Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Vor 75 Jahren verhalfen die Nationalsozialisten mit einem Seitenwechsel den lateinischen Schriften zum Sieg über die deutschen
Europa im Mittelalter war zumindest formal durch Rom geprägt. Das geistliche Oberhaupt, der Papst, saß in der Ewigen Stadt. Das weltliche Oberhaupt, der Kaiser, sah sich in der Tradition der römischen Cäsaren und Imperatoren. Sein Mitteleuropa dominierender Staat hieß „Heiliges Römisches Reich“. Die Lingua franca der Eliten war die Sprache der alten Römer, das Latein. Und die benutzte Schrift war die lateinische. In der Endphase dieses Mittelalters gab es mit der Renaissance noch einmal eine verstärkte Rückbesinnung auf eine nun verklärte Antike. In dieser Zeit entstand die heute von uns verwendete Antiqua. Hierbei handelte es sich um eine neu entworfene Schrift, die aus jener der römischen Antike entwickelt wurde.
Die Reformation durch den Deutschen Martin Luther stellte hier eine derart bedeutende Zäsur dar, dass nicht wenige daran den Wechsel vom Mittelalter zur Neuzeit festmachen. Luther brach mit dem (römischen) Universalismus. Er sagte sich von der Weltkirche mit dem Papst in Rom an deren Spitze los und übersetzte die Bibel ins Deutsche. Luthers Bibelübersetzungen unterschieden sich vom Original nicht nur durch die deutsche Sprache, sondern häufig auch durch die Verwendung der gebrochenen Schwabacher Schrift. Das führte dazu, dass gebrochene Schriften im Allgemeinen und die Schwabacher im Besonderen den Deutschen vertraut waren und auch als besonders deutsch galten. Wenn man so will, betraten die Deutschen damit zumindest auf dem Gebiet der Schrift einen „deutschen Sonderweg“, jeweils einen anderen als die romanischsprachigen Völker, bei denen die Antiqua keine Konkurrenz erhielt.
Schwabacher Schrift
Im Zuge des Aufkommens des Nationalismus als geistige Strömung in Europa erfuhr die Schriftfrage eine ideologische Überhöhung. Ganz platt lässt sich der nun herausbildende Frontverlauf wie folgt beschreiben: Bei den Befürwortern des „deutschen Sonderweges“ war die Weltanschauung eher antiwestlich, deutschnational und rechts, in dem gegnerischen Lager eher prowestlich, internationalistisch und links.
Als früher Ausdruck des Schriftenstreits sei Catharina Elisabeth Goethes (erfolglose) Mahnung von 1794 an ihren Sohn Wolfgang zitiert: „Froh bin ich über allen Ausdruck, daß deine Schriften alte und neue nicht mit den mir fatalen Lateinischen Lettern das Licht der Welt erblickt haben – beym Römischen Carneval da mags noch hingehen – aber sonst im übrigen bitte ich dich bleibe deutsch.“
Aber auch damals schon gab es verblüffende Ausnahmen. Jacob Grimm, ob seiner Verdienste um die deutsche Sprache vor allem im deutschnationalen Lager geschätzt, bemängelte an der Fraktur: „in der majuskel ist sie unförmig ..., sie hat den albernen gebrauch großer buchstaben für alle substantive veranlaßt ... sie hindert die verbreitung deutscher bücher im ausland und ist allen fremden widerwärtig.“
In die Defensive gerieten die Streiter für die lateinische Schrift mit der Verschlechterung der Beziehungen zum romanischsprachigen Nachbarn Frankreich als Folge der Erfahrungen mit dem napoleonischen Imperialismus und der französischen Fremdherrschaft. Auch der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 trug nicht gerade zur Verbesserung der bilateralen Beziehungen bei. Für eine antirömische und damit antiromanische Stimmung sorgte auch der „Kulturkampf“, den der preußische Ministerpräsident und deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck zwischen 1871 und 1878 mit dem Papst in Rom und dem politischen Katholizismus ausfocht. Der Gründer des Deutschen Reiches ergriff explizit für die deutsche Schrift Partei.
Wie ideologisch aufgeladen die Diskussion war, zeigt die Gegenüberstellung von deutscher und lateinischer Schrift durch den Fraktur-Anhänger Adolf Reinecke: „Die runden, wälschen Buchstaben“ hätten sich „allmählich unserem Wesen gemäß zu geraden, eckigen, knorrigen, geästelten und dabei künstlerischen Gebilden zur sogenannten gothischen oder Eckschrift entwickelt. In dieser Umgestaltung sehen wir sich eine schöpferische Tat germanischen Geistes vollziehen. Der wälschen Schrift wurde der Stempel des Deutschtums aufgeprägt.“
Noch war die Entscheidung jedoch nicht gefallen. Im Vaterland der Vereine entstand nun für beide Lager ein eigener Verein. Auf der einen Seite der „Verein für Altschrift“ von 1881 und auf der anderen der neun Jahre jüngere „Allgemeine Deutsche Schriftverein“. Wie sehr die Streiter für „die runden, wälschen Buchstaben“ in der Defensive waren, zeigt, dass sie sich in ihrem Vereinsnamen nicht offen zur Antiqua, sondern lieber zu der Eindeutschung „Altschrift“ bekannten.
Trotzdem wagten sie Mitte der 1890er Jahre eine Petition an den Reichstag, die Antiqua wenigstens als zweite Schrift neben der Fraktur in den Schulen einzuführen und sie im amtlichen Schriftverkehr der Reichsbehörden im Allgemeinen und bei handschriftlichen Schriftstücken im Besonderen zuzulassen. Es war spannend: Erst stimmte der Reichstag für die Petition, nach einer Intervention des oben zitierten Oberkorrektors der Reichsdruckerei Reinecke und dessen Mitstreitern jedoch dagegen. Für die Petition sprachen sich die SPD und der rechtsliberale Gustav Stresemann aus, dagegen erwartungsgemäß die konservative Rechte, aber auch Friedrich Naumann, der Namensgeber der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF).
Grundsatzentscheidung von 1911
Die endgültige Entscheidung zumindest hinsichtlich dieser Petition fiel im Jahr 1911. Die Antiqua-Gegner obsiegten mit einer Dreiviertelmehrheit. Im selben Jahr wurde der 1865 im Schwarzwald geborene Grafiker, Buchgestalter, Kunstgewerbler, Schriftgestalter und Pädagoge Karl Ludwig Sütterlin vom Kultusministerium des mit Abstand größten deutschen Bundesstaates gebeten, eine neue Schulausgangsschrift auf der Basis der deutschen Schrift zu entwickeln. Das Ergebnis war die Sütterlinschrift. 1915 wurde sie in den Lehrplan eingeführt. Bis 1935 übernahmen auch die meisten anderen Bundesstaaten beziehungsweise Reichsländer die Schrift.
Die Novemberrevolution bewirkte eine Linksverschiebung in Deutschland. Im Gegensatz zum vorangegangenen Kaiserreich wurde die Weimarer Republik primär von der Sozialdemokratie, dem (Links-)Liberalismus und dem katholischen Zentrum getragen. Sie war internationalistischer und prowestlicher. Der Vorrang der deutschen Schreibschrift blieb allerdings erhalten. Bei den Druckschriften verlor die deutsche indes an Boden.
„Machtergreifung“ der NSDAP
Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten ließ das Pendel dann erst einmal wieder erwartungsgemäß in die andere Richtung schwingen. Beim Buchdruck stieg der Anteil der Werke in Fraktur in den ersten drei Jahren der NS-Herrschaft auf drei Fünftel. Beim Zeitungsdruck hatte der Frakturanteil bereits 1933 bei 60 Prozent gelegen und stieg nun weiter.
Am 9. Mai 1933 betonte der nationalsozialistische Reichsinnenminister Wilhelm Frick, dass die deutsche Schrift „ihren unbedingten Vorrang vor der lateinischen niemals verlieren darf“. Daraufhin bat der „Buchhändlerische Fraktur-Bund“ im darauffolgenden Monat den Minister, Reichs- und Landesbehörden anzuweisen, nur noch Schreibmaschinen mit „deutschen Buchstaben“ zu verwenden. Am 8. August 1933 ordnete Frick an, nur noch „Schreibmaschinen mit deutschen Schriftzeichen“ anzuschaffen. Ein Ausdruck dieser Bevorzugung der Fraktur ist auch das damals eingeführte und heute zum Leidwesen mancher Linker immer noch verwendete Fraktur-„A“ als Apothekenlogo.
Im Zweiten Weltkrieg kam es dann jedoch zu einer bemerkenswerten Wende, die bis heute nachwirkt. Sinnigerweise fing man bei in hohem Maße für ausländische Leser bestimmten Texten an. Am 15. März 1940 erschien die erste Ausgabe der anspruchsvollen und vorwiegend fürs Ausland bestimmten Wochenzeitung „Das Reich“. Obwohl ein offiziözes Organ der Reichsregierung, benutzte es Antiqua. Dem folgte zwölf Tage später ein Beschluss einer Ministerkonferenz in Joseph Goebbels' Reichspropagandaministerium, für Propagandamaterial fürs Ausland nur noch Antiqua zu verwenden.
Im darauffolgenden Jahr kam dann die Ersetzung der Fraktur durch die Antiqua auch im Inland. Bevor der 180-Grad-Schwenk publik gemacht wurde, wurden erst die Parteidienststellen auf die neue Linie eingeschworen. Am 3. Januar 1941 erhielten sie ein nicht zur Veröffentlichung bestimmtes Rundschreiben des Stabsleiters des Stellvertreters des Führers, Martin Bormann, in dem es hieß: „Zu allgemeiner Beachtung teile ich im Auftrage des Führers mit: Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch ... Am heutigen Tag hat der Führer ... entschieden, daß die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmäßig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden ... Ernennungsurkunden für Beamte, Strassenschilder u. dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden.“
180-Grad-Wende und ihre Gründe
Begründet wird diese Entscheidung mit einer Hasstirade auf die deutsche Druckschrift: „In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern.“
Angesichts der oben geschilderten Geschichte der Schwabacher Schrift ist infrage zu stellen, dass Hitler diese Begründung selbst geglaubt hat. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass es sich um ein Totschlagsargument handelte. Denn etwas zu verteidigen, was von oben als jüdisch gebrandmarkt worden war, hätte schon ein gehöriges Maß an Zivilcourage gefordert.
Vollendung nach dem Krieg
In diesem Fall stellt sich allerdings die Frage nach den wahren Motiven. Goebbels spricht in seiner Tagebuchaufzeichnung vom 2. Februar 1941 zwei Vorteile der lateinischen gegenüber der deutschen Schrift an. Er schrieb: „Der Führer ordnet an, daß die Antiqua künftig nur noch als deutsche Schrift gewertet wird. Sehr gut. Dann brauchen die Kinder wenigstens keine 8 Alphabete mehr zu lernen.“ Recht hat er. Das Erlernen der kleinen und großen Buchstaben der deutschen Druck- und Schreibschrift ersparte dem gebildeten Deutschen nämlich nicht die zusätzliche Beherrschung der entsprechenden Buchstaben der lateinischen Schriften. Zum einen war das nötig zum Lesen und Schreiben fremdsprachiger Texte. Zum anderen war es beliebt, in Texten in deutscher Schreibschrift Überschriften, Personennamen und Fremdwörter durch die Verwendung der lateinischen Schrift hervorzuheben.
Das erklärt indes nicht den Zeitpunkt der nationalsozialistischen Kehrtwende. Das ist bei dem zweiten von Goebbels genannten Vorteil indes schon anders: „Und unsere Sprache kann wirklich Weltsprache werden.“ Vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg am 11. Dezember 1941, also zu Zeiten des Kursschwenks der Reichsführung in der Schriftfrage, befand sich das Dritte Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Doch nicht einmal die Nationalsozialisten waren so größenwahnsinnig anzunehmen, Deutsch könne mit einer mehr oder weniger nur in Deutschland verwendeten Schrift Weltsprache werden. Also beendeten sie bei der Schrift den „deutschen Sonderweg“.
Hitler formulierte es am 2./3. November 1941 wie folgt: „Unsere Sprache wird in hundert Jahren die europäische Sprache sein. Die Länder des Ostens, des Nordens wie des Westens werden, um sich mit uns verständigen zu können, unsere Sprache lernen. Die Voraussetzung dafür: An die Stelle der gotisch genannten Schrift tritt die Schrift, welche wir bisher die lateinische Schrift nannten und jetzt Normalschrift heißen. Wir sehen jetzt, wie gut es war, daß wir uns im Herbst vorigen Jahres zu diesem Schritt entschlossen haben.“
Der Aufgabe des „deutschen Sonderweges“ bei der Druckschrift folgte der Verzicht auf die deutsche Schreibschrift. Näheres regelte ein Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, vom 1. September 1941. Ab dem Schuljahr 1941/42 wurde nur noch eine lateinische Schreibschrift, die neue „deutsche Normalschrift“, unterrichtet. Zur Lektüre älterer Bücher sollte wenigstens das Lesen der Frakturschrift im zweiten und dritten Schuljahr noch gelehrt werden – das der deutschen Schreibschrift allerdings schon nicht mehr. Nach dem Krieg wurde der von den Nationalsozialisten eingeleitete Wechsel von der deutschen Druck- und Schreibschrift zur lateinischen vollendet – auch wenn der Traum von Deutsch als Weltsprache längst ausgeträumt war.