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In einem spektakulären NATO-Manöver im Norden Deutschlands zeigen die Nationen, dass sie sich auch gegen Russland effektiv verteidigen können
Als sich im Januar und Februar Militärkonvois durch Europa bewegten, schwere Transportflugzeuge abhoben und Kriegsschiffe ihre Positionen bezogen, wurde deutlich, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat. Was lange als theoretische Möglichkeit galt, wird wieder konkret geübt: die Verteidigung des eigenen Kontinents. Die Übung „Steadfast Dart 26“ unter dem Dach der NATO ist Ausdruck dieses neuen Realismus.
Vom 8. Januar bis 26. März proben rund 10.000 Soldaten aus 13 europäischen NATO-Staaten die schnelle Verlegung von Streitkräften über große Entfernungen. Beteiligt sind 17 Schiffe – darunter Amphibienschiffe, Fregatten und Minenjagdboote –, mehr als 20 Flugzeuge und Hubschrauber sowie über 1.500 Fahrzeuge. Deutschland beteiligt sich zur See mit den beiden Fregatten „Brandenburg“ und „Sachsen“ sowie dem Minenjäger „Fulda“. Hinzu kommen Drohnen sowie Systeme zur elektronischen Kampfführung und Drohnenabwehr. Es ist damit die größte NATO-Übung des Jahres.
Hinter der Übung steht die Allied Reaction Force (ARF) mit Hauptquartier bei Mailand. Sie soll im Ernstfall binnen zehn Tagen bis zu 40.000 Soldaten in ein fernes Einsatzgebiet verlegen und so weiteren Truppenaufwuchs von bis zu 840.000 Soldaten binnen 180 Tagen vorbereiten. Eine Streitmacht in der Größenordnung einer Großstadt über weite Distanzen zu bewegen, bleibt auch heute noch eine enorme logistische Herausforderung.
Ursprünglich war das Manöver deutlich kleiner geplant; zunächst hatten nur sechs Nationen ihre Teilnahme zugesagt. Mit der verschärften sicherheitspolitischen Lage, insbesondere durch den Krieg in der Ukraine und die Konfrontation mit Russland, schlossen sich weitere Staaten an. Aus einer begrenzten Übung wurde ein multinationaler Kraftakt europäischer Streitkräfte. Auffällig ist dabei die politische Dimension. Anders als bei vielen früheren Großmanövern stehen diesmal keine amerikanischen Kampfverbände im Mittelpunkt. Die USA unterstützen organisatorisch und strategisch im Hintergrund, doch die operative Hauptverantwortung tragen europäische Streitkräfte. Das gilt als Signal wachsender Eigenständigkeit innerhalb des Bündnisses.
Die Übung ist realitätsnah angelegt. Simuliert wird ein Angriff auf NATO-Gebiet und die schnelle Reaktion der Bündnispartner. Im Mittelpunkt steht die Fähigkeit, Truppen und Material rasch an bedrohte Frontabschnitte zu verlegen, denn militärische Stärke beginnt mit funktionierender Logistik, Koordination und dem politischen Willen.
Technologischer Wandel spürbar
Deutschland fungiert als logistisches Drehkreuz. Häfen, Straßen, Schienen und Flughäfen werden genutzt, um Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Versorgungseinheiten zu verlegen. Die Türkei, Italien und Spanien transportieren ihre Kräfte über See. Kampfflugzeuge sichern den Luftraum, während amphibische Einheiten Landungsoperationen proben. Geschwindigkeit und Vernetzung sind dabei entscheidend. So sind die Türken im Februar am Ostseestrand in Putlos gelandet. Die türkische Kampfdrohne Bayraktar TB3 wurde erstmals von einem amphibischen Trägerschiff aus eingesetzt. Ziel war die „Weichmachung der Landungszone“, also die gezielte Schwächung der gegnerischen Stellungen vor der Anlandung.
Auf dem Truppenübungsplatz Bergen wird das Gefecht der verbundenen Waffen trainiert. Deutlich wird auch der technologische Wandel. Drohnen, unbemannte Bodenfahrzeuge und elektronische Kampfführungssysteme gehören inzwischen selbstverständlich dazu. Drohnen dienen der Aufklärung und Präzisionsbekämpfung, unbemannte Fahrzeuge reduzieren Risiken für Soldaten.
Die technologische Entwicklung spiegelt Erfahrungen aus der Ukraine wider. Am Rande der Übung demonstrierten ukrainische Drohnenspezialisten ihre Fähigkeiten. Am Manöver selbst nimmt das Land nicht teil, doch seine Gefechtserfahrung ist gefragt. Die Spezialisten zeigten den Einsatz kleiner Aufklärungsdrohnen und deren Integration in Gefechtsabläufe. Bereits bei der Übung Hedgehog 2025 in Estland hatten ukrainische Drohnenführer in einem Szenario gepanzerte Verbände deutlich unter Druck gesetzt. „Wir lernen selbstverständlich von den kriegserfahrenen Drohnenführern“, so der Bundeswehr-Oberst Matthias Böhnke.
Auch die technologische Innovationskraft kleinerer europäischer Staaten wird hier sichtbar. Der finnische Hersteller Kelluu Oy etwa präsentierte in einem Innovations-Camp einen Zeppelin-ähnlichen Fesselballon, der Hunderte Meter über dem Einsatzraum schweben kann und dort als dauerhaftes Aufklärungs- und Kommunikationssystem dient. Ausgestattet mit optischen Sensoren und Radartechnik kann der Aerostat Bewegungen am Boden überwachen, frühzeitig Drohnen erkennen und zugleich als Relaisstation für Funkverbindungen dienen. Das System bleibt über Tage in der Luft und liefert ein kontinuierliches Lagebild.
Für viele Beobachter markiert „Steadfast Dart“ somit eine Zäsur. Nach Jahrzehnten sicherheitspolitischer Gewissheiten stärkt Europa seine Verteidigungsfähigkeit systematisch: höhere Ausgaben, modernisierte Streitkräfte, neue Strukturen. Ziel ist eine schnelle und glaubwürdige Verteidigung des Bündnisgebiets. Denn Europa scheint seine Verwundbarkeit erkannt zu haben – und seine Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen.