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Anders, besser, erfolgreicher – Kassel und Gotha nehmen Rembrandts Durchbruch im Jahr 1632 unter die Lupe
Stolz ist, wer einen Rembrandt besitzt! Doch kann man sich dessen immer sicher sein? Die Zahl der Zu- und Abschreibungen an den großen Meister variiert in erstaunlichem Maße, seit sich Kunsthistoriker mit diesem Thema beschäftigen. Berühmtes Beispiel ist „Der Mann mit dem Goldhelm“. Das in der Gemäldegalerie Berlin am Kulturforum gezeigte Ölgemälde wurde lange Rembrandt zugeschrieben und gilt heute als Werk aus dessen Umkreis.
Mitverantwortlich dafür ist das 1968 gegründete Rembrandt Research Projekt (RRP), das als unabgeschlossenes Projekt 2014 endete. Im Jahr 2015 galten 349 Werke als echte Rembrandts. Eine verbindliche Zahl gab es nie und wird es wohl auch nie geben. Oder wie es im Katalog der aktuellen Kasseler Ausstellung „Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“ heißt: „Das Feld ist aufgelassen zugunsten einer Bandbreite ,rembrandtartiger' Gemälde, die zwischen Meister, Werkstatt, Schüler und Umkreis changieren.“ Wie bei jeder Rembrandt-Ausstellung richtet sich der Blick daher auch hier auf den aktuellen Forschungsstand.
Dem wirtschaftlichen Aufstieg der Niederlande im 17. Jahrhundert zur reichsten Nation der Welt entsprach ein in der Kunstgeschichte beispielloses Goldenes Zeitalter der Malerei. Rembrandt als sein wichtigster Protagonist lebte in Konkurrenz zu rund 700 anderen niederländischen Malern, die jährlich etwa 70.000 Gemälde fertigstellten.
Die Rembrandt-Sammlung der Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel mit zwölf Originalen bildet die Basis der aktuellen Ausstellung. Sie untersucht in Kooperation mit Beständen der Friedenstein Stiftung Gotha und 49 hochkarätigen Leihgaben von 25 internationalen Leihgebern unter anderem aus Amsterdam, Berlin, London, Stockholm und Wien einen in vielerlei Hinsicht – biografisch, stilistisch und ökonomisch – entscheidenden Wendepunkt in Rembrandts Leben.
Mit 26 Jahren zog Rembrandt 1632 von der Universitätsstadt Leiden in die boomende Handelsmetropole Amsterdam. Seine erste Adresse war das Wohn- und Werkstatthaus des Kunsthändlers Hendrick Uylenburgh, von wo aus er sich in kürzester Zeit einen Namen als gefragtester Porträtmaler der feinen Amsterdamer Gesellschaft machte. Mit prall gefülltem Auftragsbuch schuf er so viele Werke wie in kaum einem anderen Jahr: insgesamt 32. Eine Karte in der Ausstellung zeigt, wo sich die Arbeiten von 1632 heute über die Welt verstreut befinden.
Selbstbewusst begann er nicht mehr mit seinem Monogramm RHL (für Rembrandt Harmenszoon aus Leiden), sondern – wie Raffael oder Tizian – mit seinem Vornamen zu signieren. Die Marke „Rembrandt“ war geboren. Sein Ziel, in die Amsterdamer Gilde aufgenommen zu werden, um als Meister eine eigene Werkstatt mit Mitarbeitern und Lehrlingen führen zu können, erreichte er 1634. Zu diesem Zweck fertigte er bereits 1632 ein Selbstporträt an, das ihn als stolzen Bürger mit Hut und Halskrause zeigt.
Selbstbildnisse ziehen sich wie ein roter Faden durch Rembrandts Werk. An die achtzig, je zur Hälfte Gemälde und Druckgrafik, sind bis dato bekannt. Sie entstanden aus heutiger Sicht jedoch nicht aus Selbstverliebtheit, sondern als Strategie, um auf dem Markt Fuß zu fassen. Daneben zeigen sie auch Rollen, in die Rembrandt zu Studienzwecken schlüpfte.
KI erweckt Bilderfiguren zum Leben
„Das sieht man schon bei den frühen Selbstbildnissen mit verschatteten Augen“, so Chefkurator Justus Lange, „in denen Rembrandt die malerischen Grenzen auslotet, was er auch im Schatten noch zeigen kann.“ Die drei Versionen (ab 1628) aus Amsterdam, Kassel und dem National Trust werden in der Ausstellung erstmals zusammen gezeigt. Bis 1959 die Amsterdamer Version auftauchte, galt das Kasseler Bild als Original. Beendet ist der Expertenstreit nicht. Was ist, wenn Rembrandt sich selbst kopierte? Das gilt zwar als höchst unwahrscheinlich, vollkommen ausgeschlossen ist es aber nicht.
Das gleiche gilt für drei weitere Variationen des Selbstbildnisses mit Halsberge (um 1629) aus Nürnberg, Den Haag und Kopenhagen, von denen das Nürnberger Bild als Original gilt. Rembrandts wirkliches Aussehen in jener Zeit zeigt am ehesten das Porträt (1628), das sein Freund und Rivale Jan Lievens (1607–1674) angefertigt hat.
Weitere maltechnische Experimente und zugleich Vorlagen für bestimmte Typen in Historienbildern sind die sogenannten Tronies, charakteristische Kopfstudien statt klassischer Porträts, mit denen sich Lievens und Rembrandt schon in den Leidener Jahren gemeinsam auseinandersetzten. Dabei gelang es Rembrandt besonders, das Alter eindrucksvoll darzustellen. Die Büste eines Greises mit goldener Kette (1632) ist ein mustergültiges Beispiel: dicker Farbauftrag für die Falten, feuchte Farbe zum Einritzen der Haare. Dazu erkennt man im Apostel Petrus (1632) aus Stockholm denselben Typ wieder.
Im klassischen Amsterdamer Porträt-Geschäft waren bis zu Rembrandts Ankunft Nicolaes Eliaszoon Pickenoy (1588–1656) und Thomas de Keyser (1596–1667) die „Platzhirsche“. Was Rembrandt an Neuem zu bieten hatte, zeigt das Porträtpaar (1632) eines federschneidenden Mannes und einer jungen Frau. Durch die Alltagssituation und die natürliche Ausstrahlung des Mannes wird das Steife wie bei Thomas de Keyser aufgelockert. „Und das wird wahrscheinlich genau das gewesen sein“, so Lange, „was die Zeitgenossen an Rembrandt so geschätzt haben.“
1632 entstand auch Rembrandts erstes Gruppenbild: „Die Anatomiestunde des Dr. Tulp“ (gezeigt als Reproduktion). Das Innovative der Darstellung offenbart der Vergleich mit dem Gruppenbild der Regenten des Spinhuis (1628) von Nicolaes Eliaszoon Pickenoy. Während hier alle Figuren noch posierend aus dem Bild herausschauen, agieren Rembrandts Personen dynamisch mit unterschiedlichen Bezugspunkten. Am Ende der Ausstellung lässt die Künstliche Intelligenz (KI) sie sich knapp 400 Jahre später bewegen und sprechen.
Die zwischen Wissenschaft und Anschauung klug konzipierte Ausstellung verbindet geschickt die Forschung mit der Begeisterung für den Meister. Vom Schloss Wilhelmshöhe wandert die Ausstellung im September in leicht variierter Form zum Schloss Friedenstein in Gotha.
• „Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“ im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe, bis 9. August geöffnet täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, freitags bis 19 Uhr, Eintritt: 8 Euro. Gotha Schloss Friedenstein vom 6. September bis 6. Dezember. www.heritage-kassel.de