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Ein Schatztempel der deutschen Kultur

Kaiser Wilhelm I. eröffnete vor 150 Jahren in Berlin die (Alte) Nationalgalerie – Jubiläumsausstellung mit einem Skandalwerk

Veit-Mario Thiede
28.03.2026

Bei ihrer Eröffnung vor 150 Jahren hieß sie „Nationalgalerie“, seit der deutschen Einheit trägt sie den Namen „Alte Nationalgalerie“. In der „Vossischen Zeitung“ stand am 22. März 1876 über das neue Kunstmuseum: „Am gestrigen Tag, dem 21. d. M., eröffnete der Kaiser ohne weitere äußere Feierlichkeit durch seinen Besuch das zur Vollendung gebrachte Gebäude der Nationalgalerie.“ Einen Tag nach dem Besuch Kaiser Wilhelms I. durfte sich das Volk im neuen Museum umsehen. Es kam zu einem Publikumsansturm. Daher entschied die Museumsleitung, nicht mehr als 500 Personen gleichzeitig ins Haus zu lassen.

Die mit Nebraer Sandstein verkleidete Alte Nationalgalerie ist der größte Blickfang der Museumsinsel. Erste Skizzen zum Aussehen lieferte der als „Romantiker auf dem Thron“ bezeichnete König Friedrich Wilhelm IV. Auf ihrer Grundlage arbeitete August Stühler die Baupläne aus. Nach seinem Tod übernahm Heinrich Strack die Bauleitung des ab 1867 errichteten Gebäudes. Die markante Stirnseite präsentiert sich als hinter einer mächtigen Freitreppe aufgesockelter tempelartiger Bau mit offener Säulenvorhalle. Der heutige Museumseingang liegt ebenerdig in der Mitte der Treppenanlage und war früher die Durchfahrt für Kutschen.

Unter dem Dreiecksgiebel steht in goldener Schrift „Der deutschen Kunst MDCCCLXXI“ und verweist somit durch die Jahreszahl 1871 auf die Gründung des deutschen Kaiserreichs. Das gab es noch nicht, als der Berliner Bankier Joachim Heinrich Wilhelm Wagener mit seinem Testament von 1859 dem damaligen Kronprinzen Wilhelm seine 262 überwiegend deutsche zeitgenössische Gemälde umfassende Sammlung stiftete. Daran knüpfte er die Bedingung, sie als Grundstock für eine stetig zu erweiternde Kollektion deutscher Kunst zu betrachten, die in einem öffentlich zugänglichen Nationalmuseum ausgestellt werden soll.
Figurenfries mit Kant und Co.

Die Alte Nationalgalerie weist am und im Bau zahlreiche eigens für sie geschaffene Kunstwerke auf. An der Treppenanlage befinden sich unten die von Moritz Schulz geschaffenen allegorischen Figurengruppen der Bildhauerei und der Malerei. Auf dem ersten Treppenpodest erhebt sich das aus Bronze geschaffene Reiterstandbild des Begründers der Museumsinsel: König Friedrich Wilhelm IV. Das 1886 enthüllte Werk geht auf einen Entwurf Gustav Blaesers und ein von Alexander
Calandrelli geschaffenes Modell zurück.

Um den Sockel sitzen die Allegorien der Religion, Kunst, Geschichte und Philosophie. Auf den beiden oberen Geländerabschlüssen zeigen sich Karl Mosers Allegorie der Kunsttechnik und Calandrellis Allegorie des Kunstgedankens. Und ganz oben wachen hinter der Giebelspitze die von Rudolf Schweinitz geschaffenen Allegorien der Baukunst, Bildhauerei und Malerei über die Alte Nationalgalerie.

Ausführlich wird am und im Bau die deutsche Kultur gefeiert. In der Mitte des Giebelreliefs sehen wir die Germania, die sich mit ausgebreiteten Armen als Beschützerin der Künste zu erkennen gibt. Auf der Rückwand der Säulenvorhalle befindet sich ein von Moritz Schulz geschaffener Fries mit 68 Hauptvertretern deutscher Kunst von der Zeit Karls des Großen bis ins wilhelminische Kaiserreich. An den Längsseiten der Außenfassade sind mit goldener Schrift 36 deutsche Künstlerpersönlichkeiten verzeichnet. Im Inneren geht es weiter. Das Treppenhaus umzieht auf halber Höhe ein Figurenfries von Karl Geyer, der von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zur Kaiserproklamation 1871 reicht. Geyers kulturgeschichtlicher Fries zeigt Maler, Dichter, Komponisten, Architekten, Herrscher und Erfinder. Da sitzt etwa der Komponist Bach an der Orgel, der Königsberger Philosoph Kant wendet sich König Friedrich II. zu, Schiller und Goethe geben sich die Hand.

Skandal um „Mors Imperator“

Die nach schweren Kriegsschäden wieder aufgebaute und nach der Generalsanierung vor 25 Jahren neu eröffnete Alte Nationalgalerie präsentiert auf drei Ausstellungsetagen Gemälde und Skulpturen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Überwiegend handelt es sich um deutsche Meisterwerke, aber auch der im zweiten Ausstellungsgeschoss untergebrachte französische Impressionismus ist glänzend vertreten. Besondere Akzente setzen die Malerei des Romantikers Caspar David Friedrich und Werke des von Wagener gesammelten Klassizisten Karl Friedrich Schinkel, denen jeweils ein ganzer Saal im dritten Ausstellungsgeschoss gewidmet ist. Breit vertreten ist vom „Eisenwalzwerk“ (1872–1875), über das „Flötenkonzert Friedrichs des Großen“ (1850–1852) bis hin zum „Karrengaul“ (um 1844) die vielseitige Malerei Adolph Menzels im Hinteren Quersaal und den fünf Kabinetten der Apsis im ersten Ausstellungsgeschoss. Das erste und somit auch das abschließende Werk, das die Besucher erwartet, ist die anmutige Prinzessinnengruppe (1795–1797) des Bildhauers Johann Gottfried Schadow.

Zur 150-Jahr-Feier des Hauses wird bis zum 15. November die Ausstellung „Skandal! Hermione von Preuschen und der ,Mors Imperator'“ präsentiert. Die hessische Malerin und Schriftstellerin wollte das Gemälde „Mors Imperator“ 1887 auf der Ausstellung der Berliner Akademie der Künste zeigen. Die Jury wies es zurück, weil sie es als beleidigende Anspielung auf den 90 Jahre alten Kaiser Wilhelm I. beurteilte. Das Gemälde zeigt ein Skelett mit Zackenkrone auf dem Schädel, das einen Thron umstößt und einen Fuß auf eine Weltkugel gestellt hat. Der Tod wird hier als der wahre Herrscher über die Welt dargestellt. Das Gemälde fand ein breites Presseecho und machte die Künstlerin schlagartig berühmt. Sie stellte das zurückgewiesene Bild in einem angemieteten Raum aus und verzeichnete damit einen großen Publikumserfolg.


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