Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Nach dem Ersten Weltkrieg führte der Schlesier Detlev Schmude ausreisewillige Landsleute in den Iran
Deutschland ist eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt. So ziehen sich durch die deutsche Geschichte die Versuche von Deutschen, anderswo ihr Glück zu finden. Bekannt sind die Ansiedlungen von Deutschen in Nord- und Südamerika, Russland, Siebenbürgen sowie den Kolonien des Deutschen Reiches. Weniger bekannt dürfte die sogenannte Schmude-Expedition sein, der vor rund hundert Jahren unternommene Versuch von Deutschen, in Persien sesshaft zu werden.
Der Initiator dieser deutschen Auswanderungsexpedition, der vormalige Artilleriehauptmann Detlef Schmude, versprach Hunderten Interessenten eine neue Existenz in Persien: landwirtschaftliche Siedlungen, sichere Arbeit, Absatzmärkte für deutsche Maschinen. Ein nicht zu unterschätzender Grund für die anfängliche Überzeugungskraft Schmudes lag in seiner vorherigen Tätigkeit bei Siedlungsprojekten, auf die er sich selbst immer wieder berief.
Nach dem Ersten Weltkrieg war der 1886 im schlesischen Kupferberg geborene Preuße an mehreren Selbsthilfeprojekten beteiligt gewesen, bei denen sich Menschen eigenhändig Wohnraum schufen. Die unmittelbare Nachkriegszeit war von wirtschaftlichem Umbruch und einer erzwungenen hohen Mobilität der Bevölkerung geprägt. Zurückkehrende Soldaten und ihre Familien brauchten Wohnraum, Firmen schlossen, Industrien entstanden an anderen Orten, Deutsche verließen die nun polnisch gewordenen Siedlungsgebiete an der Warthe freiwillig oder wurden von dort verdrängt – Bedingungen, unter denen improvisierte Siedlungsprojekte zumindest zeitweise funktionierten und Hoffnung spendeten. Allerdings handelte es sich dabei um kleinräumige, kurzfristige Vorhaben, mit vorhandener Infrastruktur und staatlicher Restkontrolle.
Fehleinschätzungen Schmudes
Schmude agierte auch weniger als strategischer Planer denn als organisatorischer Mittelsmann zwischen Behörden, Geldgebern und Siedlungswilligen. Seine Rolle war pragmatisch, nicht konzeptionell. Diese begrenzten Erfahrungen wurden später von der Presse, aber auch von ihm selbst, überhöht und verallgemeinert – und von jenen, die in ihm eine Führungsfigur für den großen Ausbruch aus der deutschen Krise sehen wollten. Gerade hierin lag die zentrale Fehleinschätzung: Schmude glaubte, Modelle, die in Deutschland unter notdürftiger staatlicher Aufsicht noch funktioniert hatten, ließen sich auf ein Land wie Persien übertragen – ohne gesicherte Rechtsverhältnisse, ohne belastbare Verträge, ohne tiefere Kenntnis lokaler Machtstrukturen sowie klimatischer und kultureller Bedingungen. Seine früheren Projekte erklärten somit weniger eine besondere Kompetenz als vielmehr eine Selbstsicherheit, die ihn gegen die Warnungen erfahrener Diplomaten, Fachleute und Kenner der Region immun machte. Die Persien-Expedition war nicht der Anfang seiner Tätigkeit – aber sie war der Punkt, an dem sich zeigte, wie gefährlich es ist, punktuelle Erfolge aus Europa auf vollkommen andere Räume zu projizieren. In einer Zeit, in der Inflation, Arbeitslosigkeit und politische Instabilität den Alltag bestimmten, klangen diese Verheißungen wie ein Rettungsanker. Die Realität jedoch war eine andere.
Dass Persien Mitte der 1920er Jahre überhaupt als Auswanderungsziel in den Blick geriet, war weniger seinen realen Möglichkeiten geschuldet als den globalen Migrationsbarrieren jener Zeit. Mit dem Johnson-Reed Act von Anfang 1924 schlossen die USA ihre Grenzen nahezu vollständig für europäische Einwanderer. Einwanderungsquoten und Visaauflagen machten die Vereinigten Staaten – bis dahin das klassische Ziel deutscher Auswanderung – faktisch unerreichbar. Ausweichrouten führten nach Südamerika, nach Kanada – und in exotischere Richtungen wie Persien. Dort hatte der Machtantritt Reza Khans ab 1921 den Eindruck eines Modernisierungsaufbruchs erzeugt. Infrastrukturprojekte, deutsche Ingenieure, angekündigte Luftverkehrsverbindungen der Firma Junkers – all das nährte die Vorstellung, Persien sei ein Land der Zukunft für tatkräftige Europäer. Diese Projektionen übersahen jedoch systematisch die rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Realitäten vor Ort. Hinzu kam für Schmude vermutlich, dass er Anhänger einer religiösen Sekte war, die sich auf persisch-asiatische Elemente berief, tatsächlich aber frei erfunden war.
Bemerkenswert ist zudem, wie klar und frühzeitig Fachleute vor dem Unternehmen warnten. Der deutsche Gesandte in Teheran, Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, hielt die Ansiedlung deutscher Siedler für gefährlich und wirtschaftlich nicht tragfähig. Auch der Bund der Asienkämpfer, ein Zusammenschluss ehemaliger Frontoffiziere mit Ortskenntnis, riet dringend ab. Ihre Argumente waren nüchtern: Ausländer konnten keinen Grundbesitz erwerben, Verträge waren unsicher, Transportwege prekär, Löhne extrem niedrig. Doch Warnungen passten nicht zur Sehnsucht nach einem Neubeginn.
„Die Straße der Zehntausend“
Trotz aller Einwände brach die Expedition im Sommer 1924 auf. Die Route führte über Österreich, Bulgarien und die Türkei nach Persien. Schon unterwegs zeigten sich organisatorische Mängel, finanzielle Unklarheiten und interne Konflikte. Vor Ort angekommen, zerplatzten die Versprechen endgültig. Die angeblichen Zusagen persischer Stellen erwiesen sich als wertlos, das eingezahlte Geld war verschwunden oder zweckentfremdet, konkrete Arbeitsmöglichkeiten existierten nicht. Die Teilnehmer verarmten rasch. Hochqualifizierte Handwerker arbeiteten für Hungerlöhne, manche mussten sich zu Fuß über Hunderte Kilometer nach Teheran durchschlagen, um Hilfe bei der deutschen Gesandtschaft zu erbitten.
Begleitet wurde die deutsche Auswanderungsexpedition nach Persien von dem Redakteur der „Berliner Tageszeitung“ Cheskel Zwi Klötzel. Der auch unter den Namen C. Z. Klötzel, Hans Klötzel oder Cheskel Zwi Kloetzel bekannte Journalist und Kinderbuchautor verarbeitete seine Erlebnisse zu einem Buch, „Die Straße der Zehntausend. Mit der Schmude-Expedition nach Persien“, das 1925 im Hamburger Verlag Gebrüder Enoch erschien. „Die Straße der Zehntausend“ wirkt heute fast wie ein Lehrstück über politische Verblendung, Auswanderungsillusionen und das Scheitern schlecht vorbereiteter Großprojekte. Was als hoffnungsfrohe Aufbruchserzählung begann, endete in Armut, Betrug und Desillusion – und sagt mehr über das Deutschland der Zwischenkriegszeit als über Persien. Rund hundert Jahre später ist „Die Straße der Zehntausend“ nun in einer überarbeiteten und ergänzten Fassung unter dem Titel „,Der Wille, der sich die Welt baut.' Mit offenen Augen in den Untergang“ neu herausgegeben worden.