29.11.2025

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Kinderkurheim-Skandale

Ein düsteres Kapitel der Geschichte

Die Erfolgsautorin Eva Völler hat in ihrem aktuellen Roman ein Thema aufgegriffen, in das die Erfahrungen ihrer eigenen Geschwister mit einfloss

Angela Selke
29.11.2025

Die Reporterin Hanna Lorenz macht sich mit ihrer 15-jährigen Tochter auf den Weg nach Borkum. Sie will dort ihren Urlaub verbringen, aber auch gleichzeitig eine Reportage über das Kinderkurheim auf der Insel schreiben. Dieses Heim ist für sie besonders interessant, weil ihre Mutter dort als Fünfjährige sechs Wochen verbracht hatte und auch jetzt noch, als Rentnerin, immer noch traumatische Erinnerungen daran hat.

Durch einen Aufruf bei Facebook hat Hanna eine weitere Frau gefunden, die sich noch gut an so manche üble Erziehungsmaßnahmen der strengen Erzieherinnen erinnern kann und bereit ist, ihre schrecklichen Erfahrungen für die Reportage zu schildern.

Als Hanna in dem Kinderheim, das jetzt ein neues und nobles Hotel ist, morgens aus ihrem Hotelzimmer tritt, liegt eine Kladde vor der Tür. Diese stammt von der damaligen Betreuerin Luise, die seinerzeit plötzlich verschwunden war. Durch die aufschlussreichen Tagebucheintragungen erfährt Hanna, wie hart die Leiterin des Heims war, wie alle Kinder, die dort in den 1960er Jahren ihre Kur verbrachten, misshandelt wurden und wie sogar ein Verbrechen vertuscht werden sollte. Hanna lernt schon bald den ortsansässigen Hausarzt Ole näher kennen, der ihr bei den Recherchen helfen möchte, aber immer mehr kommt heraus, dass sein Großvater ebenso in den Fall einer schweren Kindesmisshandlung von damals verwickelt war.

Eva Völler Roman „Der Sommer am Ende der Welt“ ist mitreißend, aufschlussreich und einfühlsam erzählt. Sie schildert darin aufgrund wahrer Begebenheiten, aber anhand einer fiktiven Geschichte, einige Fälle von Kindesmisshandlungen während ihrer Kuraufenthalte in den 60er Jahren aufdeckt. Völlers Geschwister lieferten dazu die Fakten, denn auch sie hatten eine schreckliche Kur als Kinder erlebt. Ein Thema, das im Vorwort mit folgenden Worten eingeleitet wird: „Triggerwarnung: Der vorliegende Roman enthält Beschreibungen von bestimmten Zuständen in früheren Kindererholungsheimen, durch die ehemalige Verschickungskinder retraumatisiert werden können.“

„Das Schicksal von Millionen Verschickungskindern ist ein dunkles Kapitel bundesdeutscher Geschichte, das in seinen Dimensionen immer noch kaum fassbar und bei Weitem nicht aufgearbeitet ist“, so Völlers Hinweis im Nachwort. Die ehemalige Richterin und Rechtsanwältin hängte ihre Robe an den Nagel, um das Schreiben zum Hauptberuf zu machen.

Eva Völler: „Der Sommer am Ende der Welt“, Droemer Verlag, München 2025, Taschenbuch, 395 Seiten, 16,99 Euro


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