08.05.2026

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Die Hubbrücke stammt von der Firma August Klönne aus Dortmund. Links im Hafenbecken die „Laguna“
Bild: WagnerDie Hubbrücke stammt von der Firma August Klönne aus Dortmund. Links im Hafenbecken die „Laguna“

Östlich von Oder und Neisse

Ausflüge auf Schlesiens Lebensader

Neusalz entstand, um vom polnischen Salz unabhängig zu werden

Chris W. Wagner
04.05.2026

Wenn in Neusalz an der Oder [Nowa Sól] am ersten Maiwochenende die Saison der Ausflugsschiffe eröffnet wird, ist damit die Ortsgeschichte eng verbunden. Während die meisten Städte Schlesiens im 13. Jahrhundert im Zuge der deutschen Ostkolonisation gegründet wurden, bildete in Neusalz Salzgewinnung und Salzhandel erst im 16. Jahrhundert den Ausgangspunkt der Entwicklung. 1563 entstand an der alten Oder das Kammergut „Zum Neuen Saltze“ mit einer Salzsiedeanlage, mit der Kaiser Ferdinand I. die Versorgung Schlesiens mit Meersalz sicherstellen wollte, um es vom Import polnischen Salzes unabhängig zu machen. Dieses Salz wurde aus westeuropäischen Produktionsgebieten – insbesondere aus dem französischen La Rochelle und Spanien – über die Handelswege via Hamburg und Stettin eingeführt. Bis auf Höhe des entstehenden Neusalz' war der Transport unproblematisch. Östlich davon wurde die Oder durch flache Stellen, wechselnde Wasserstände und Sandbänke zum Risiko, und ein Schiffstransport mit schwerem Salz war nicht mehr lukrativ.

Neusalz' Eintritt in die Geschichte begann also als planmäßig angelegter Umschlag- und Lagerstandort an der Oder. Zwei historische Speicher unweit des Wassers künden noch heute davon. „Später dienten sie auch dem Umschlag von Getreide, Holz und industriellen Gütern. Einer der Speicher wurde inzwischen saniert und dient seit letztem Jahr als Kultur- und Veranstaltungsort. Das Innere des zweiten Speichers ist nicht zugänglich, aber auch dieser erinnert weiter an die Zeit, als hier viel Salz gelagert und verladen wurde“, erläutert Hanna Leśniewska von der Touristeninformation, und führt aus: „Interessant ist, dass das Salz einst mit Tierblut gereinigt wurde – das mag heute schockierend klingen, ist für uns Einwohner von Neusalz aber bekanntes Wissen zur Stadtgeschichte.“

Stadtrecht durch den Alten Fritz

Früher wurde Salz in einzelnen Produktions- und Aufbereitungsschritten mit eiweißhaltigen Substanzen behandelt, um Trübungen und feine Verunreinigungen aus der Sole zu entfernen. Dazu nutzte man unter anderem eben Tierblut. Dieses enthält viele Eiweiße, die beim Erhitzen gerinnen. So geronnenes Eiweiß bindet Schwebstoffe und kleine Partikel. Dadurch verklumpen die Verunreinigungen, setzen sich ab oder können abgeschöpft werden. Auf diese Weise wurde das Salz geklärt, bevor moderne Filter- und Reinigungsverfahren zur Verfügung standen.

Unter Friedrich dem Großen erhielt Neusalz Stadtrecht und zog nun auch Siedler aus Mähren an. 1743 lebten 800 Menschen in Neusalz. Noch im selben Jahr erhielt die Herrnhuter Brüdergemeine die Erlaubnis zur Errichtung einer Kolonie südöstlich der Stadt. Unter Ernst Julius von Seydlitz entstand ein Gemeindezentrum mit zahlreichen Gewerbebetrieben. Später kam das Speditions-, Handels- und Bankhaus Meyerotto dazu. 1816 entstand aus der Weberei der Brüdergemeine die „Gruschwitz Textilwerke AG“, die lange Zeit der größte Arbeitgeber der Stadt war. 1827 ging die erste Eisenhütte in Betrieb, 1853 folgte die Paulinenhütte. In der Umgebung lag genügend Raseneisenerz, wodurch sich insbesondere die Produktion von Emaillegeschirr zu einem Schwerpunkt der Hütten- und Gießereibetriebe entwickelte. Ende der 1850er Jahre erwarb Wilhelm Krause das Neusalzer Eisenhütten- und Emaillierwerk, in dem Wasserkräne, Heizöfen und Haushaltskochtöpfe hergestellt wurden.

Da viele Bahnanlagen in Schlesien Jahrzehnte im dösenden Dornröschenschlaf lagen, finden sich heute nun auf manchen Bahnhöfen – wie etwa dem Breslauer Hauptbahnhof – detailliert renovierte Wasserkräne mit einem erkennbaren Schriftzug „Krausenwerk Neusalz“.

Der Oderhafen wurde 1831 ausgebaut, 1870 eine Holzbrücke dazu über die Oder errichtet, die schließlich 1932 durch eine Eisenbetonbrücke ersetzt wurde. Mit dem Anschluss an die Eisenbahn 1871 erhielt Neusalz Verbindungen nach Stettin und Berlin. Um 1900 verfügte Neusalz über mehrere Kirchen, ein Progymnasium, ein Waisenhaus, ein Amtsgericht sowie eine Vielzahl industrieller Betriebe und Produktionsstätten.

Heute greift die Stadt besonders die alte Flussgeschichte gerne wieder auf. „Die Eröffnung der Schiffssaison am
2. Mai ist zugleich ein Volksfest“, sagt Kinga Warańczak, Managerin des Schiffes „Laguna“. „Zum Programm gehört etwa das Aufklappen der historischen Hubbrücke über den Hafenkanal, eine Parade verschiedener kleiner und großer Boote sowie eine ganze Reihe von Veranstaltungen am schönen Oderufer. Außerdem gibt es auch die Möglichkeit, Fahrten mit unserer ‚Laguna' zu unternehmen – zunächst eine Fahrt von Glogau [Głogów] nach Neusalz und anschließend noch eine weitere einstündige Stadtrundfahrt.“


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