27.02.2024

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Ostpreussische Bräuche

Advents- und Weihnachtszeit zu Hause

Ein Rückblick auf heimatliche Traditionen – Eine Auswahl von Vorbereitungen auf das Fest im meist strengen Winter

Uta Lüttich
17.12.2023

Die Sitte des Weihnachtsbaumes war in Ostpreußen verhältnismäßig jung. Sie ist etwa um 1820 entstanden und hat sich auch dann nur langsam verbreitet. Allerdings finden wir in einer Reisebeschreibung eines Pfarrers und späteren Königsberger Professors einen Bericht über eine Weihnachtsfeier um die Jahrhundertwende 1800 auf dem Schloss des Grafen Carl Ludwig Alexander Dohna-Schlodien im Kreis Pr. Holland, der zusammen mit seiner Gemahlin für seine Gutsleute und ihre Kinder in jedem Jahr den Lichterbaum mit Geschenken schmückte.

Im Kreis Heiligenbeil war noch um 1850 herum der Weihnachtsbaum fast unbekannt. Man baute dort zum Heiligabend ein „Wintajreensboomke“. Drei Äpfel wurden übereinander auf ein Holzstäbchen gereiht, und die Äpfel wurden mit kleinen Tannenzweiglein besteckt. Der unterste Apfel hatte vier Stäbchen als Füße und der oberste Apfel trug ein Licht.

Wenn an den Adventssonntagen in allen Kirchen das alte Lied erklingt „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, so wissen nur wenige, dass ein Ostpreuße der Schöpfer dieses Liedes ist. Georg Weißel, 1590 in Domnau geboren, Rektor und Pfarrer in Königsberg, ist einer von vielen Ostpreußen, die der Nachwelt ein großes geistiges Geschenk hinterlassen haben.

Genauso wie der Danziger Johannes Falk, von dem das Lied stammt „Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“. Und Martin Luther hat uns vor 500 Jahren das Lied geschenkt: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, das er im Gedenken an sein sieben Jahre zuvor verstorbenes Töchterchen Lisabeth schrieb. Am Heiligen Abend sammelte sich um 3 Uhr die Stadtmusik im Schlosshof zu Königsberg und zog dann in Gruppen zu vier bis sechs Mann strahlenförmig nach allen Richtungen in die Stadt, wobei der alte Luther-Choral „Vom Himmel hoch“ geblasen wurde.

Bekannte Weihnachtslieder aus der Feder von Ostpreußen
In der Advents- und Weihnachtszeit wird uns dieses reiche Erbe besonders bewusst. Die Gedanken gehen zurück zu den Weihnachtsfesten in der Heimat, wo das weite Land und der kalte, schneereiche Winter für eine eigene Stimmung sorgten.

Das weihnachtliche Brauchtum war vielfältig, und ich möchte sie gerne auf eine gedankliche Reise in die Heimat mitnehmen: Früh wird es dunkel in diesen Tagen. Der Herbststurm hat die letzten Blätter von den Bäumen gefegt, die ersten Nachtfröste haben sich eingestellt, der erste Schnee ist bereits gefallen. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo es zu Hause in Ostpreußen und Westpreußen, in Pommern und dem Deutschen Osten in der warmen Stube am Kachelofen – zum Teil noch mit Petroleumlampen – so richtig gemütlich wurde.

In der ersten Adventswoche backte Muttchen Honigkuchen und Pfeffernüsse. Muttchens Pfefferkuchen waren die wohlschmeckendsten, ich schmecke sie noch heute. Sie hatte ihr handgeschriebenes Rezept von Großmutter her, und die hatte es von ihrer Mutter, wer weiß, wie alt es schon sein mochte.

Die zweite Adventswoche stand im Zeichen der Mürbeteige, ein ähnliches Geschehen. Da stand ich dabei und durfte die Formen ausstanzen, während Vater zusah, die Monde und die Sterne, allerlei Tiere, Kränze und Kringel, die als Christbaumschmuck bestimmt waren.

In der dritten Adventswoche wurde Marzipan gebacken. Vater half beim Mandeln abpulen und reiben, unter die süßen Mandeln kamen auch zwei bis drei bittere Mandeln, das gab zusammen mit dem Puderzucker und dem Rosenwasser erst den richtigen unverkennbaren Geschmack von Muttchens Marzipan.

Kochen, Backen und Basteln
In der vierten Adventswoche wurde dann der Weihnachtsschmuck hergerichtet. Da waren die bunten Papierketten neu zu kleben. Kleine Netze wurden geschnitten, in denen die Süßigkeiten hängen sollten. Nüsse waren zu vergolden und Fäden an die Äpfel zu binden und an die Kuchen, Kränze und Kringel ,und natürlich mussten auch die Bastelgeschenke, die ich für Vater und Muttchen gemacht hatte, verpackt werden.

So stiegen die Spannung und die Vorfreude auf den Heiligen Abend und die Stunde der Bescherung. Vater und ich horchten auf, wenn Muttchen erzählte, wie sie einmal den Heiligen Abend in Königsberg erlebt hatte: Noch weit entfernt erklangen auf der Straße ein paar rhythmische Töne. Es waren die Königsberger Choralbläser. Die letzten Vorbereitungen wurden unterbrochen. Und da waren sie auch schon! Mit der Urgewalt der Posaunen von Jericho zogen sie unter den Fenstern vorbei, mit hochgeklapptem Kragen, eingeschneit und scheinbar doch nicht missmutig. Ein Teil der Strophe zog mit ihnen bedachtsam-feierlich vorbei und brachte die unvergänglichen Worte wieder ins Gedächtnis. Es war Heiliger Abend und die Kerzen am Weihnachtsbaum wurden angezündet.

Während in der Backröhre die gebratenen Äpfel schmurgelten und nachdem wir beim Schein der Adventskerzen die alten vertrauten Weihnachtslieder gesungen hatten, hörten wir den Geschichten von Omchen zu, die auf dem Land aufgewachsen war und so richtig spannend zu erzählen wusste, zum Beispiel vom „Federreißen“:
Gänse – eine Herde Gänse gehörte auf jeden Bauernhof. Nach Lichtmess (2. Februar) fingen die Gänse mit dem Eierlegen an, die datiert und gesammelt wurden. Vom Schlüpfen im Frühjahr bis Martini (11. November) wurden die Gänse gehütet oder im Obstgarten frei laufen gelassen. Die Hafermast folgte dann vor der Schlachtung. Ein Ganter und die Zuchtgänse wurden ausgewählt, die restlichen geschlachtet.

Von der Gans wurde alles verwertet: Gänsebraten, Gänseklein, geräucherte Brust, vom Flomen gab es Gänseschmalz, die Federn – das Blut wurde zu Schwarzsauer verarbeitet, der Kopf gespalten und das Hirn – eine Delikatesse – gewickelte Gänsepfoten (die gesäuberten und gebrühten Pfoten wurden mit gereinigten Därmen umwickelt – brrr brrr ...)

Der Zauber der Weihnacht war in Ostpreußen besonders stark zu verspüren. Vielleicht lag es an dem tiefen Schnee, der das Land einhüllte, vielleicht an der Herzlichkeit, an der Freude am Schenken, die uns Ostpreußen zu eigen ist, an der Tiefe des Empfindens, am schönen alten Brauchtum. Wenn der Bauer durch die Ställe ging, um auch seinen Tieren ein Fest zu bereiten, wenn die Sternsinger durch die verschneiten Dorfstraßen zogen, wenn in Königsberg die Weihnachtsmusikanten durch die Straßen gingen, wenn es in jedem ostpreußischen Haus nach selbstgebackenem Marzipan und würzigen Pfefferkuchen roch – dann war bei uns Weihnachten.

Stürmische Schlittenfahrten
Wohl dem, der ein Pferd besaß, der konnte eine Einladung zum Sonntag aussprechen mit der Anweisung den Rodelschlitten mitzubringen. Die Rodelschlitten wurden hintereinander gebunden, das Pferd davor gespannt und vom ersten Schlitten aus gelenkt. Saßen alle, möglichst zu zweit auf einem Schlitten – sauste die wilde Jagd los über Land- und Feldwege, durch den Wald. Der Schnee stiebte von den Pferdehufen über die ersten Schlitten, die Schellen am Zaumzeug des Pferdes klingelten lustig. Lachen schallte, ängstliche Quiekser verrieten die Bangebüchsen. Ging es um eine Kurve, rutschten und schleuderten die Schlitten in weitem Bogen und mindestens der letzte Schlitten kippte um. Das Pferd wurde angehalten, bis alle sich aufgerappelt und zurückgesetzt hatten. Heißer Kaffee und Kuchen, Glühwein, Grog und Brote erwarteten die Heimkehrenden.

Die „Großen“ schwärmten vom Skilauf durch Feld und Wald, vom Eissegeln, Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen heimatlichen See, die „Kleinen“ vergnügten sich bei Schneeballschlachten, Schneemannbauen, Schlittern oder Schorren über möglichst lange Rutschen, Ach es gab so viele Möglichkeiten, den Schnee, das Eis zu genießen, dass die Tage viel zu kurz waren!

Wie wunderbar schon das Aufwachen an den Adventssonntagen! Noch hatte man die Augen kaum offen, so war der erste Gedanke: „Advent!“ Am Abend saß man mit Vater, Mutter und Geschwistern unter dem großen grünen Adventskranz, der von der Decke des Wohnzimmers hing, den Mutter selbst gebunden hatte, und es wurden Geschichten erzählt und Weihnachtslieder gesungen. Durch das Haus zog der Duft von frischem Tannengrün, Äpfeln, Nüssen, Plätzchen, Pfefferkuchen und Mohnstollen. Die Plätzchen wurden in großen Blechdosen aufbewahrt, damit sie schön knusprig blieben. Und weil es im Hause auch zweibeinige Mäuschen gab, musste oft nachgebacken werden.

Ein andermal war Bastelnachmittag. Wie gemütlich war es, wenn der Kachelofen bullerte, dann wurde geklebt, gesägt und gehämmert, gestickt und genäht. Mitunter legte Muttchen auch ein paar Äpfel in die Ofenröhre, der Bratäpfelduft zog durchs ganze Haus und vermengte sich mit dem Duft des selbstgebackenen Königsberger Marzipans.

Zum Nikolaustag wurden die blankgeputzten Winterschuhe auf das Fensterbrett oder vor die Stubentür gestellt. Morgens waren sie dann mit Plätzchen und Bonbons gefüllt.

Heiligabend und die Zwölften
Am Heiligabend wurde gern der Weihnachtskarpfen gegessen. Eine Schuppe am Silvesterabend in die Geldbörse getan, sicherte Geld für das kommende Jahr. An den Weihnachtstagen gab es natürlich Gänsebraten. Aus dem Blut und dem Kleinzeug der Gans wurde „Schwarzsauer“ gekocht. Das Fett der Gänse wurde ausgebraten und in Steintöpfen aufbewahrt. Es diente nicht nur zur Speise, sondern auch als „Allheilmittel!“. Wer Halsschmerzen hatte oder geschwollene Mandeln, der bekam den Hals mit warmem Gänsefett eingerieben, einen Wollschal darüber gebunden und fertig war die Behandlung, die immer, auch ohne Tabletten, gute Erfolge hatte.

In unserer ostpreußischen Heimat war noch bis in die jüngste Vergangenheit viel uraltes Brauchtum lebendig. Besonders in den Zwölften in der Zeit zwischen Weihnachten und Heilige Drei Könige hatten sich Volksglauben und Brauchtum reich entfaltet. In diesen Nächten, so glaubten unsere Vorfahren in alter Zeit, zieht die „Wilde Jagd“ mit Peitschengeknall und Hundegebell.

Es ist eine besondere Zeit, sie ist so ganz anderes als der Rest des Jahres. Die Wochen vom ersten Advent bis Silvester scheinen ein Geheimnis zu bergen. Immer wieder gibt es Augenblicke, in denen man innehalten möchte, weil etwas in der Luft schwebt, weil ein Traum aus längst vergangenen Zeiten uns überkommt. Gaumenfreuden, Düfte, Klänge, Farben erinnern uns an glückliche Kindertage mit Raureif, rieselndem Schnee und steifem Frost, an Schneeballschlachten, Eisschlittenfahrten auf unseren Seen und Schlittenfahrten durch tief verschneite Wälder, an Spielzeugeisenbahnen, an lange Wintertage in denen Muttchen in der Küche stand und backte, während Vaterchen bastelte und wir Kinder uns bemühten für die Eltern, Geschwister und Großeltern ein weihnachtliches Geschenk herzustellen, denn wer hatte schon Geld, um beim Krämer einzukaufen.

Aber am schönsten war es doch, wenn dann am Heiligen Abend der schön geschmückte Weihnachtsbaum in der guten Stube im Glanze seiner Kerzen erstrahlte und wir um Mitternacht mit den Eltern und Geschwistern zur Christmesse tief eingemummt im Schlitten durch die Winternacht fuhren.

Aber nicht alle haben so schöne friedliche Kinder-Weihnachtserinnerungen. Die Kriegskinder – zu denen auch ich gehöre – haben andere Weihnachtserinnerungen. Aber unsere Eltern haben sich mit bescheidenen Mitteln um ein friedliches und glückliches Weihnachtsfest bemüht.


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Kommentare

David L. am 25.02.24, 09:54 Uhr

Danke schön. Ich bin Australier mit ostpreußischer Abstammung (Landarbeiter aus der Region Goldap). Ich möchte mehr über die Bräuche und Traditionen meiner Vorfahren erfahren, daher war dieser Artikel äußerst hilfreich.

Gott segne.

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