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Ein Klassiker der russischen Literatur: Fjodor Michailowitsch Dostojewski
Foto: paEin Klassiker der russischen Literatur: Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Kultur

Beharrlichkeit und Belohnung

Der Slawophile und die Deutschen – „Schuld und Sühne“-Autor Fjodor Dostojewski wurde vor 200 Jahren geboren

Harald Tews
07.11.2021

Fragt man nach den größten realistischen Erzählern des 19. Jahrhunderts, fallen auf Anhieb die Namen von englischen, französischen und russischen Autoren. Also Dickens und Thackeray. Oder Balzac und Flaubert. Oder Tolstoi und Dostojewski. Sie besaßen einen idealen Nährboden, auf dem ihr Werk überhaupt erst gedeihen konnte: die moderne Hauptstadt mit einer Zentralregierung des Landes. Aus den politischen Zentren London, Paris und St. Petersburg erwuchsen auch Zen­tren des literarischen Lebens.

Berlin konnte da nicht mithalten. Hier wehte noch preußischer Provinzialmief durch die Straßen. Im Werk von Theodor Fontane, dem neben Theodor Storm größten deutschen realistischen Erzähler, ist das nachzulesen. Seine großen Berlin-Romane wie „Irrungen, Wirrungen“ oder „Frau Jenny Treibel“ sind durchweht von einer Art frühem „Bullerbü“-Idyll mit Pferdefuhrwerken und gutsituierten bürgerlichen Salons, in denen sich allenfalls erste Risse zeigten, die er mit sanfter Ironie zeichnete. Fontane hat daher nie die Weltgeltung erlangt wie etwa Dostojewski, der die Verdorbenheit des Großstadtlebens mit schonungsloser Härte schilderte und damit schon viel früher Ruhm erwarb. Als der zwei Jahre jüngere Russe 1881 starb, hatte Fontane sein literarisches Alterswerk gerade erst begonnen.

Doch eines hat Fontane dem – nach gregorianischer Zeitrechnung – am 11. November 1821 (in Russland war es der 30. Oktober laut dem dort geltenden julianischen Kalender) in Moskau geborenen Fjodor Dostojewski voraus: Er wird hierzulande verehrt, obgleich ihm der herrschende Zeitgeist den „Makel“ des Preußentums angeheftet hat. Zwar wird in Russland das Dostojewski-Jahr groß gefeiert, doch zu Sowjetzeiten war das Verhältnis des Volks zu „seinem“ Dostojewski deutlich ambivalenter. Sowohl der Autor als auch die Figuren in seinem Werk wurden zu Sowjethelden umfunktioniert. Dass beides nichts taugte, tat nichts zur Sache. So war der Autor zeitweise ein Dissident, der wegen Mitgliedschaft in einem konspirativen Zirkel gegen das Zarentum zum Tode verurteilt wurde, der sich einer Scheinhinrichtung ausgesetzt sah und vier Jahre in einer sibirischen Strafkolonie verbrachte mit vier weiteren Jahren Zwangsmilitärdienst an der mongolischen Grenze. Dass er hinterher der Spielsucht verfallen war und wegen Verlusten an deutschen Roulette-Tischen am Hungertuch nagte, macht ihn auch nicht zu einem solchen strahlenden Nationaldichter, wie es in Russland etwa Puschkin ist.

Und auch seine Romanfiguren sind alles andere als Vorzeigehelden für ein heutiges Russland, das sich modern zeigen will. Dostojewskis Personal besteht aus „Erniedrigten und Beleidigten“, so einer seiner Romantitel. Er schildert Außenseiter, die in einem Kellerloch dunklen Phantasien nachgehen („Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“), Trunksüchtige („Arme Leute“), Spielsüchtige („Der Spieler“), Epileptiker („Der Idiot“, Dostojewski selbst litt seit seiner Verbannung unter solchen Anfällen), Anarchisten („Die Dämonen“), Hochstapler („Der Jüngling“) und Mörder („Schuld und Sühne“, „Die Brüder Karamasow“).

Mit seinen autobiographisch gefärbten „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ dokumentierte er außerdem erstmals das Leben von Zwangsarbeitern und schuf damit das Genre der Lagerliteratur, die in den Gulag-Werken Alexander Solschenizyns ihren Höhepunkt fand.

Die an Sigmund Freud gewöhnten Deutschen hingegen fanden schnell Gefallen daran, wie scharf und tief Dostojewski die menschliche Psyche analysierte. Schon Nietzsche nannte den Russen den „einzigen Psychologen, ... von dem ich etwas zu lernen hatte“. Umgekehrt war das Verhältnis angespannt. Dostojewski mochte die Deutschen ebenso wenig wie die Juden. In seinen Werken tauchen sie als selbstsüchtige beziehungsweise stotternde Trottel auf.

Dabei führten ihn mehrere Auslandsreisen auch nach Deutschland. Er besuchte Berlin und lebte zwei Jahre in Dresden, wo „Der Idiot“ entstand und er mit der Arbeit an „Die Dämonen“ begann. In Wiesbaden, Bad Homburg und Baden-Baden verzockte er sich in den Spielcasinos und verkrachte sich mit seinem Landsmann Iwan Turgenjew, dem Autor des Nihilisten-Romans „Väter und Söhne“, wegen dessen Deutschenfreundlichkeit. Als Slawophiler störte sich Dostojewski daran, dass Turgenjew die Russen in seinen Werken schlecht wegkommen lässt. Deshalb empfahl er ihm ironisch, sich ein Fernrohr zu kaufen und damit von Deutschland aus auf Russland zu blicken.

Allem Hohn zum Trotz blicken die Deutschen mit Dostojewski gern in die russische Seele. Zumindest im Westen. In der DDR machte man anfangs noch einen Bogen um den Autor, dessen Gottessuche sich nicht mit dem atheistischen Arbeiter- und Bauernstaat vertrug. Erst Ende der 1970er Jahre begann der Aufbau Verlag mit einer 20-bändigen, aber unvollendet gebliebenen Ausgabe der Gesammelten Werke. Im Westen des Landes blieben lange Zeit die Übersetzungen der Baltendeutschen Elisabeth Kaerrick, die unter dem Pseudonym E. K. Rahsin bekannt war, im Piper Verlag Standard.

Den verschachtelten Sätzen, die selbst im Original für Russen eine Lese-Herausforderung sind, und der sprachlichen Melodik der Dialoge versuchte später Swetlana Geier beizukommen. Da sie nah am Original bleiben wollte, änderte sie auch den Titel von Dostojewskis bekanntestem Werk: Aus „Schuld und Sühne“, das in älteren Übertragungen auch den Helden im Titel trägt („Raskolnikow“), wurde das richtigere, aber nüchterne „Verbrechen und Strafe“ (jetzt im Fischer Verlag).

„Beharrlichkeit und Belohnung“ – das könnte der Titel nach einer langen Dostojewski-Lektüre sein, bei der jedem für die Ausdauer viele Glücksgefühle winken.

• Neue Literatur Dostojewski: „Der Doppelgänger“ (Galiani Verlag, 336 Seiten, 24 Euro), „Aufzeichnungen aus einem toten Haus“ (dtv, 544 Seiten, 17 Euro), „Aufzeichnungen aus dem Untergrund (Manesse, 400 Seiten, 25 Euro), „Ein kleiner Held“ (Penguin, 220 Seiten, 8 Euro); Ursula Keller/Natalja Sharandak: „Dostojewski und die Frauen“ (Insel Verlag, 380 Seiten, 24 Euro); Veranstaltungen im Jubiläumsjahr: www.dostojewskijgesellschaft.de



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