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Während des Ruhrkampfs: Ein französischer Soldat erhebt das Gewehr gegen einen alten deutschen Zivilisten
Foto: UllsteinWährend des Ruhrkampfs: Ein französischer Soldat erhebt das Gewehr gegen einen alten deutschen Zivilisten

Westdeutschland

Als der Ruhrkampf begann

Vor 100 Jahren besetzten Franzosen und Belgier Deutschlands industrielles Zentrum

Wolfgang Kaufmann
10.01.2023

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war das Deutsche Reich im Versailler Diktat verpflichtet worden, Reparationen an die Siegermächte zu zahlen. Deren Höhe legte die alliierte Reparationskommission am 30. April 1921 im Londoner Zahlungsplan auf 132 Milliarden Goldmark fest. Die erste Milliarde stellte die Weimarer Republik am 31. August 1921 zur Verfügung. In der Folgezeit verschärften sich indes die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands derart, dass eine Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen unrealistisch erschien. Deshalb begnügten sich die Siegermächte vorläufig mit Sachleistungen wie Lieferungen von Stahl, Kohle und Holz, und es begannen Verhandlungen über die Reduzierung der Reparationen.

In diesen vertrat Frankreich den Standpunkt, dass eine Kürzung der deutschen Zahlungen akzeptabel sei, wenn Großbritannien und die USA ihrerseits der Reduzierung der interalliierten französischen Kriegsschulden von 5,5 Milliarden US-Dollar zustimmten. Das war für London jedoch zunächst kein Thema. Deswegen drohte der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré, sein Land werde sich „produktive Pfänder“ holen, sollten die deutschen Reparationsleistungen weiter stocken. Die britische Seite hielt dies allerdings für einen Bluff und wies daher die französischen Forderungen nach Schuldennachlässen zurück. Denen nachzukommen, hieße, „die Beute ins Nichts zerrinnen zu lassen“, hatten die Verhandlungsführer des Empire in der Reparationskommission ihre Vorgesetzten an der Themse gewarnt. Also entschied Poincaré im November 1922, das Ruhrgebiet zu besetzen. Das mangelnde Entgegenkommen der Gläubiger Frankreichs und die Zahlungsschwäche Deutschlands waren aber nicht die einzigen Beweggründe für den Einmarsch. Mindestens genauso sehr strebte der Pariser Regierungschef an, das Versailler Diktat zu revidieren und die Grenze des französischen Machtbereiches nach Osten zu verschieben.

„Produktive Pfänder“

Es fehlte noch ein Vorwand zum Zuschlagen. Den lieferte die Reparationskommission mit ihrer Feststellung vom 26. Dezember 1922, dass Deutschland auch mit den Sachleistungen im Rückstand sei, sowie der am 9. Januar nachgeschobenen Behauptung, die Lieferungen würden absichtlich zurückgehalten. Dabei war der Rückstand überschaubar. Zwar fehlten von den geforderten 200.000 Telegraphenmasten rund zwei Drittel, aber von den geforderten 13,8 Millionen Tonnen Kohle hatte Frankreich mit 11,7 Millionen immerhin rund 85 Prozent erhalten.

Der Einmarsch in das Ruhrgebiet währte vom 11. bis zum 16. Januar 1923. In diesem Zeitraum stießen fünf französische Divisionen und einige belgische Einheiten mit zuletzt rund 100.000 Mann unter dem Kommando des Oberbefehlshabers der französischen Rheinarmee, Generalmajor Jean-Marie Degoutte, bis zu einer Linie vor, die von Wesel über Dorsten und Lünen bis etwa nach Witten und Barmen reichte sowie Essen, Bochum und Dortmund einschloss.

Selbst Frankreichs angelsächsische Weltkriegsverbündete Großbritannien und USA stuften das französische Vorgehen als illegal beziehungsweise Ausdruck verwerflicher „Gewaltpolitik“ ein. In Deutschland erhob sich ein landesweiter Schrei der nationalen Entrüstung. Die Bevölkerung im Ruhrgebiet folgte mehrheitlich der Aufforderung von Reichskanzler Wilhelm Cuno vom 13. Januar, wo immer möglich „passiven Widerstand“ zu leisten. So kam es zu mehreren Generalstreiks, und die Beschäftigten der Deutschen Reichsbahn verweigerten den Dienst oder sabotierten sogar aktiv den Betrieb, um zu verhindern, dass beschlagnahmte Güter abtransportiert wurden.

Passiver Widerstand

Die Besatzer reagierten hierauf mit rund 150.000 Strafverfahren und der Ausweisung kollaborationsunwilliger Eisenbahner aus dem Ruhrgebiet. Darüber hinaus verübten sie diverse Verbrechen gegen deutsche Zivilisten, die 137 Todesopfer forderten. So feuerten französische Soldaten am 31. März 1923 auf Beschäftigte der Krupp-Werke, welche die Beschlagnahme ihrer Kraftfahrzeuge verhindern wollten. An diesem sogenannten Essener Blutsamstag starben 13 Arbeiter. Ein weiterer Fall exzessiver Gewalt ereignete sich am 10. Juni 1923. Da erschoss das französische Militär in der Dortmunder Bartholomäus-Nacht sieben Personen, die angeblich gegen die Ausgangssperre verstoßen hatten.

Angesichts dessen beließen es manche Deutsche nicht bei passivem Widerstand, sondern schritten zur aktiven Gegenwehr einschließlich der Anwendung von Gewalt. Manche Aktivisten sprengten Bahngleise oder liquidierten enttarnte Spitzel der Besatzer.

Einer dieser Untergrundkämpfer war der Weltkriegsfreiwillige und Freikorpskämpfer Albert Leo Schlageter, welcher der Geheimorganisation Heinz angehörte und am 7. April 1923 in die Hände der französischen Polizei fiel. Dem folgte ein Todesurteil wegen Spionage und Sabotage, das am 26. Mai durch Erschießen vollstreckt wurde.

Der anhaltende Widerstand gegen die widerrechtliche Ruhrbesetzung führte zum weiteren wirtschaftlichen Niedergang des Reiches im Laufe des Jahres 1923. Der deutsche Staat zahlte die Löhne der immer wieder streikenden Arbeiter im Ruhrgebiet, was pro Tag 40 Millionen Mark verschlang. Gleichzeitig gab es massive Steuerausfälle. Der Gesamtschaden aus all dem betrug vier bis fünf Milliarden Goldmark. Weil die Regierung immer mehr Geld drucken ließ, um ihre Ausgaben zu decken, beschleunigte sich das Tempo der Hyperinflation, bis diese schließlich Mitte November 1923 ihren absoluten Höhepunkt erreichte. Da war der sogenannte Ruhrkampf schon zu Ende. Am 26. September hatte Gustav Stresemann, seit dem 13. August Cunos Nachfolger als Reichskanzler, das Ende des Widerstandes gegen die Besatzungsmacht verkündet.

Danach begannen Verhandlungen über den Abzug der Okkupanten, bei denen Paris auf Druck Londons und Washingtons einlenkte. An deren Ende standen sechs zwischen dem 23. November 1923 und dem 3. September 1924 datierende Verträge zwischen der französisch-belgischen Kontrollkommission für Fabriken und Bergwerke im Ruhrgebiet MICUM und der Ruhrindustrie sowie der Dawes-Plan vom 16. August 1924, welcher die Anpassung der deutschen Reparationsverpflichtungen an die deutsche Wirtschaftskraft vorsah. Außerdem missbilligte der Dawes-Plan die Politik der „produktiven Pfänder“. Folgerichtig räumten die französisch-belgischen Truppen das Ruhrgebiet bis zum 25. August 1925.


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Kommentare

Alex Lund am 11.01.23, 17:11 Uhr

Es gibt einige Sachen, die ich nicht verstehe.
1) Die Franzosen und Belgier konnten ohne Probleme mit dem landesweiten Guerillakrieg loslegen. Bei uns Deutschen waren die Guerillas nur unter ferner liefen und auch die Regierung hat sie nicht unterstützt. Man stelle sich vor, die Guerillas wie Schlageter hätten tabula rasa gemacht und wenn die Alliierten sich beschwert hätten, dann hätten die deutschen Politiker das Rückgrat gehabt, die Alliierten abzuspeisen a la "Als wir Deutschen euch besetzt haben, waren eure Guerillas Helden, also wir haben von euch gelernt. Somit sind unsere Guerillas auch Helden. Also weist eure Presse an, genauso über unsere Guerillas zu schreiben, wie über eure."
2) Am Tag, bevor Schlageter hingerichtet werden sollte, wieso haben die Deutschen (Reichswehr) nicht mehrere französische Posten überfallen und die französischen Soldaten als Gegen-Geiseln entführt a la "Wenn ihr Schlageter tötet, töten wir die Gegen-Geiseln.

sitra achra am 11.01.23, 16:29 Uhr

Mein alter Mathelehrer, der die Zeit der Besatzung miterlebt hatte, berichtete uns, dass Deutsche nicht das Recht hatten, den Bürgersteig zu benutzen, wenn sich die edlen Besatzungssoldaten näherten. Selbst Sportruderboote von unserem Ruderklub an der Ruhr wurden konfisziert.
Ähnlich oder durch die Massenvergewaltigungen noch viel grausamer hatten sich unsere grands amis nach dem Krieg in Baden-Württemberg ausgetobt.
Heute scheint das kein Thema mehr zu sein, kein französischer Staatschef hat sich je öffentlich dafür entschuldigt.
Nun wissen wir, wie wahre Freundschaft entsteht, nämlich durch ideologisch inszenierte Verdrängung. Es leben die heiligen FFE: Friede, Freude, Eierkuchen!

Chris Benthe am 10.01.23, 16:36 Uhr

Ihr Kommentar tut wohl, Kersti Wolnow. Mir erging es ebenso. Dem ist nichts hinzuzufügen. Chapeau. Wer mehr über dieses Thema wissen möchte, dem sei wärmstens das Standardwerk empfohlen:
Hannsjoachim W. Koch / Der deutsche Bürgerkrieg. Geschichte der Freikorps 1918-1923.

Kersti Wolnow am 10.01.23, 06:26 Uhr

Ich schätze mich als gebildeten Menschen ein, habe studiert, viel gelesen. mein fehlendes geschichtliches Wissen mußte ich mir selbst zusammensuchen, was mühsam ist und Zeit braucht. 2 Dinge, die heutige Deutsche nicht mehr aufbringen wollen/können/dürfen.
Was mich heute ärgert, ist die verlorene und uns vorenthaltene Geschichte. Warum kennt niemand in der bRD (für mich ein künstliches Konstrukt, kein gewachsener Staat) Leo Schlageter? Wir kennen nur zu Helden gemachte Verräter, Beispiele erspare ich uns allen.
Doch damals arbeitete die Regierung noch einigermaßen mit dem Volk, was man heute nicht behaupten kann. Damals wußte das Volk, daß es von ausländischen Mächten ausgepreßt und besetzt ist. Der in 77 Jahren liderlich und dumm gemachte deutsche Schlaffi da draußen weiß gar nichts mehr.

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