01.08.2021

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Ostpreußische Museumsstücke

Eine Biene wird Teil der Frauenbewegung

Die Begründerin der Landfrauenorganisation Elisabet Boehm

Christoph Hinkelmann
14.04.2021

Wer im ländlichen Raum lebt, weiß: Der Erfolg eines Dorffests hängt wesentlich an den Landfrauen. Was nicht alle wissen: Die Gründerin dieser so erfolgreichen Vereinigung lebte und wirkte in Ostpreußen.

Elisabet Boehm, geborene Steppuhn, wurde 1869 als Tochter eines Gutspächters in Rastenburg geboren, in einer Zeit großer Umbrüche in Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft. Gerade auf den von Bürgerlichen geführten Gütern setzte man nicht zunehmend weniger auf Ertragsmaximierung, sondern auf Verarbeitung, Veredlung und Vermarktung der eigenen Produkte – ein Wirtschaftsfeld, das oft den Gutsfrauen oblag.

Erkannte die Lage und handelte

Mit 21 Jahren heiratete sie und wurde Gutsherrin auf einem heruntergekommenen Betrieb, ein Hochzeitsgeschenk des Schwiegervaters, den ihr Mann mühsam wieder hochbrachte. Rasch wurde ihr bewusst, dass sie zwar über eine ausgezeichnete „bürgerliche“ Allgemeinbildung verfügte, ihr für all die vielen Aufgaben, die sie als Chefin für das Innere eines Betriebes zu bewältigen hatte, jedoch viele Kenntnisse fehlten. Dies war die Initialzündung zu ihrer Suche nach Frauen in ähnlicher Lage wie
sie.

Gemeinsam wurde gelesen und sich in kleinen „Kränzchen“ fortgebildet, bis die Damenrunde 1898 in Rastenburg den ersten „Landwirtschaftlichen Hausfrauenverein“ der Welt gründete. Er setzte es sich zur Aufgabe, auf dem Land tätige Frauen zu bilden und zu fördern sowie Verkaufsstellen in den Städten einzurichten, in denen die von den Frauen produzierten Lebensmittel wie Früchte, Gemüse oder Eier angeboten wurden. Die Verkaufserlöse bedeuteten ein wichtiges Zusatzeinkommen.

Lobbyistin ihrer Zeit

Die gute Idee fand schnell Nachahmer: Zunächst in Ostpreußen, dann in ganz Deutschland wurden Landwirtschaftliche Hausfrauenvereine (L.H.V.) gegründet. Im Ersten Weltkrieg, als die volkswirtschaftliche Bedeutung der Landfrauenprodukte offensichtlich wurde, fanden sich die Vereine zum „Reichsverband L.H.V.“ unter dem Vorsitz von Elisabet Boehm zusammen und waren aus der Nahrungsmittelversorgung nicht mehr wegzudenken. Die Landfrauenorganisation förderte die Ausbildung junger Frauen als Vorbereitung auf ihre Aufgaben als Verantwortliche für Haushalt und Hauswirtschaft, sie beriet sie auf dem Land in allen Bereichen, setzte sich unter anderem für Verbreitung der Imkerei, des Gartenbaus, der Geflügelzucht ein. Nach dem Ersten Weltkrieg kam die Optimierung von Arbeitsräumen und Haustechnik hinzu. Überall wurden Schulen für Landfrauen gegründet, mit denen ein systematischer Aufbau des ländlich-hauswirtschaftlichen Ausbildungswesens verbunden war.

Mit den neuen Aufgaben und nicht zuletzt dank nunmehr professioneller Ausbildung erwuchs den Landfrauen ein neues Selbstbewusstsein. Das Engagement Elisabet Boehms führte 1920 zur Gewährung des aktiven und passiven Wahlrechtes der Landfrauen in den Landwirtschaftskammern. Dank ihr wurden dort auch Abteilungen für ländliche Hauswirtschaft unter weiblicher Leitung eingerichtet, ebenso wie ein Frauenreferat im Landwirtschaftsministerium. Elisabet Boehm sah ihre Verbandsarbeit immer auch als Teil der damaligen Frauenbewegung.

Die Grundlage der Landfrauen

Das Ölgemälde von Peter Paul Tomrod zeigt Elisabet Boehm 1929 als 70-Jährige, dem Jahr, in dem sie den Vorsitz niederlegte. Sie trägt eine Brosche, die einer Biene nachgebildet ist. Tatsächlich zeigt das Museum auch eine Kette Elisa-
bet Boehms mit den „Bienen“ aller Landesverbände. Sie selbst hat sich die Biene als Symbol für die Landfrauenorganisation ausgesucht. Das ist sie bis heute. Sie steht nicht nur für den sprichwörtlichen Fleiß oder für unerschöpflichen Arbeitswillen, sondern auch für Gemeinschaftssinn, staatsbürgerliche Verantwortung, soziales Engagement, Aufgeschlossenheit, Einsatzfreude und Qualität. Auf dieser Grundlage wirken die Landfrauen bis heute.

• Christoph Hinkelmann ist Kurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Ostpreußischen Landesmuseums mit Deutschbaltischer Abteilung und Brauereimuseum, Heiligengeiststraße 38, 21335 Lüneburg
Internet: www.ol-lg.de



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