Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Ein ebenso emotionaler wie aufregender und informativer Reisebericht ins heutige Ostpreußen, Teil 1
Am 6. Juni war es endlich soweit – wir starten unsere Reise ins Nördliche Ostpreußen. Voraus gingen dem Vorhaben lange Überlegungen und gemischte Gefühle angesichts der sehr angespannten geopolitischen Lage. Was würde uns erwarten? Was hat sich verändert? Immerhin lag unsere letzte Reise nach Königsberg schon vier Jahre zurück, damals, als es noch keinen Ukrainekrieg gab. So schwankten die Gedanken innerhalb unserer kleinen Reisegruppe im Vorfeld hin und her. Und noch am ersten Tag unserer Zusammenkunft in Danzig, von wo am Folgetag unser gemeinsamer Grenzgang in die Oblast Königsberg erfolgen sollte, war es noch ebenso.
Grenzübertritt mit etwas Nervosität
Alle Bedenken lösten sich dann aber rasch im sprichwörtlichen blauen Himmel Ostpreußens auf. Unser Transfer mit einem komfortablen Sprinter-Bus und das Passieren der Grenze erfolgte, abgesehen von einer Verzögerung auf polnischer Seite, ziemlich reibungslos. In Königsberg in Empfang genommen wurden wir dann von Eduard Politiko, Chef des Adebar-Reiseteams, über den wir diese Reise gebucht hatten. Gemeinsam haben wir dann den obligatorischen Geldwechsel – mitgebrachte US-Dollar in Rubel – hinter uns gebracht und unser Quartier für die kommenden drei Nächte bezogen. Dieses entpuppte sich als eine sehr gute Wahl, denn in dieser modernen und ebenso gemütlichen Familienpension Klaudia im alten Stadtteil Rothenstein mit noch vorhandener alter Bausubstanz, kleinen Gärten und Geschäften fühlten wir uns sofort gut aufgehoben.
Des Weiteren verlief unser erster Abend in Königsberg so, dass wir nach einem gemeinsamen Abendessen in dem zurzeit sehr angesagten Restaurant Britanica und in Begleitung der Familie Politiko nebst Enkelkind einen ausgedehnten Bummel am Königsberger Dom, auf der Kneip-Insel, im dem Fischdorf und vieles mehr unternahmen. Es war wirklich sehr schön, für Stunden an diesem entspannten Sommerabend-Flair mit flanierenden Besuchern und kleinen Musik-Gruppen teilhaben zu können. Ein schöner Ausklang unseres ersten Tages in der wunderschönen Hauptstadt Ostpreußens
Königsberg.
Reiserouten im Königsberger Gebiet
Für die nächsten Tage galt es viele individuelle Wünsche der Reiseteilnehmer unter einen Hut zu bringen: Besichtigungswünsche im modernen Königsberg, dem historischen Königsberg, einige Tage Erholung an der Küste und dazwischen jede Menge Spurensuche, Heimatort-Besuche in der grünen ostpreußischen Provinz, um hier nur einige wenige Wünsche zu nennen. Politiko hat daraus für uns sehr schöne Tagestouren zusammengestellt: Neun Übernachtungen mit wenigen Hotelwechseln, aber dafür Muße zum Verweilen an allen uns wichtigen Orten.
Die folgenden zwei Tage verliefen angelehnt an das Programm, das unter dem Link www.nordostpreussen-und-baltikum-reisen.com/studienreisen/kurzreise-kaliningrad zu finden ist. Was uns besonders ins Auge fiel: Der lang diskutierte Rückbau des Rätehauses, dem scheinbar ewigen Negativ-Wahrzeichen der Stadt Königsberg, findet sichtbar statt. Errichtet auf dem Burggraben der 1967 gesprengten Königsberger Schlossruine entsteht hier nun Platz für Neues. Hierzu soll es Überlegungen zum Wiederaufbau eines Teils des alten Schlosses, insbesondere des Westflügels geben. Wegen der aktuellen politischen Situation ruhen diese zurzeit allerdings.
Im Gürtel der Stadt und auch im Stadtzentrum findet eine rege Bautätigkeit statt. Alte Häuser werden hergerichtet, viele Neubauten entstehen. Angenehm aufgefallen ist uns auch die vor einigen Jahren neu begrünte Anlage des Otto-Lasch-Bunkers. Eine umzäunte unspektakuläre kleine Anlage mit informativen Stelltafeln. Im Bunker selbst eine originalgetreue Darstellung der Einrichtung und der Kommando-Situation. Interessant ebenso die zahlreichen Museen wie beispielsweise das Museum der Weltmeere, worauf hier allerdings aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden kann. Eine Anmerkung sei aber an dieser Stelle noch erlaubt: Bereits im Jahr 2020 wurde Königsberg von tripadvisor und „Stern“ zur Nr. 1 der „Top Ten“ der aufstrebenden touristischen Zentren gekürt. Dies ist aktuell nicht mehr zu übersehen.
Junge Reise-Impressionen
Der jüngste Teilnehmer unserer Reisegruppe, Marvin, der leider aus beruflichen Gründen nicht an der kompletten Reise teilnehmen konnte, notierte zu seinen Impressionen in Königsberg Folgendes:
„Am 12. Juni, dem Tag meiner Abreise, begab ich mich ins Stadtzentrum von Königsberg, genauer gesagt an das Westufer des Oberteichs, um dort den Feierlichkeiten zum Russlandtag beizuwohnen. Angesichts des einige Wochen zuvor erfolgten Terroranschlages bei Moskau galten auch hier verschärfte Sicherheitsmaßnahmen, was jedoch der fröhlichen Stimmung der Besucher keinen Abbruch tat. Während von der Hauptbühne russische Lieder erklangen, konnte man sich an zahlreichen aufgebauten Ständen mit den Gebräuchen und teilweise auch den kulinarischen Spezialitäten verschiedener Völker Russlands vertraut machen. Auch wenn es mir so schien, als sei nicht die Asiatin in ihrer bunten Tracht oder der kosakische Schwerttänzer, sondern ich, der Deutsche aus Berlin mit dem Rollenkoffer, hier der Exot. Ich führte das ein oder andere freundliche Gespräch, genoss neben der Musik und dem Bühnenprogramm ein Schälchen kalten litauischen Borschtsch und machte mich dann am frühen Nachmittag auf den Weg zur Bushaltestelle am Hauptbahnhof, um von dort meine Rückfahrt nach Gdansk anzutreten.“
Wir sind zu einem klaren Fazit gekommen: Das Leben in Königsberg sprudelt. Das Wetter war gut und die Laune der Menschen ebenso. Es machte Spaß, wenn auch nur für kurze Zeit, Teil dieses entspannten Treibens zu sein.“
Am Nachmittag stand eine Exkursion an die Samlandküste an. Die Tour ging über Juditten mit einer der ältesten Kirchen des Samlandes, welche heute aktiv von der Orthodoxen Kirche genutzt wird, weiter über Kumehnen nach Palmnicken. Kumehnen hat uns wirklich berührt. Einer dieser stillen Plätze mit Ruinen aus der Ordenszeit, mit den typischen Storchennestern, der Dachlosigkeit und dem sprichwörtlich blauen Himmel darüber. In den 2000er Jahren gab es den Versuch einer Initiative, den weiteren Verfall zu stoppen. Nach dem frühen Tod des Initiators Lothar Dubbe kam diese leider wieder zum Erliegen. Inzwischen sind auch die Fragmente der Fresken im Chorraum kaum noch erkennbar.
Ein Ausflug ins Samland
Der absolute Kontrast zu diesem stillen Verfall dann in Palmnicken. Hier ist die Umwandlung in einen gepflegten modernen Badeort gelungen, ohne zu viel Altes zu zerstören. Eine gepflegte Hotellerie, eine wunderbare Parkanlage mit abgestuften Treppen hinab zum berühmten breiten Sandstrand und schöne Strandcafés inmitten des grünen Baumbestandes.
Der zweite Tag war dann der Kurischen Nehrung vorbehalten. Sehr angenehm aufgefallen ist uns bei Rossitten auf der Haffseite die sehr schöne Parkanlage mit dem Hotel Altrimo. Eine Top-Adresse auch für einen entspannten Urlaub mit kleinen Kindern. Auf der Seeseite ist eine großzügige Aussichtsplattform mit einem kleinen Café angelegt worden. Ein wunderbarer Platz, um entspannt einen Kaffee zu genießen.
Ansonsten ist die Kurische Nehrung leider sehr ruhelos geworden und deutlich viel belebter als zu Zeiten, als auch der Grenzübergang zur Republik Litauen noch geöffnet war. Unzählige Autos, kleine und große Reisebusse säumen die eher schmale Nehrungsstraße an den Besichtigungsorten. Vor den sich aneinanderreihenden Bernsteinhütten und Ständen große Ansammlungen kaufwilliger Touristen, zumeist aus Zentralrussland. Für Souvenir-Freunde war die Nehrung allerdings eine wahre Fundgrube.
Exkursionen im grünen Hinterland
Der dritte Tag war dem Kreis Labiau mit seinen zahlreichen Wasserstraßen und ausgedehnten Wäldern auf der Landseite am Kurischen Haff gewidmet. Welcher wohltuende Kontrast zu der quirligen Szenerie an der Küste! Erholsam auf dem Weg nach Gilge die Fahrt durch die stille und sich selbst überlassene Landschaft entlang des Großen Friedrichsgrabens.
In Gilge dann die von uns mit Spannung erwartete Bootstour durch das „Ostpreußische Venedig“. Bei leider etwas bedecktem Himmel schipperten wir für rund drei Stunden über die Gilge, den Nemonienstrom, die Laukne und die Timber. Wie auch auf unseren früheren Exkursionen hier eine atemberaubend stille und endlos scheinende Wasserlandschaft. Wer mag sich noch erinnern, welch reges Treiben sich hier vor Flucht und Vertreibung abspielte.
Aus der Elchniederung und den Dörfern des Großen Mossbruches wurden mit Lastkähnen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse bis zum Markt nach Labiau oder gar bis Königsberg transportiert. Am Ufer der Moorkolonie Franzrode erinnert heute nur noch die steinerne Rampe für die Lastkähne an das dahintergelegene Kaufhaus Schipporeit, heute gelegentlich von Anglern genutzt. Vom Timber-Krug an der Einmündung der Laukne in die Timber und dem Elch-Krug am Wasserkreuz Nemonienstrom/Großer Friedrichsgraben in Nemonien keine Spuren mehr außer in der Erinnerung.
Von der Schenkendorfer Brücke, wo einst ein berühmter Krug und eine kleine Badeanstalt zum Schwimmen in der Laukne einlud, bleibt noch die zerstörte Brücke. Über diese legten früher die Kinder aus den Moosbruch-Kolonien ihre täglichen Schulwege nach Lauknen zurück. Eine stille, unwirklich archaisch anmutende Wasserwelt – irgendwie ist es der Zeit gelungen hier stehen zu bleiben.
Früher ruhig, heute quirlig
Zurück wieder auf sicherem Boden in Gilge dann das krasse Gegenteil. Das ehemals verträumte Fischerdörfchen Gilge, bis vor einigen Jahren noch bekannt durch das Gasthaus von Leni Ehrlich, ist inzwischen zu einem quirligen russischen Feriendorf angewachsen. Vor allem am südlichen Ufer mit eingezäunten respektablen privaten Ferienhäusern, kleinen Hotels, Gastronomie und vielem mehr gesäumt. Die Hauptattraktion hier ist das „Fischdorf“, eine weitläufige Anlage mit Restaurant, Hotel und Bootsverleih. Hier stärkten wir uns nach unserer Bootstour mit einem für die Gegend doch eher untypischen Burger.
Weitere Stationen an diesem Tag waren die ehemalige Brauerei Arthur Blankenstein in Labiau und die Alte Dorfschule in Waldwinkel. Beides sind integrale Bestandteile des Ökotourismus-Projektes „Von Küste zu Küste“ (weitere Infos unter www.nordostpreussen-und-baltikum-reisen.com/neue-projekte/alte-dorfschule).
Der zweite Teil der Reise durchs heutige Ostpreußen, die unter anderem ans Memelufer, in die Elchniederungen oder nach Cranz und Tilsit führt,. folgt in rund 2 Wochen