08.08.2026

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Bis zu 75.000 Menschen marschieren bei einer Demo gegen den Massentourismus durch die Straßen von Palma auf Mallorca
Bild: picture alliance/dpa | Clara MargaisBis zu 75.000 Menschen marschieren bei einer Demo gegen den Massentourismus durch die Straßen von Palma auf Mallorca

Aufstand im Paradies der Deutschen

Malle für alle – von wegen! Kein Platz mehr für Insulaner

Touristisch platzt die Baleareninsel aus allen Nähten, und die Mallorquiner selbst finden keine Wohnung mehr – zu teurer, zu knapp, zu belegt

Peter Entinger
08.08.2026

Palma de Mallorca im Hochsommer 2026: Während Urlauber zwischen Kathedrale, Altstadt und Strand flanieren oder sich am Ballermann mal wieder mit Gröhlgesängen volllaufen lassen, ziehen Zehntausende Mallorquiner durch die Straßen. „Mallorca am Limit“ lautet ihr Motto. Auf mehreren Kundgebungen haben zwischen 25.000 und 75.000 Menschen teilgenommen. Aufgerufen hatte die Plattform „Menys Turisme, Més Vida“ – weniger Tourismus, mehr Leben.

Der Name beschreibt das Dilemma einer Insel, die seit Jahrzehnten vom Tourismus lebt, aber gleichzeitig unter ihm leidet. Für viele Einheimische wird es immer schwieriger, ein halbwegs normales, erschwingliches Leben zu führen.

„Wir Inselbewohner müssen doch auch auf unserem Land leben können“, sagte ein Demonstrant in eine Kamera. Dichter Verkehr, Abgase und verschwendete Ressourcen seien Gründe genug, um zu sagen: „Jetzt ist Schluss.“

Am deutlichsten zeigt sich die Überlastung auf dem Wohnungsmarkt. Nach Angaben der Organisatoren werden mehr als 100.000 Wohnungen legal oder illegal touristisch genutzt. Ferienunterkünfte versprechen den Eigentümern höhere Einnahmen als normale Mietverträge mit Einheimischen. Ausländische Käufer treiben zudem die Preise in die Höhe. Beschäftigte im Tourismus, Einzelhandel oder Gesundheitswesen können sich oft nur noch ein mickrig-karges WG-Zimmer leisten. Andere weichen sogar auf Wohnwagenplätze aus. Das Geschäftsmodell sorgt für eine paradoxe Situationen. Die Branche schafft Arbeitsplätze, vertreibt aber zugleich jene, die die entsprechende Arbeit erledigen sollen.

Die Situation ist verzwickt

Hinzu kommt ein anderes Problem: Verstopfte Straßen, überfüllte Strände, Lärm, Müll und ein großer Verbrauch knapper Ressourcen sind die Kehrseite des Geld bringenden Massentourismus. 2025 kamen mehr als 13 Millionen Touristen auf die Baleareninsel Mallorca – das ist ein neuer Rekord. Eine Demonstrantin brachte das Gefühl in einem Interview vieler Einheimischer auf den Punkt: „Der Winter mag den Mallorquinern gehören, aber der Sommer nicht mehr.“

Doch so einfach, wie manche Parole vermuten lässt, ist die Rechnung nicht. Der Tourismus finanziert Hotels, Gastronomie, Handel, Verkehr und den öffentlichen Haushalt. Er hält Zehntausende Menschen in Arbeit. Weniger Besucher bedeuten deshalb nicht automatisch eine Wohlfühloase. Ein abrupter Einbruch träfe zuerst jene, die heute schon unter hohen Mieten leiden. Diese Situation kann man getrost als „verzwickt“ bezeichnen. Schon die alljährlichen Saufgelage an der Playa de Palma sorgen seit Jahren für immer mehr Missfallen. Bei der Bevölkerung, aber auch bei denen, die lieber einen hochwertigeren Tourismus wollen.

Regierungen aller Couleur konnten dagegen auf immer neue Besucherrekorde verweisen. Mehr Flüge, eine höhere Bettenzahl und Ferienhäuser brachten kurzfristig Geld. Die Folgekosten wurden auf die Bevölkerung verteilt. Steigende Mieten, überlastete Straßen und eine hohe Umweltbelastung sind die Folgen.

Ein Kompromiss scheint schwierig

Die derzeit konservative Balearenregierung setzt nun auf Begrenzung. Neue Ferienwohnungen in Mehrfamilienhäusern sollen verboten, illegale Vermietungen schärfer verfolgt und die Zahl der Autos gedeckelt werden. Doch den Aktivisten reicht das längst nicht mehr. Sie verlangen weniger Besucher, weniger Kreuzfahrtschiffe und eine Wirtschaft, die Landwirtschaft, Handwerk und Industrie wieder ernster nimmt. Das ist aber leichter gefordert als real umgesetzt.

Überschattet wurden die weitgehend friedlichen Kundgebungen von einem Gewaltausbruch. Als die Polizei den Zugang zum Platz sperrte, auf dem das Abschluss-Manifest verlesen werden sollte, flogen Flaschen. Beamte setzten Schlagstöcke und Gummigeschosse ein. Mindestens acht Menschen wurden verletzt. Die Bilder drohen die Debatte zu überlagern.

Zudem gibt es auch Stimmen, die darauf hinweisen, dass die Urlauber nicht alleine als Schuldige taugen. Der deutsche Pauschalgast, der zwei Wochen im Hotel verbringt, nimmt keinem Mallorquiner unmittelbar die Wohnung weg. Problematischer sind aber eine unkontrollierte Ferienvermietung, Immobilienspekulation und eine Politik, die jeden zusätzlichen Besucher lange als Erfolg verbuchte.

Wer Touristen pauschal beschimpft oder mit Wasserpistolen bespritzt, trifft deshalb die Falschen und gefährdet die Sympathie für ein berechtigtes Anliegen. Denn unter den Teilnehmern der Demonstrationen waren viele Familien mit Kindern, auch viele Rentner. Sie trugen Plakate mit Aufschriften wie „Mallorca überbucht“ oder „Der Tourismus-Tsunami ist unser Untergang“. Auf der andere Seite stehen nackte Zahlen: Der Tourismus macht derzeit mehr als 40 Prozent der Wirtschaftsleistung Mallorcas aus. Ein Kompromiss scheint nicht in Sicht.


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