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Neue, regionaltypische Umgebindehäuser werden mittlerweile wieder liebevoll konzeptioniert
Alpenländische Schunkelalmgastronomie hat in den letzten Jahren immer mehr regionale Gaststättenkultur in den deutschen Mittelgebirgen verdrängt. Schwarzwaldhäusel sind Fremdkörper zwischen Backsteingebäuden an Nord- und Ostsee. Besonders hart hat es die deutschen Ostgebiete getroffen, wo im Einheitsbrei kultureller Nivellierung Gastrobetriebe im Stile goralischer Holzhütten der Tatra dominieren. Natürlich sind in gleicher Weise auch die Hanglagen entlang des Riesengebirges mittlerweile kulturell entfremdet, selbst wenn ein hölzerner Rübezahl an der Pforte – oft in Goralenkluft – das Gegenteil suggerieren soll.
Elżbieta Lech-Gotthardt setzt dem bizarren Mix bewusst für die Wurzeln der Region etwas entgegen. Sie ist Vorsitzende des polnischen Zweiges des Umgebindelandes [Kraina Domów Przysłupowych] und des Vereins Stellmacherhaus [Dom Kołodzieja]. „Dieser Verein entstand, um historische Umgebindehäuser und die Kulturlandschaft zu retten“, sagt sie.
Umgebindehäuser sind an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert entstanden und wurden bis Ende der 30er Jahre gebaut. Der Name bezieht sich auf das Stützgerüst – das Umgebinde – das vor die Außenwand der Blockstuben gestellt wurde. Dieses trägt die Lasten des Obergeschosses und des Daches. Dieser Baustil erstreckt sich von Niederschlesien über die Oberlausitz und Nordböhmen bis in das Elbsandsteingebirge.
Die Bauweise lässt es zu, dass man sie gut ab- und an anderen Orten wieder aufbauen kann, sagt Lech-Gotthardt. „Früher wurden sie oft Frischvermählten geschenkt, die, wenn sie umzogen, das Haus mitnehmen konnten.“ Mit einem „Hausumzug“ begann auch für die Eheleute Elżbieta und Jerzy Gotthardt 1996 das Umgebinde-Abenteuer. Sie waren damals auf der Suche nach historischen Nähmaschinen und Mobiliar, das von vielen Besitzern achtlos weggeworfen wurde.
In Weigsdorf [Wigancice Żytawskie] – einem einst sächsischen und seit 1945 polnischen Dorf in der Oberlausitz, das bis zur Jahrtausendwende dem Tagebau weichen musste – stand ein völlig entkerntes Stellmachhaus, das dem Abriss geweiht war. Die Eheleute beschlossen dieses 1822 erbaute Gebäude in dem bis 1947 eine deutsche und später noch fünf polnische Familien lebten, in ihrem ursprünglichen Zustand an einem anderen Ort wiederaufzubauen. Daraus wurde für Elżbieta ein Lebensprojekt. Seit 20 Jahren ist sie bemüht, historische Bauten vor dem Verschwinden zu retten, „denn im Zeitalter der Globalisierung, in dem alles gleich ist, sollten regionale Besonderheiten über allem stehen“, betont sie.
In Seminaren, „Tagen der Offenen Umgebindehäuser“ und durch Publikationen will sie sensibilisieren. „Wir haben in der Lausitz und in Niederschlesien nicht nur Umgebindehäuser. In Schönberg [Sulików] stehen Arkadenhäuser, wir haben viele Fachwerk- und Tirolerhäuser wie in Zillerthal-Erdmannsdorf [Mysłakowice]. In der Umgebung von Landeshut in Schlesien [Kamienna Góra] oder Waldenburg [Wałbrzych] stehen ebenfalls Holzhäuser, die noch niemand gezählt hat. All diese verwandte Architektur bildet unsere Kulturlandschaft, die wir erhalten wollen.“
Diese Aufgabe kann nur grenzübergreifend gestemmt werden. Und so suchten die Gotthards Partner auch in der Bundesrepublik. Anfangs stießen sie auf Misstrauen: „Man sagte: ,Wie bitte? Die Polen zerstörten unsere Häuser und jetzt wollen sie historische Häuser retten?'“ Aber diese Einstellung ist längst passé. In der deutschen Stiftung Umgebindehaus fanden sie Partner und Unterstützer. Seit 2005 wird ihr Projekt auch durchs polnische Kulturministerium bezuschusst. „Umgebindehäuser sind heute wieder modern“, so Lech-Gotthardt, aber „nicht jeder Kowalski oder Schmidt liebt alte Gemäuer. Nicht jeder möchte in einem alten Haus wohnen, mit dem man unschöne Erinnerungen oder wenig Komfort verbindet.“ Für solche Menschen hat sie das Projekt „Neue Umgebindehäuser“ entwickelt. Auch hier ist sie Vorreiterin, denn es gibt in Polen zwar Satzungen zur Vereinbarkeit von regionaler und moderner Architektur, „aber niemand hat fertige Baupläne ausgearbeitet. Die Urheberrechte an den Bauprojekten für neue Umgebindehäuser liegen allein bei uns und wir bestimmen, ob und wo ein neues Umgebindehaus gebaut wird“, somit werde verhindert, „dass ein derartiger Baustil nicht dort gebaut wird, wo er nicht hingehört“.
Als Nächstes steht die Wiederbelebung Weigsdorfs an. Seit 16 Jahren beherbergt Lech-Gotthard in ihrem Stellmachhaus (www.domkolodzieja.pl) den Verein „Heimat Weigsdorf“ der seine Heimattreffen zusammen mit polnischen Nachkriegs-Weigsdorfern bei ihr durchführt. Bei diesen Heimattreffen werden Revitalisierungspläne für Weigsdorf geschmiedet.