30.11.2025

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Rosa Parks in einer nachgestellten Szene von 1956, nachdem der Supreme Court die Rassentrennung in Bussen aufgehoben hatte
Bild: akg-images / Science SourceRosa Parks in einer nachgestellten Szene von 1956, nachdem der Supreme Court die Rassentrennung in Bussen aufgehoben hatte

Ein Sitz für die Freiheit

Vor 70 Jahren fasste Rosa Parks sich ein Herz, nahm in einem für sie eigentlich verbotenen Bus für Weiße Platz und blieb standhaft. Ihre legendäre Busfahrt in Montgomery im US-Bundesstaat Alabama sollte alles ändern – und zwar für immer

Jens Eichler
30.11.2025

Es war ein kühler Winterabend vor 70 Jahren, als nur eine Geste zur explosiven Initialzündung einer Bewegung wurde, welche die Welt verändern sollte. Rosa Parks, eine unscheinbare Frau mit ruhiger Stimme, stieg am 1. Dezember 1955 in einen Linienbus der „Montgomery City Lines“. Sie setzte sich auf einen Platz, der eigentlich für Fahrgäste mit weißer Hautfarbe vorgesehen war – weit hinter der unsichtbaren, doch allgegenwärtigen Trennlinie zwischen „weiß“ und „schwarz“.

Als der Busfahrer sie aufforderte, aufzustehen, damit weiße Passagiere Platz finden könnten, blieb sie stur und regungslos sitzen. Diese vollkommen unaufgeregte Weigerung, obwohl ihr just in diesem Moment das Herz bestimmt bis an den Hals geklopft haben muss, war so schlicht und zugleich so still, aber dafür umso lauter in der Wirkung. Diese Tat, dieser Mut, diese Menschlichkeit entfachte ein unglaublich loderndes Feuer, das die Mauern der Rassentrennung in den USA schließlich final zum Einsturz bringen sollte.

Doch um Rosa Parks' Mut zu verstehen, muss man die Zeit kennen, in der sie lebte. Man muss die Umstände begreifen, die damals herrschten – Umstände, die man sich heute kaum vergegenwärtigen kann. Mitte der 1950er Jahre war die Rassentrennung im Süden der USA gesetzlich festgeschrieben und gesellschaftlich tief verankert. Schwarze Bürger durften nicht dieselben Schulen besuchen wie Weiße, mussten in Restaurants getrennte Eingänge benutzen, tranken aus anderen Brunnen und saßen in Bussen nur im hinteren Teil. Schwarze durften nicht einmal dieselben öffentlichen Toiletten benutzen wie ihre weißen Mitbürger. Wer sich widersetzte, riskierte Gefängnis, Schläge, ja sogar sein Leben. Es war aber nicht nur die pure Trennung, die allen voran den Schwarzen zur damaligen Zeit das Leben schwerer als schwer machte. Es war die offensichtliche Haltung vieler Weißer, die ihre dunkelhäutigen Mitmenschen nicht einmal biologisch auf einer Stufe mit sich sahen. Schwarze waren für sie keine Menschen, sondern maximal menschenähnliche Kreaturen. Sie waren einst Sklaven, wurden gehalten wie Tiere – und manchmal sogar noch schlechter – und genau so betrachtete man und behandelte man sie halt auch von weißer Seite her. Eine dekadente Überlegenheit, eine abstoßende Geisteshaltung, die vorherrschte, weil sie Teil der üblichen Erziehung damals im Süden der USA bei weißen Kindern war. Du bist weiß, du bist ein Mensch, du bist etwas Gutes. Alles Attribute, die auf Schwarze in keinem Fall zu übertragen waren. Das war die ebenso normale wie brutale Realität und Denkweise in US-Bundestaaten wie Alabama, Mississippi, Louisiana, Georgia, Florida oder South Carolina.

Ein Leben voller Demütigungen
Und auch für Rosa Parks war diese leider alltägliche Demütigung nichts Neues. Geboren wurde sie 1913 in Tuskegee, Alabama, aufgewachsen in absoluter Armut, aber mit einem unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit. Damals eine gefährliche Tugend – vor allem für eine schwarze Frau. Ihre Großeltern, beide ehemalige Sklaven, erzogen sie im Bewusstsein, dass Freiheit und Würde keine Selbstverständlichkeit waren, sondern erkämpft werden mussten. „Ich habe oft meine Großmutter sagen hören, dass niemand besser ist als ein anderer Mensch“, erinnerte sich Parks später einmal. Doch was nützt diese Weisheit, wenn man als Mensch tagtäglich das exakte Gegenteil davon erleben muss?

Als sie älter wurde, musste sie erfahren, wie wenig dieser ehrenwerte Grundsatz ihrer Großmutter in ihrer Heimat galt. Schwarze Kinder bekamen alte, abgenutzte Schulbücher von den weißen Schulen, ihre Klassenzimmer waren baufällig, die Lehrer schlecht bis gar nicht bezahlt. Parks musste daher dann auch die Highschool aus finanziellen Gründen abbrechen – es ging halt nicht mehr. Doch sie gab nicht auf: Jahre später kehrte sie zurück, holte ihren Abschluss nach – ein stiller Beweis ihres ebenso eisernen wie vorbildlichen Durchhaltewillens.

Die Legende ihrer späteren Busfahrt neigt dazu, Rosa Parks als „zufällige Heldin“ darzustellen. Doch wer ihr Leben genauer betrachtet, erkennt: Ihr Protest war kein spontaner Akt, sondern Ausdruck jahrelanger Vorbereitung und innerer Überzeugung.

Parks war bereits seit den 1940er Jahren Mitglied in der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People), der wichtigsten Bürgerrechtsorganisation jener Zeit. Sie arbeitete als Sekretärin des Montgomery-Chapters und protokollierte dort unzählige Fälle von Ungerechtigkeit: Lynchmorde, Vergewaltigungen von schwarzen Frauen, hemmungslose Polizeigewalt. Eine ihrer prägenden Erfahrungen war die Unterstützung von Recy Taylor, einer Frau, die 1944 von weißen Männern brutal misshandelt worden war. Parks half, eine Kampagne für Gerechtigkeit zu organisieren – erfolglos zwar, doch der Kampfgeist war geweckt.

Auch persönlich kannte Parks die Härte des Systems. Sie hatte schon früher Konflikte mit Busfahrern, die Schwarze grob behandelten, verbal ausgefochten. Manche Fahrer ließen Schwarze bezahlen, zwangen sie aber dann, wieder auszusteigen und hinten einzusteigen – und fuhren dann oft einfach gehässigerweise los, bevor sie einsteigen konnten. Auch Parks erlebte das und schwor sich, diese Demütigung nie wieder hinzunehmen.

Boykott – eine Stadt steht still
Am 1. Dezember 1955, an einem Donnerstag, arbeitete Parks wie gewohnt in einem Kaufhaus. Müde und gestresst vom Arbeitstag stieg sie in den Bus und nahm Platz. Als die weißen Sitzplätze gefüllt waren, aber weitere weiße Fahrgäste einstiegen, verlangte der Fahrer – James F. Blake, ein Mann, der Parks schon früher öfter abfällig und respektlos behandelt hatte –, dass sie und drei andere Schwarze ihre Plätze räumen sollten, um den Weißen ohne Sitzplatz ihren freizumachen. Die anderen standen auf. Parks nicht.

„Ich war damals gar nicht körperlich müde“, berichtete sie später von der Situation. „Ich war nur müde davon, schon wieder nachgeben zu müssen.“ Und es kam, wie es kommen musste. Der rabiate, unmenschliche Busfahrer schritt hämisch grinsend zur Tat. Die Polizei wurde gerufen, und Parks wurde umgehend verhaftet. Ihr Prozess begann nur wenige Tage später – eigentlich eher ein kleiner Vorfall in den Augen der Behörden, wie so oft im US-Süden. Doch diesmal blieb es nicht bei einem unbedeutsamen Einzelfall.

Die Nachricht von Parks' Verhaftung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Bürgerrechtler wie E.D. Nixon und Jo Ann Robinson erkannten sofort die explosive Symbolkraft des Vorfalls. Über Nacht verteilten sie Flugblätter: Schwarze Bürger sollten die Busse Montgomerys boykottieren. Am 5. Dezember 1955 blieben die Sitze dann auch tatsächlich leer – über 40.000 Menschen gingen an diesem Tag zu Fuß, fuhren in Fahrgemeinschaften, oder blieben einfach zu Hause.

Aus dem eintägigen Protest wurde eine ganze Bewegung, die sage und schreibe 381 Tage dauern sollte. Der Montgomery Bus Boycott war geboren – und mit ihm stieg ein damals bis dato kaum bekannter junger Pastor ebenso ins grelle Rampenlicht: Martin Luther King Jr.

Die Streikfolgen waren dramatisch: Die Stadt erlitt erhebliche finanzielle Verluste, die Busgesellschaft stand regelrecht vor dem Ruin, und der damit entstehende Druck auf die Politik wuchs enorm. Schon damals war die Macht des Geldes allgegenwärtig und ebenso gesellschaftlich zu spüren. Im Jahr 1956 entschied schließlich der Supreme Court der USA: Die Rassentrennung in Bussen war und ist ab sofort verfassungswidrig. Es war ein Meilenstein der Bürgerrechtsbewegung – lediglich ausgelöst durch Parks' Weigerung, ihren Platz für Weiße zu räumen.

Leben nach dem „Ja zum Nein“
Für Parks bedeutete der frisch erlangte, aber zugleich fragwürdige Ruhm, kein einfaches Leben. Sie verlor prompt ihren Arbeitsplatz, ihr Ehemann ebenso. „Aufrührerische Neger“ – so lautete die Bezeichnung damals – wollte kein Arbeitgeber in seiner Belegschaft haben. Auch aus Angst vor weiteren Unruhen. Beide Parks erhielten sogar Morddrohungen. Schließlich zog das Paar 1957 in den Norden nach Detroit, wo sie jahrzehntelang ein zurückgezogenes, aber engagiertes Leben führten. Rosa arbeitete als Sekretärin bei dem Abgeordneten John Conyers und setzte sich auch weiter für soziale Gerechtigkeit ein – gegen Armut, aber für mehr Bildung und ebenso für Frauenrechte.

Schließlich sprangen die USA über ihren eigenen Schatten und ehrten die mutige Frau als das, was sie war – als ein Vorbild. Parks erhielt die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten von Amerika. Nach ihrem Tod 2005 wurde ihr Sarg als erster Frau überhaupt im Kapitol der Vereinigten Staaten aufgebahrt.

Was Rosa Parks so einzigartig macht, ist nicht die Lautstärke ihres Protests, sondern die Ruhe. Sie war keine Rednerin, keine charismatische Anführerin, sondern eine Frau, die den Mut hatte, in einem entscheidenden Moment „Nein“ zu sagen. Dieses „Nein“ hallte weiter in vielen Reden, weil es die Ungerechtigkeit in ihrer ganzen Banalität bloßlegte. Ihr Mut inspirierte Generationen von Menschen weltweit – von Nelson Mandela bis zur Frauenbewegung im Iran von heute. Parks wurde zum Sinnbild dafür, dass Veränderung mit einer einzigen entschlossenen Handlung beginnen kann.

Sieben Jahrzehnte nach jenem Abend ist die Rassentrennung in den USA offiziell Geschichte. Afroamerikaner besuchen dieselben Schulen wie Weiße, sie wählen, sie regieren, sie stellen Präsidenten. Und doch, so zeigt die Gegenwart, ist Parks' Erbe aktueller denn je. Denn noch immer scheint die Trennung nur wegen der Hautfarbe nicht wirklich überwunden. Immer wieder erinnert die Busfahrt von Montgomery deshalb daran, dass sie kein abgeschlossener Sieg war, sondern der Auftakt eines langen Weges.

Eine Fahrt, die niemals endet
Am Ende bleibt die Szene im Bus von Montgomery ein Sinnbild: eine Frau, die nicht aufsteht, weil sie es nicht mehr erträgt, ein System, das in sich zusammenfällt, weil es von der Entschlossenheit eines einzelnen Menschen herausgefordert wird. Parks' Entscheidung zeigt, dass Geschichte nicht nur von Präsidenten oder Generälen geschrieben wird, sondern von ganz normalen Menschen, die in einem entscheidenden Moment das Richtige tun. Heute, 70 Jahre später, sitzen Millionen Menschen in Bussen rund um die Welt – oft achtlos, ohne über diesen Akt nachzudenken. Doch irgendwo in diesem unscheinbaren Alltag hallt immer noch das Echo jenes Abends: das leise, unbeirrbare „Nein“ einer Frau, das zu einem lauten „Ja“ für Freiheit und Gleichheit wurde.

Weitere Infos: Rosa Parks Museum, 252 Montgomery St., Montgomery, Alabama 36104. www.troy.edu/student-life-resources/arts-culture/rosa-parks-museum/visit.html 


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