29.11.2025

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Stephan Aderhold (r.) im Gespräch mit Bischof Waldemar Pytel (l.), der von 1986 bis Juni 2025 als Seelsorger in der Friedenskirche zu Schweidnitz diente
Bild: WagnerStephan Aderhold (r.) im Gespräch mit Bischof Waldemar Pytel (l.), der von 1986 bis Juni 2025 als Seelsorger in der Friedenskirche zu Schweidnitz diente

Östlich von Oder und Neiße

Kammermusik mit neuem Elan

Schweidnitz schärft sein weithin bekanntes kirchenmusikalisches Profil

Chris W. Wagner
29.11.2025

Das niederschlesische Schweidnitz [Świdnica] steht dieser Wochen für klassische Musik. Die im vergangenen Jahr nach einer 18jährigen Pause reaktivierten Kammermusiktage [Dni Muzyki Kameralnej] werden fortgeführt. Musikfreunde können sich auf acht Konzerte mit Werken unter anderem von Chopin, Schubert, Schumann oder Beethoven freuen. Musiziert wird nicht in traditionellen Konzertsälen, sondern im Klub Bolko. Diese Einrichtung befindet sich in der 1870 gegründeten Brauerei „Braucommune“ am einstigen Wilhelmsplatz [plac Grunwaldzki].

Auch der Barockwinkel unmittelbar neben der Schweidnitzer Friedenskirche ist Austragungsort der Kammermusiktage. Gespielt wird bis zum 1. Februar im Zwei-Wochen-Rhythmus jeweils sonntags um 17 Uhr. Das Programm in polnischer Sprache ist unter www.sok.com.pl zu finden, der Eintritt zu allen Konzerten kostet 200 Złoty, Einzeltickets 30 Złoty oder ermäßigt für 20 Złoty.

Die Kammermusiktage wurden 2024 vom Schweidnitzer Kulturzentrum [Świdnicki Ośrodek Kultury] neu begründet, um eine Lücke im musikalischen Leben der Stadt zu schließen. Im Mittelpunkt der vom Kulturzentrum wiederbelebten Kammermusiktage steht die Interpretation romantischer Musik. Die Künstler arbeiten mit Instrumenten aus dem
19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Wiederbelebung des Festivals knüpft an eine jahrhundertelange Musiktradition in Schweidnitz an. Seit der frühen Neuzeit war die Stadt Zentrum protestantischer Musikkultur in Schlesien. Das Herzstück der Tradition ist die Friedenskirche „Zur Heiligen Dreifaltigkeit“, die zwischen 1656 und 1657 erbaut wurde und heute zum UNESCO-Welterbe zählt. Sie wird primär von der barocken Orgel des Erbauers Christoph Klose und späteren Nachfolgern und dem Klang geprägt.

Die Schweidnitzer Kirchenmusik ist gut dokumentiert durch frühzeitliche Stiftungen, Chorordnungen, Instrumentenverzeichnisse und Predigtsammlungen. Diese wurden im Archiv der Friedenskirche gesammelt. Doch erst nach der politischen Wende konnten auch deutsche Musikwissenschaftler darin forschen. Einer von ihnen ist Stephan Ader-hold, der das Archiv seit Jahren erschließt und durch seine Publikationen detaillierte Einblicke in die Entwicklung des schlesischen Liedguts verschafft. Aderholds Steckenpferd sind die Kantaten von Benjamin Schmolck. Der Liegnitzer Schmolck ist 1702 als Diakon an die Schweidnitzer Friedenskirche berufen worden und verbrachte dort den Rest seines Lebens, seit 1714 als Hauptpastor. Zugleich lehrte er an der Schweidnitzer Gnadenschule.

Der von Schmolck gedichtete Kantaten-Jahrgang „Das Saiten-Spiel des Hertzens“ erschien in mehrfachen Auflagen und wurde gleich von mehreren Komponisten vertont, unter anderem von Georg Philipp Telemann, Gottfried Heinrich Stölzel und Johann Friedrich Fasch. Schmolck dichtete insgesamt 1183 Lieder, von denen einige heute noch gesungen werden. Und dies auch dank Stephan Aderhold, der Schmolcks Texte, Vertonungen, Aufführungskontexte und Transmissionswege der Kantaten untersuchte, eine Edition von Schmolcks Kantatentexten und deren Vertonungsgeschichte erarbeitete und ins Bewusstsein der Schlesier zurückbringt. Zuletzt tat er dies während der 375-Jahr-Feier des Westfälischen Friedens in Schweidnitz.

Doch das Schweidnitzer Musikleben fand nicht nur in kirchlichen Räumen statt. Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden Gesangsvereine, städtische Kapellen und bürgerliche Konzertreihen. In der Gegenwart nutzt das Internationale Bach-Festival [Międzynarodowy Festiwal Bachowski] die besondere Akustik der Friedenskirche und zieht damit ein internationales Publikum an.

Auch das Museum der Geschichte des Kaufmannswesens [Muzeum Dawnego Kupiectwa] am Ring 37 trägt zur musikalischen Vermittlung bei. Die Ausstellung „Das Musikleben in Schweidnitz“ [Życie muzyczne w Świdnicy] dokumentiert anhand von Noten, Programmen, Instrumenten und zeitgenössischen Berichten, wie stark Musik den Alltag und die Frömmigkeit der Stadt prägte. Mit den Kammermusiktagen setzt die Stadt Schweidnitz diese ehrwürdig alte Kulturtradition fort.


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