08.05.2026

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Landschaftskunst am „Purple Path“: Die Skulptur „Stack“ (Stapel) des Deutsch-Briten Tony Cragg im Kurpark von Aue-Bad Schlema
Bild: picture alliance/imageBROKERLandschaftskunst am „Purple Path“: Die Skulptur „Stack“ (Stapel) des Deutsch-Briten Tony Cragg im Kurpark von Aue-Bad Schlema

Auf lila Pfaden

Das Erbe einer Kulturhauptstadt von 2025 – Der Kunst- und Skulpturenweg „Purple Path“ führt durch Chemnitz und das Umland

Veit-Mario Thiede
05.05.2026

Der weitläufigste Beitrag zum Festprogramm der europäischen Kulturhauptstadt von 2025, Chemnitz, heißt „Purple Path“. Er besteht aus Straßen, Bahnlinien und Wanderwegen, die in Chemnitz und 38 umliegenden Gemeinden zu 70 Werken lokaler, nationaler und internationaler Künstler führen. Die meisten befinden sich unter freiem Himmel und sollen an ihrem Standort verbleiben, um auf Dauer ein Museum zu bilden, das sich über Chemnitz, das Erzgebirge, Mittelsachsen und das Zwickauer Land erstreckt – also auch über das eigentliche Kulturhauptstadtjahr hinaus.

Für die Kunst an den lila Pfaden hat Kurator Alexander Ochs mehrere Arbeiten adoptiert, die schon vor seinem Kunstprojekt in Chemnitz standen. Blickfang bei Tag und dank Beleuchtung auch bei Nacht ist das mit 301,8 Metern weltweit höchste Kunstwerk. Es handelt sich um den Schlot des stillgelegten Heizkraftwerks Chemnitz-Nord, der gemäß Daniel Burens Anweisungen seit 2013 mit sieben Industriefarben angemalt ist. Sie heißen zum Beispiel Erdbeerrot, Himmelblau und Signalviolett. Ob letzteres Ochs dazu angeregt hat, seine Kunstpfade „Purple Path“ zu taufen? Seine Entscheidung begründet er so: „Der Farbe Lila oder Violett werden Inspiration, Kreativität, Magie und Transformation zugesprochen.“

Im Schillerpark der Kulturhauptstadt veranlasst uns Osmar Osten, zu den Figuren der erzgebirgischen Weihnachtszeit aufzublicken. Engel und Bergmann, Nussknacker und Räuchermännchen stehen auf hohen Stelen aus Naturstein der Region, zum Beispiel rotem Porphyr oder gelbem Postaer Sandstein. Der Künstler hat seinem Werk den Titel „Oben-Mit (oder: Ein Denkmal für die guten Geister meiner Heimat)“ gegeben. Doch seine Hommage an die Handwerkskunst des Erzgebirges wirkt nicht etwa gefällig, sondern gewollt roh. Ostens Arbeitsmaterial ist nicht wie bei den Vorbildern Holz, sondern Aluminium. Die rauen Gussnähte ließ Osten stehen. Einige Gestalten weisen Verstümmelungen auf, andere stehen auf dem Kopf. Ähnlich skurril tritt Jan Kummers „Heimat Ensemble II“ in Erscheinung. Die drei Figuren mit den ausgebreiteten Armen stehen wie Tramper in Gersdorf an der Hauptstraße. Sie erinnern an selbst gebastelte Micky-Mäuse aus riesigen Kronkorken. So gesehen sind sie eine fröhliche Erinnerung an die Gewohnheit der DDR-Mangelgesellschaft, ausgediente Alltagsgegenstände einer neuen Verwendung zuzuführen.

Andere Beiträge sind weltweit vernetzt. Den Spielplatz am Bahnhof von Jahnsdorf hat Jeppe Hein um seine Arbeit „Modified Social Bench“ bereichert. Diese mehrteilige, hellblau eingefärbte Aluminiumbank ist rasant gekurvt und animiert zur dynamischen Ruhepause. Auf ihr lässt sich sitzen, liegen, rutschen und klettern. Heins Bank für Jahnsdorf ist Teil einer Werkserie, wie Wegweiser zeigen: Zum Beispiel weisen das 908 Kilometer entfernte London und das 8537 Kilometer weit weg liegende Shanghai Sitzgruppen des Künstlers auf. Richard Long wiederum stellt eine Beziehung zwischen der Silberstadt Freiberg und dem Wallfahrtsort Santiago de Compostela her.

Ähnlich wie der Freiberger Dom liegt auch die Pilger- und Kulturkirche von Lößnitz am Jakobsweg. Sie beherbergt Rebecca Horns Installation „The Universe in Pearl“. Die vom Boden bis zur Gewölbedecke aufsteigende Arbeit weist Spiegel, vergoldete Trichter und einen blauen Lichtkreis auf. Wer in den gemächlich kreisenden Bodenspiegel oder den unbeweglichen Deckenspiegel schaut, sieht sich einer scheinbar unendlichen Tiefe oder Höhe ausgesetzt. Endstation dieses Kunstwerks wird das Museum Wiesbaden sein.

Ein Münzstapel für die Bergleute

Etliche Arbeiten befinden sich an attraktiven Orten. Im Hof des Barockschlosses Lichtenwalde steht die von der Japanerin Leiko Ikemura aus patinierter Bronze hergestellte Plastik „Usagi Greeting“. „Usagi“ ist das japanische Wort für „Hase“. Und wie ein Hase im Glockenrock sieht Ikemuras Beitrag auch aus. Empfehlenswert sind die Besichtigung des Schlosses und ein Spaziergang im Barockgarten.

Herrliche Aussichten in die hügelige Landschaft bis weit über Burens Chemnitzer Schornstein hinaus hat man von der Dittersdorfer Höhe. Auf ihr hat Olaf Holzapfel seine aus Vierkant- und Rundhölzern zusammengebaute turmartige Konstruktion „Zwei in einander Gewobene“ errichtet. Die luftige Arbeit spielt auf die im 19. Jahrhundert zur Kartierung Sachsens aufgebauten Vermessungstürme an. Einer von ihnen stand auf der Dittersdorfer Höhe.

Über Zschopau thront strahlend weiß Schloss Wildeck, in dem ein Motorradmuseum eingerichtet ist. Zschopau war bis 2008 Produktionsort der Motorräder der legendären Marke „MZ“. Zu ihren Ehren ließ der Bildhauer Michael Sailstorfer unterhalb des Schlosses am Ufer des Flusses Zschopau einen riesigen Motorradspiegel aufstellen.

Die Wolfgangskirche der wegen Silberfunden gegründeten Bergstadt Schneeberg ist eines der größten Gotteshäuser Sachsens. Ihre Hauptattraktion ist der Reformationsaltar (1539), der mit seinen elf Bildtafeln zu den umfangreichsten Werken von Cranach und dessen Werkstattmitarbeitern gehört. Vor der Kirche befindet sich Sean Scullys aus großen Kupferscheiben aufgeschichteter „Coin Stack 2“. Der überdimensionale Münzstapel bezieht sich sowohl auf Kindheitserinnerungen des Künstlers als auch auf ein Doppelereignis aus Schneebergs Geschichte. Die Grubenbesitzer wollten den Bergleuten 1496 und 1498 den Wochenlohn kürzen. Die streikten daraufhin. Bis heute wird ihr erfolgreicher Arbeitskampf am Bergstreittag, dem 22. Juli, mit einer großen Bergparade und einem Gottesdienst in der Wolfgangskirche gefeiert.
Weitere Infos unter: www.chemnitz2025.de


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