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Die deutsche Wehrbranche wächst stürmisch und erobert den Weltmarkt. Doch dauerhafter Erfolg erfordert Planung über die derzeitige Weltlage hinaus
Nach dem Ende des Kalten Krieges galt die Rüstungsindustrie als Auslaufmodell. Werke wurden geschlossen, Ingenieure wanderten ab. Der russische Angriff auf die Ukraine änderte alles. Ex-Kanzler Olaf Scholz verkündete eine „Zeitenwende“ und stellte Milliarden für die Bundeswehr bereit.
Neue Investitionen häufen sich: Rheinmetall will seine Autofabriken in Berlin und Neuss zu Militärwerken umbauen. „Die Werke werden von der industriellen Stärke und der hohen Nachfrage profitieren“, heißt es aus dem Konzern. Der deutsch-französische Panzerbauer KNDS übernimmt das Alstom‑Werk in Görlitz, um Baugruppen für Leopard‑2‑ und Puma‑Panzer zu fertigen; 580 Arbeitsplätze bleiben. Das Bundeskartellamt winkte den Deal in der vergangenen Woche durch. In Unterlüß entsteht zudem eine neue Munitionsfabrik, die laut Rheinmetall-Chef Armin Papperger die strategische Souveränität sichert.
Doch der Boom beschränkt sich nicht auf die großen Namen. Eine neue Generation von Start‑ups mischt die Branche auf – vor allem bei Drohnen. Die bayerische Firma Quantum Systems entwickelt KI‑gesteuerte Aufklärungsdrohnen und gilt als erstes Verteidigungs‑Einhorn Deutschlands. 2025 sammelte sie 160 Millionen Euro ein, wird mit über einer Milliarde bewertet und liefert Drohnen an die Bundeswehr, die Ukraine und andere Partner. „Man kann nur schießen, wenn man weiß, wohin – man braucht Augen am Himmel“, so Mitgründer Florian Seibel.
Revolutionäre Technik
Das Unternehmen produziert bis zu 4.000 Drohnen pro Jahr, beschäftigt rund 550 Mitarbeiter und hat den Umsatz von 110 Millionen Euro im Jahr 2023 auf mehr als 300 Millionen Euro gesteigert. Wingcopter aus Hessen hat sich kürzlich mit der ukrainischen TAF Industries zusammengetan: Die Firmen wollen in Deutschland Aufklärungsdrohnen bauen, um die Front zu versorgen. Wingcopter‑Chef Tom Plümmer sagt, man baue „eine nachhaltige industrielle Brücke zwischen Deutschland und der Ukraine“ und wolle Arbeitsplätze sichern. Die Wingcopter‑Drohnen besitzen einen Kipprotor und verbinden senkrechten Start mit effizientem Flug; die neue Sicherheitssparte ergänzt das Liefergeschäft. Sie boomt.
ARX Robotics hat im Januar 2025 in der Region München die größte Produktionsstätte für unbemannte Landfahrzeuge Europas eröffnet. „Unser neues Werk ist ein Meilenstein – unbemannte Systeme können das Fähigkeitsgefälle überbrücken und Europas strategische Autonomie stärken“, betont CEO Marc Wietfeld. ARX hatte seine Kapazität zuvor um das 30-fache gesteigert und liefert unbemannte Fahrzeuge an europäische Streitkräfte. Weitere Start‑ups entwickeln Schwarm‑ Software, um Dutzende Drohnen zu steuern, und kombinieren 3D‑Druck mit Leichtbau. Sie zeigen echtes Potenzial.
Parallel dazu wandelt sich die Zulieferlandschaft. Eine Umfrage ergab, dass fast ein Drittel der deutschen Industrieunternehmen Chancen im Verteidigungssektor sieht; jeder sechste Betrieb ist Teil der Lieferkette. DIHK‑Experte Rainer Kambeck spricht von „guten Perspektiven“ als Folge der geopolitischen Konflikte. Nach der Erhebung produzieren 6,9 Prozent der Firmen duale Produkte, 7,6 Prozent sind Zulieferer und 2,5 Prozent fertigen ausschließlich militärische Güter. Insgesamt gehören 17 Prozent der Industrie zur Rüstungslieferkette. Das zeigt, wie breit die Branche in die Wirtschaft hineinreicht und dass es keinen Rüstungsrausch gibt. Der Markt wird von Schwergewichten wie Rheinmetall, Hensoldt, Diehl und Renk dominiert. Rheinmetall erzielt 78 Prozent seines Umsatzes mit Panzern, Munition und Luftabwehr und verdoppelte 2024 seinen Gewinn, während die Autosparte schrumpfte. Einnahmen fließen auch aus paneuropäischen Verbünden wie KNDS und MBDA.
Der Waffenexport boomt
Entscheidend für die volkswirtschaftliche Bilanz ist aber der Export. Dass Aufträge aus Steuermitteln bezahlt werden, ist ein gängiger Kritikpunkt, doch Exporte bringen Geld ins Land zurück. Die deutschen Waffenschmieden liefern mehr als die Hälfte ihrer Güter ins Ausland. 2024 genehmigte der Bund Ausfuhren im Wert von 13,33 Milliarden Euro, überwiegend an EU‑ und NATO‑Partner.
Deutschland hält mittlerweile 5,7 Prozent des globalen Waffenhandels. Größter Empfänger ist die Ukraine; weitere große Abnehmer sind Singapur, Algerien und die USA. Im Marineschiffbau in Norddeutschland liegen die Exporte bei mehr als
50 Prozent.
Berlin will den Wehretat von 86 Milliarden Euro 2025 auf 152 Milliarden 2029 erhöhen. Ein 350‑Milliarden‑Programm bis 2041 sieht hunderte Leo‑2‑Panzer, rund 5.000 Boxer‑Transportpanzer und neue Kampfflugzeuge vor. Diskutiert wird auch eine langfristige Erhöhung des Verteidigungsetats auf fünf Prozent des BIP. Experten warnen, dass nur etwa acht Prozent des 100‑Milliarden‑Sondervermögens an US‑Lieferanten gehen und eine allzu nationale Ausrichtung Kunden verschrecken könnte.
Doch so ermutigend die Entwicklung auch erscheint: Eine Veränderung der Weltlage oder leere Staatskassen könnten den Höhenflug abrupt beenden. Denn auch eine boomende Sicherheitsbranche bleibt abhängig von politischem Willen und globalen Entwicklungen. Damit das Comeback nicht zum kurzen Rausch wird, braucht die Branche neben Aufträgen vor allem eines: eine langfristige Strategie.