02.01.2026

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Potsdam

Den Gegnern geht die Munition aus

Garnisonkirche: Künstler im alten Rechenzentrum stemmen sich gegen ihre Verlegung

Hermann Müller
02.01.2026

Im Sommer 2023 hat das Kuratorium der Potsdamer Garnisonkirchenstiftung durch einen Kompromiss den Weg zu einer befristeten Weiternutzung des Kreativquartiers Rechenzentrum freigemacht. Der Komplex blockiert bislang den Weiterbau des traditionsreichen Gotteshauses. Das Gremium stimmte einer „letztmaligen“ Verlängerung der Nutzung des sanierungsbedürftigen Baus bis Januar 2026 zu. Die Stiftung hat ein Mitspracherecht, da ihr ein Teil des Grundstücks gehört, auf dem das sanierungsbedürftige ehemalige Rechenzentrum steht.

Der 1971 errichtete Bau steht unmittelbar neben dem wiederaufgebauten Turm der Garnisonkirche. Möglich wurde die verlängerte Duldung des Kreativquartiers auch nur durch zusätzliche Brandschutzmaßnahmen im Ex-Rechenzentrum. Mit Blick auf einen langfristigen Betrieb hieß es seinerzeit sogar, dass baurechtlich ein Teilabriss notwendig würde. Die Nutzungserlaubnis für das „soziokreative“ Künstlerquartier läuft nunmehr zum 31. Januar aus. Die Stadt Potsdam strebt einen Abriss und das Anlegen einer Grünfläche an.

Die Initiative „Lernort Garnisonkirche“, „RZ Nutzer:innen“ und mehrere linke Fraktionen in der Stadtverordnetenversammlung drängen allerdings auf den Erhalt des Ex-Rechenzentrums. Berufen können sich diese Akteure auf einen prominenten Fürsprecher: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte sich bei der Eröffnung des Turms der Potsdamer Garnisonkirche im August 2024 für eine Koexistenz des Kirchturms mit dem Rechenzentrum aus der Ulbricht-Ära ausgesprochen. Beide Bauten würden die Ambivalenzen der deutschen Geschichte sichtbar machen, so Steinmeier. Ein Argument für den Erhalt des Zentrums ist, dass es keinen Ausweichort für die Künstler gebe. Dieser Einwand hat mittlerweile jedoch stark an Überzeugungskraft eingebüßt.

Letzte Patrone: „Gentrifizierung“
Nur wenige Meter neben Garnisonkirchturm und Rechenzentrum wird nämlich ab Mai 2026 ein neues Kreativquartier öffnen. Hinter dem denkmalgeschützten Portal des Langen Stalls entstehen auf über 5.000 Quadratmetern Nutzfläche Ateliers, Büros, Ausstellungs- und Veranstaltungsflächen, Studios für Podcasts und Fotoaufnahmen sowie Proberäume für Musikgruppen. Um langfristig bezahlbare Räume für Künstler zu bieten, kann die Genossenschaft, die den Langen Stall betreiben wird, die Flächen im Gebäude zudem preisvergünstigt anmieten. Beim Langen Stall handelte es sich ursprünglich um ein Reit- und Exerzierhaus, das 1734 unter König Friedrich Wilhelm I. in Fachwerkbauweise errichtet worden war.

Das hochwertige Ersatzangebot trifft bereits vor der Eröffnung auf Anfeindungen. Die Nutzungsflächen von Rechenzentrum und Langem Stall sind mit jeweils 5.000 Quadratmetern zwar gleich groß. Gleichwohl bezweifeln Kritiker die Kapazität des neuen Künstlerhauses für mehr als 200 Künstler. Auch der Umstand, dass der Lange Stall nur das erste Teilstück eines viel größeren Kreativareals aus künftig sieben Häusern wird, stößt auf Ablehnung: „Wir wollen nicht, dass das Kreativquartier als ein weiteres Gentrifizierungsprojekt dient, das seine Ursprünge verdrängt, ...“, so eine Erklärung von „RZ Nutzer:innen“ und Genossenschaft Langer Stall.


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