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Die ganzen Schrecken des 30-jährigen Krieges auf einen Blick: von der Belagerung über Plünderungen, Rauben, Morde, bis zum wilden Lagerleben. Achtteiliges Gemälde von Beyle, 1854
Bild: AKG ImagesDie ganzen Schrecken des 30-jährigen Krieges auf einen Blick: von der Belagerung über Plünderungen, Rauben, Morde, bis zum wilden Lagerleben. Achtteiliges Gemälde von Beyle, 1854

Wehrlos und bedauernswert

„Preußen, du Opfer!“

Das berühmte preußische Militär und sein respektvoller Ruf gründet auf einer der größten deutschen Katastrophen, die leider oft vergessen wird

Simon Akstinat
22.06.2026

Bis heute wird Brandenburg-Preußen nicht selten als Hort eines beinahe schon menschenverachtenden Militarismus geschmäht. Keine Frage: Disziplin, Drill, Gehorsam, militärische Erziehung und Ausbildung in jeglicher Form gehören sicherlich ein Stück weit zu Preußen und seinem prägenden Charakter. Doch hat diese Tradition zugleich seinen Grund: Denn die militärische Prägung des Preußenstaates war nicht zuletzt eine Reaktion auf eine fast vergessene Katastrophe.

Unbedingter Gehorsam und ein eiserner, nahezu irrationaler Drill führten zum berüchtigten preußischen Untertanengeist – so oder so ähnlich lautet eine der populärsten und oft wiederholten Vorurteile gegen den sandigen Teilstaat in Deutschlands Nordosten. Doch wer die Geschichte wirklich kennt, der weiß auch: Preußens Armee war keine Laune despotischer Könige, sondern die mehr als notwendige Antwort auf eine zutiefst existenzielle Bedrohung.

Aber wie und warum sind die Preußen denn nun zu solchen „Militaristen“ geworden? War da mal irgendetwas in ihrem Herzland Brandenburg vorgefallen, das sie möglicherweise so sehr erschreckt hatte, dass sie den Drang oder gar die Notwendigkeit verspürten, sich ein stehendes Heer zuzulegen? Hatten die vielleicht so eine Art Trauma?

Die Katastrophe: Jeder zweite Mensch war tot

Sogar die Deutschen selbst haben heute mehrheitlich vergessen, dass ihr Heimatland bis 1648 Austragungsort des 30-jährigen Krieges gewesen ist, bei dem mehr als jeder dritte (!) Einwohner Deutschlands starb – etwa sechs Millionen von insgesamt 16 Millionen Menschen. Nur noch übertroffen wurde diese gesamtdeutsche Katastrophe von dem, was sich speziell in Brandenburg zutrug, wo – unglaublich, aber wahr – jeder zweite (!) Mensch – vom Baby bis zum Greis – durch den 30-jährigen Krieg starb.

In diesem Krieg von 1618 bis 1648 spielte Deutschland und insbesondere Brandenburg eine überaus wichtige Rolle – nämlich die des ohnmächtigen Schlachtfeldes, durch das auswärtige Mächte ungehindert marschieren konnten: Die Truppen des Kaisers (darunter sogar Soldaten aus dem fernen Kroatien), schwedische und andere Soldateska jeglicher Couleur zogen durch das weitgehend wehrlose Brandenburg, das im Zuge dieses Krieges in einigen Regionen sogar mehr als 60 Prozent der lokalen Bevölkerung verlor!

Diese Katastrophe biblischen Ausmaßes ist heute sogar selbst bei vielen Brandenburgern aus dem Blick geraten.

Konsequenz aus der Katastrophe

Dem erst 1680 (also nach dem 30-jährigen Krieg) zu Brandenburg gekommenen Magdeburg dürfte diese Tragödie ebenfalls noch „in den Knochen gesteckt“ haben: Die heutige Hauptstadt von Sachsen-Anhalt wurde 1631 während der „Magdeburger Hochzeit“ von katholischen Truppen in einem Maße regelrecht ausgerottet, dass von vorher etwa 30.000 Einwohnern nur noch 450 im Jahr 1639 übrig waren. Magdeburg brauchte etwa 170 Jahre, um sich von diesem Massaker zu erholen und erreichte erst wieder um das Jahr 1800 seine Einwohnerzahl von vor 1631.

Ganze Dörfer und Städte wurden damals entvölkert, die ansässige Bevölkerung dezimiert, die Wirtschaft zerstört. Wölfe breiteten sich wieder aus, weil durch den Tod der vielen Menschen nun mehr Platz für sie war. Brandenburg-Preußen hatte also gelernt, was es bedeutet, wehrlos zu sein – und hat diese Lektion verinnerlicht.

Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620–1688), selbst Zeitzeuge dieser Katastrophe – er wurde als Jugendlicher in die sicheren Niederlande evakuiert, während seine Heimat in Schutt und Asche versank –, zog die einzig logische Konsequenz: Nie wieder durfte Brandenburg Spielball fremder Mächte werden.

„Unsere Armee ist unser Gebirge!“

Preußen besaß – ähnlich wie Polen – kaum natürliche Grenzen: Keine Alpen, keine Pyrenäen und keine Meeresarme, die Feind aufhalten oder wenigstens bremsen können. Das Land lag wie ein Blob auf der Landkarte offen in der norddeutschen Tiefebene, umzingelt von potenziellen – und echten – Gegnern. Und natürlich war Preußen daher häufiger in Kriege verwickelt als z.B. Portugal. Der Große Kurfürst baute konsequent ein stehendes Heer auf, das stark genug sein sollte, Kaiser, Schweden, Polen, Franzosen – und wer da noch als möglicher Invasor in Frage kam – gleichermaßen abzuschrecken.

„Unsere Armee ist unser Gebirge“, wäre vielleicht ein passendes Motto für Brandenburg-Preußen gewesen. Gleichzeitig musste die Armee diszipliniert genug sein, um die eigene Bevölkerung nicht nach Art der Landsknechte zu terrorisieren. Die Erfahrung des schwedisch-brandenburgischen Krieges 1674–1679, in dem schwedische Truppen erneut verheerend wüteten, unterstrich diese Notwendigkeit nur noch einmal. Die Brandenburger und Preußen wussten, was auch schon die alten Römer der Nachwelt mitgegeben hatten: „Si vis pacem para bellum“. Zu Deutsch „Wenn Du den Frieden willst, bereite Dich auf den Krieg vor!“ – oder noch deutlicher: „Bist Du stark, lassen die anderen Dich in Ruhe.“

Das Asyl, das der Große Kurfürst den evangelischen Franzosen – den Hugenotten – in seinem Preußen gewährte, war nicht nur ein uneigennütziger Gnadenakt. Vielmehr konnte der Herrscher erst mit ihrer Hilfe einige der noch immer vom Krieg menschenleer gefegten und brach liegenden Gegenden seines Reiches überhaupt wieder mit Menschen besiedeln, auch um sie wieder bewirtschaften zu lassen. Einige dieser französischen Ausländer hatten in Brandenburg-Preußen möglicherweise nicht einmal deutsche Nachbarn. Und zwar ganz einfach deshalb, weil diese alle tot waren.

Legenden und Realitäten

Auch der angeblich „blinde Kadavergehorsam“ Preußens ist zu großen Teilen eine Legende, genährt von späteren Feindbildern. Vielmehr wurde gerade der preußische Soldat zum Selberdenken aufgefordert: Helmuth von Moltke (1800–1891) wurde bei Militärs weltweit berühmt für seine sogenannte Auftragstaktik, bei der militärische Unterführer angehalten sind, selbst zu entscheiden, statt nur Befehle abzuwarten, und so flexibler auf die kaum vorhersehbaren Situationen des Krieges zu reagieren.

Auch die immer wiederkehrende Erzählung vom „Untertanengeist“ der preußischen Bürger hält einer Überprüfung nicht stand: Wer jemals die frechen Zeitungen und Zeitschriften der Kaiserzeit (damals gab es übrigens mehr Zeitungen als heute in Deutschland) durchblättert, erkennt eine lebendige, streitbare Presse ohne große Angst vor der Obrigkeit, mit brisanten Karikaturen, die auch vor Regierungsmitgliedern nicht Halt machten.

Doch zurück zum Großen Kurfürsten, der sich jedenfalls sich nicht mehr auf Kaiser und Reich verließ. Er schuf eigene Streitkräfte. Preußen entstand auch aus der Erkenntnis: Jedes Land hat eine Armee – entweder seine eigene oder die eines Besatzers.

Aus der Not geboren

Preußen war somit endlich gerüstet, doch im internationalen Vergleich war dieser Staat tatsächlich weniger kriegerisch als sein Ruf: Frankreich beispielsweise hat im selben Zeitraum erheblich mehr Kriege als Preußen geführt. Heute, wo in manchen Kreisen Preußen als Inbegriff des Militarismus gebrandmarkt wird, lohnt der erinnernde Blick zurück – nicht um Kriege zu verherrlichen, sondern um zu verstehen: Starke Verteidigung war für Brandenburg-Preußen keine Ideologie, sondern eine Frage des Überlebens. Wer die Verwüstungen und das grauenhafte Massensterben des 17. Jahrhunderts gesehen hatte, brauchte keine weiteren bitteren Lehren mehr als „Nie wieder wehrlos, nie wieder als Schlachtfeld fremder Mächte missbraucht werden!“


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Kommentare

B. Scheiden-Heit am 28.06.26, 13:24 Uhr

Das alte Preußen hat man seinerzeit mit Bismarck von Bord geschickt, weil man wohl der Meinung war, auf die alten preussischen Tugenden der Bescheidenheit und der realistischen Einschätzung der eigenen Möglichkeiten verzichten zu können! Die gegenwärtige Situation ist die direkte Folge der darauf folgenden aufgeblasenen Überheblichkeit und Selbstüberschätzung mit der sich unser Land in zwei Weltkriege hat stürzen lassen! Es ist ein Wunder, dass überhaupt noch etwas davon übrig ist! Aber wie es scheint haben manche noch immer nicht genug und Arbeiten schon mit Nachdruck am nächsten derartigen Desaster! Danach dürfte sich das ganze dann ein für alle Mal erledigt haben!

Kersti Wolnow am 26.06.26, 13:39 Uhr

Endlich mal ein Artikel, der das wahre Preußen aufzeigt. Der Staat Preußen wurde am 25.2.1947 von den Siegern aufgelöst, es folgten 1968 die Auflösung preußischer Werte durch die Frankfurter Schule. Heute haben die Deutschen eine Moral und einen Stand erreicht, der einen abhält, sich zu seinen Mitmenschen zu gesellen. Über die Gründe kann nachgedacht werden, wenn man am Anfang seiner Überlegungen einen Blick in die Bildungseinrichtungen wirft, aber besser nicht...

Peter de Bourgraaf am 23.06.26, 13:07 Uhr

Endlich wieder ein deutscher Kollege, der es auf den Punkt bringt. Nachdem die Grundlage mit einem Erasmusstipendium an der FU Berlin geschaffen wurde, gab ich 1993 meine Abschlussarbeit zu dem Thema an der Universiteit van Amsterdam ab. Auch dort war es unbeliebt (Deutschfeindlichkeit, die Mitte der neunziger Jahre durch deutsch-ndl. Regierungsinitiativen endlich abfing, abzuklingen).
Seither brachte es, zumindest aus meiner Sicht, die gesamte etablierte Zunft nicht hin, diese besondere Geschichtslektüre über die Bühne zu bringen. Das schafft nun Herr Akstinat.

David L am 23.06.26, 00:30 Uhr

„Selig sind die Friedensstifter“, „Halte die andere Wange hin“, „Du sollst nicht töten“, „Wer zum Schwert greift, wird durchs Schwert umkommen“, „Es wird Kriege und Kriegsgerüchte geben; seht zu, dass ihr euch nicht sorgt.“

Wie können wir Christi pazifistische Lehren in einer solchen Situation anwenden? Was bedeuten sie in einem flachen Land, das leicht überrannt und von rivalisierenden Armeen in ein Schlachtfeld verwandelt werden kann, wo unschuldige Zivilisten abgeschlachtet werden?

Schwierige Fragen. Jesus selbst lebte jedoch unter brutaler römischer Besatzung; vielleicht liegt der Schlüssel darin.

David
Australuen

Jan Kerzel am 22.06.26, 16:23 Uhr

Preußen existiert nicht mehr. 1871 schritt man zum letzten Gang. Es war der Abmarsch in die Grube. Die Bundesrepublik ist heute der Rest vom " Schützenfest". Zur Glorifizierung gibt es absolut keinen Anlass.

Gregor Scharf am 22.06.26, 06:32 Uhr

Einmal Soldat, immer Soldat, galt bis zum Mauerfall. Wehrhaftigkeit war Grundvoraussetzung und gehörte zu den Charakterzügen von Männern. Nur Ausbeuter und Feinde wollen schwache Völker und degenerierte Schwächlinge, die nicht in der Lage sind, Frauen, Kinder, Alte und sich selbst zu verteidigen. Dabei gilt der eingangs erwähnte Satz bis ins hohe Alter. Er verpflichtet geradezu, sich gesund und widerstandsfähig zu halten, um jeden Gegner abzuwehren und zu vernichten.
Preussen ist und bleibt in uns. Seine Traditionen müssen wiederbelebt werden. Nur dann hat Deutschland eine Zukunft.

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