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Hier begann der Siegeszug des Erdöls: Ölbohrturm (heute Museum) in Wietze in der Lüneburger Heide
Foto: Wikimedia Commons/ Arnold PlesseHier begann der Siegeszug des Erdöls: Ölbohrturm (heute Museum) in Wietze in der Lüneburger Heide

Analyse

50 Jahre Öl als Waffe

Bodo Bost
20.09.2023

Im Jahr 1973 hatten die arabischen OPEC-Länder die Ölfördermengen gekürzt. Das war der erste Einsatz von Öl als Waffe. Wenige Wochen später erfolgte im Oktober der Jom-Kippur-Krieg, durch den Israel erstmals seit 1948 in die Defensive geriet.
Viele Historiker glauben, dass schon Hitler den Krieg gegen die Sowjetunion auch wegen der Ölvorkommen des Kaspischen Meeres führte. Der Russland-Feldzug wurde kein Blitzkrieg, weil der Treibstoffnachschub mit dem Verbrauch auf den endlosen russischen Wegen nicht Schritt hielt. Vielleicht werden Historiker einmal herausfinden, dass Putin seinen Krieg gegen die Ukraine 2022 nicht nur wegen der „Russischen Erde“-Ideologie seines Patriarchen Kyrill begonnen hat, sondern vor allem, um auf dem Welternährungsmarkt mit der Ukraine seinen härtesteten Konkurrenten auszuschalten und um damit mit dem Weizenpreis über einen neuen Hebel globaler Macht zu verfügen.

Der Siegeszug des Öls begann 1858 bei Wietze in der Lüneburger Heide, wo die erste erfolgreiche Erdölbohrung weltweit stattfand. Dem Geologen Christian Konrad Hunäus gelang im Auftrag des Königreichs Hannover dieser bahnbrechende Durchbruch. Man glaubte noch, durch diese Bohrung auf unterirdische fossile Kohlenlager zu stoßen. Deshalb waren Hunäus und seine Arbeiter enttäuscht, dass nach einem Jahr Bohrvorbereitungen anstatt Kohle „nur“ Erdöl aus der Erde spritzte. Anders dagegen in den USA. Dort löste nur wenige Wochen später die erste erfolgreiche Bohrung nach Erdöl in Pennsylvanien ein regelrechtes Ölfieber aus. Man stellte aus Öl bereits Lampenöl (Petroleum) her, das zur Beleuchtung der Haushalte eingesetzt wurde.

Treibstoff der Industrialisierung
Erdöl wurde zum Treibstoff der Industrialisierung. Mit der Entwicklung des Autos 1886 durch Carl Benz schnellte die Nachfrage nach Mineralöl sprunghaft in die Höhe. Rockefeller gründete die Standard Oil Company, die zum ersten multinationalen Konzern wurde. Bald entstand Konkurrenz am Kaspischen Meer und seit 1908 am Persischen Golf.

Mitte der 1940er Jahre entdeckten amerikanische und britische Ölkonzerne gigantische Ölvorkommen in Saudi-Arabien. Bei einem Treffen von Ibn Saud mit Präsident Franklin D. Roosevelt auf der „USS Quincy“ im Jahr 1945 gaben die USA eine Sicherheitsgarantie für Saudi-Arabien im Gegenzug für den Zugriff auf die Ölvorkommen des Landes. Nach 1945 explodierte der Ölverbrauch in den USA. Die Zahl der Autos stieg rasant. Die Ölförderung hielt mit dem Verbrauch nicht Schritt. Ab 1948 mussten auch die USA Öl importieren.

OPEC reagierte auf Dollarverfall
1960 gründeten vier muslimische Staaten und Venezuela in Bagdad die OPEC als antikolonialistisches Kartell. 1971 hatten die USA beschlossen, den US-Dollar nicht mehr an den Wert des Goldes zu binden. Der Dollar verlor drastisch an Wert. Weil das Rohöl in Dollar gehandelt wird, gingen die Einkünfte der Förderländer rasant bergab. Darauf reagierte die OPEC mit Förderkürzungen. Am 1. Juni 1973 wurde bei Verhandlungen zwischen der OPEC und den größten westlichen Erdölgesellschaften eine große Preiserhöhung vereinbart.

Zum Krieg kam es dann im Oktober, als am größten jüdischen Fastentag, dem Jom Kippur, zwei arabische Armeen Israel angriffen und erstmals in die Defensive zwangen. Nur durch erhöhte amerikanische Waffen- und Rohstofflieferungen konnte Israel eine Niederlage vermeiden, die Weltöffentlichkeit, auch in Europa, war, anders als 1967, gegen Israel eingestellt. Dennoch verhängten die arabischen Staaten ein Embargo gegen die europäischen Staaten, nicht gegen die USA. Mit dem Öl wollte man einen Keil in die westliche Allianz treiben. In Folge des Embargos stieg der Ölpreis rasant, es kam zu Lieferengpässen. Deutschland verhängte erstmals in seiner Geschichte Fahrverbote für Autos.

Saudi-Arabien und die arabischen Golfstaaten wurden durch Öl zu den reichsten Staaten der Erde, und das Öl wurde zur Triebkraft des wachsenden Islamismus. Russland ist mittlerweile auch Mitglied von OPEC+ und braucht die Öl-Einnahmen dringend für seinen Krieg in der Ukraine. Kriege ums Öl als Verteilungskämpfe wurden zwar schon lange vorausgesagt, aber dabei sah man Aggressoren eher in den Staaten, die zu wenig hatten, nicht in den Staaten, die zu viel davon haben.


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Kommentare

Rolf Kunz am 25.12.23, 20:37 Uhr

1973 war der Ölpreis allerdings extrem niedrig und passte überhaupt nicht zur Inflation der Abrechnungseinheit US Dollar.
Und heute? Heute haben wir eine Situation mit ähnlichen Auswirkungen. Sollte Israel tatsächlich auf Teufel komm raus weiter eskalieren und weitere Länder involviert werden, dann könnte der Ölpreis (aktuell um 80 Dollar) noch in ganz ungeahnte Höhen katapultiert werden.

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