade mit dem Leben bezahlt. Sie werden es in den Medien mitbekommen haben.

Medien sollen „verlässlich“ werden

Wobei wir über Medien mal dringend reden müssen. Manchen etablierten Politikern ist aufgefallen, dass sie dort längst nicht so gut wegkommen, wie sie es für angemessen halten. Bärbel Bas ist bei Weitem nicht die einzige, die sich nicht hinreichend gewürdigt fühlt. Daher haben die Landesmedienanstalten von Bayern und NRW ein Konzept vorgelegt, wie der Gesetzgeber dafür sorgen könnte, dass es vor allem im Internet freundlicher zugeht.

Laut dem Vorhaben sollen die Beiträge „verlässlicher“ Medien bevorzugt werden, sodass der Leser die Posts allzu kritischer Formate nur noch ganz hinten, also am besten gar nicht mehr, findet. Wer den Orden für Verlässlichkeit erhält und wer zur Seite gekehrt wird, sollen die Medienanstalten entscheiden.

Ganz oben dürften die öffentlich-rechtlichen Anstalten landen. Selbst wenn deren Artikel kaum einer lesen will, würden sie im Netz ganz vorn laufen, während die Beiträge oppositioneller Anbieter trotz hohen Interesses nach hinten geschoben würden – damit das böse Zeug zumindest nicht noch mehr Leute wahrnehmen. Bevorzugt werden sollen Medien, die „Public Value“ liefern, also „wertvolle“ Beiträge. Wer „wertvoll“ ist, soll von oben beschlossen werden.

Viele von Ihnen kennen das aus Tagen, die zum Ende der 1980er Jahre plötzlich vorbei waren. Bis dahin sah man in einem bestimmten Teil Deutschlands auch überall Zeitungen herumhängen mit so klangvollen Namen wie „Neues Deutschland“ oder „Junge Welt“. Die haben zwar fast niemanden interessiert. Weil die Staatsführung die Blätter aber für ganz besonders „wertvoll“ hielt, stieß man an allen Zeitungsständen auf sie. Was wirklich gelesen wurde, stammte dagegen von kleinen, geheimen Redaktionen, deren Erzeugnisse heimlich von Hand zu Hand gereicht wurden.

„Public Value“ ist demnach keineswegs ein neues Konzept. Wer öffentlich an die historischen Parallelen erinnert, muss wohl allerdings damit rechnen, von den neuen Zensoren im Netz demnächst soweit nach hinten geschoben zu werden, dass ein Verbot wie seinerzeit in der DDR heute weitgehend überflüssig wäre. Ihn fände außer ein paar Eingeweihten eh keiner mehr.

Was das digitale Zeitalter doch für elegante Möglichkeiten eröffnet! Die Obrigkeit kann zensieren, ohne dass es formell Zensur wäre. Das ist wie mit Matsch schmeißen, ohne sich die Finger dreckig zu machen. Nur wer das „Public Value“-System durchschaut, erkennt den autoritären Schmutz. Das werden hoffentlich nur wenige sein. Und mit denen wird man schon fertig.

Notfalls mit dem Strafrecht. So heißt es in einem Eckpunktepapier der Rundfunkkommission, dass „unzulässige (Netz-)Inhalte“ geahndet und zugleich gelöscht werden müssten. Darunter fiele beispielsweise die „Beschimpfung von religiösen Bekenntnissen“, wobei wir uns jede Vermutung verkneifen, welches „religiöse Bekenntnis“ sich hier besonders häufig „beschimpft“ fühlen und entsprechende Repressionsmaßnahmen fordern könnte. Die Kommission ist ein Instrument der Ministerpräsidenten, das den Landesmedienanstalten die Vollmacht erteilen will, Inhalte schon auf Verdacht und ohne richterliches Urteil löschen zu lassen.

„Die Freiheit stirbt immer zentimeterweise“, warnte der früh verstorbene Guido Westerwelle bei seiner Abschiedsrede als FDP-Chef im Jahr 2011. Derzeit reiht sich ein Zentimeter an den anderen.


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Kommentare

Peter Wendt am 15.06.26, 07:48 Uhr

Manchmal frage ich mich, wenn ich den Vertretern von CDU, Grünen und SPD zuhöre, ob das wirkliche Demokraten sind oder einfach nur autoritäre linke Spinner, denen es an demokratischer Erziehung und Bildung fehlt. Was da so zur Züchtigung aufmüpfiger ( aufmüpfig oder souverän und selbstbestimmt?) Bürger so erwogen wird, ein Alptraum. Selbstkritik? Null.

Andreas Nickmann am 13.06.26, 10:14 Uhr

Zitat: Und da hat es die SPD-Co-Chefin derzeit wirklich nicht leicht, findet sie. Ein „personifiziertes Feindbild“ sei sie geworden. Es sei gar nicht „einfach, das auszuhalten“.

Say it with me: keine Arbeitsministerin vor ihr hat sowas durchmachen müssen

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