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Vor 100 Jahren wurde Erich Loest geboren – Der Schriftsteller beschrieb früh den Untergang der DDR
Bis heute wartet die Kulturszene auf den großen deutschen „Wende-Roman“, also jenes Monumentalepos vom Schlage eines Tolstoischen „Krieg und Frieden“, das einen großen historischen Wendepunkt auf den literarischen Punkt bringt. Aber entweder fehlt uns eine entsprechende schriftstellerische Kapazität oder wir setzen die Ansprüche zu hoch an. Schließlich lieferte Uwe Tellkamp 2008 mit „Der Turm“ eine qualitativ höchst niveauvolle Dresdener Sicht auf den Vorabend der friedlichen Revolution von 1989, die aber keineswegs die einzige, geschweige denn die erste literarische Verarbeitung dieses Geschehens ist.
Schon 1995 setzte Erich Loest der Leipziger Nikolaikirche in seinem gleichnamigen Roman ein dauerhaftes Denkmal. Die Kirche war Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen, die schließlich das Ende der DDR herbeiführten. Und kaum ein anderer als Loest wäre prädestinierter gewesen, dieses geschichtliche Finale in einem bildgewaltigen Stoff zu verpacken, der bereits im Jahr seines Erscheinens von Regisseur Frank Beyer fürs Kino verfilmt wurde.
Denn Loest war kein Mann der leisen Töne oder der gefälligen Metaphern – er war ein massiver Block in der deutschen Literaturlandschaft, ein Chronist der harten Fakten und der noch härteren Konsequenzen. Wer sich mit seinem Werk befasst, betritt ein Gelände, das von den tiefen Gräben des 20. Jahrhunderts durchzogen ist. Geboren am 24. Februar 1926 in Mittweida, war er ein Kind seiner Zeit, das die volle Wucht der deutschen Katastrophen miterlebte.
Seine Biografie liest sich wie ein Destillat der deutschen Teilungsgeschichte: HJ-Führer, Wehrmachtssoldat, SED-Mitglied, Zuchthäusler in der DDR, Erfolgsautor, Dissident, in den freien Westen Ausgereister und schließlich der große Rückkehrer im geeinten Deutschland. Er war ein Mann, der das Schreiben nicht als ästhetisches Spiel begriff, sondern als eine Form der moralischen Rechenschaftspflicht. Seine Sprache war wie er selbst: kantig, direkt, sächsisch-nüchtern und frei von intellektueller Eitelkeit.
In seinen frühen Jahren in der DDR glaubte Loest fest an die Möglichkeit eines besseren, sozialistischen Deutschlands. Er gehörte zu jener Generation, die aus den Trümmern des Krieges etwas Neues aufbauen wollte. Doch dieser Idealismus prallte früh gegen die verkrusteten Strukturen eines Machtapparates, der keine Abweichung duldete. Der 17. Juni 1953 wurde für ihn zum traumatischen Erweckungserlebnis. Er sah, wie die Panzer gegen die eigenen Arbeiter rollten, und er begann, Fragen zu stellen, die im System der SED lebensgefährlich waren.
Seine Analyse der gesellschaftlichen Schichten in der DDR war dabei von einer Präzision, welche die Funktionäre erzürnen musste. Er erkannte früh, dass die Proklamation der klassenlosen Gesellschaft eine Farce war. Über diese bittere Erkenntnis schrieb er später: „Genauer besehen aber zerfiel ‚der Mensch' in wenigstens vier Menschen: die führende Partei, die geführten Massen und die Klassenfeinde. Die vierte Klasse, das waren diejenigen, die sich zwar als Führer und Dirigenten beim Aufbau des Sozialismus fühlten, der führenden Partei zugehörig, in Wahrheit aber Geführte waren.“ Diese scharfe Sezierung der Machtverhältnisse blieb zeitlebens sein Markenzeichen.
Die Konsequenz für seine Aufmüpfigkeit war drakonisch. 1957 wurde er in einem Willkürprozess zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Zeit in Bautzen II prägte ihn tiefer als alles andere. Es waren Jahre der Stille, in denen er im Kopf Romane entwarf, weil er kein Papier besitzen durfte. Diese existenzielle Erfahrung des Eingesperrtseins verarbeitete er meisterhaft in seiner Autobiografie „Durch die Erde ein Riss“ (1981). Nach seiner Entlassung 1964 war er ein Paria im eigenen Land. Er durfte nicht unter seinem Namen publizieren und flüchtete in ein Genre der Unterhaltungsliteratur. So veröffentlichte er Krimis unter dem Pseudonym Hans Walldorf.
Loest selbst ließ sich nicht unterdrücken. Mit dem Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1978) schuf er das wohl wichtigste Zeitzeugnis über die Stagnation und die kleingeistige Enge der Honecker-Ära. Das Buch wurde zum Skandal, weil es die DDR so zeigte, wie sie war: grau, müde und ohne Visionen.
Nachdem er 1981 in die Bundesrepublik ausgereist war, gelang ihm drei Jahre später mit „Völkerschlachtdenkmal“ ein großer Wurf, der ihn in die erste Riege deutscher Literaten katapultierte. In dem Schelmenroman nahm er das Ende der DDR vorweg, geht es doch vordergründig um eine heimlich geplante Sprengung des monumentalen Denkmals vor den Toren Leipzigs, hintergründig aber um jene des gesamten Arbeiter- und Bauernstaats.
Loest war ein zutiefst lokaler Autor, dessen Herz in Leipzig schlug. Die Stadt war für ihn Laboratorium und Bühne zugleich. Selbst als er in den Westen übersiedeln musste, nahm er sein Leipzig im Kopf mit. Er blieb ein Exilant, der sich in der Bundesrepublik nie vollkommen heimisch fühlte, weil sein Sujet, sein „Boden“, im Osten lag.
Ein Chronist der Wendezeit
Im Westen blieb er ein politisch wacher Geist, der sich nicht vereinnahmen ließ. Er beobachtete die bundesdeutsche Gesellschaft mit demselben sezierenden Blick wie zuvor die sozialistische. Er war kein bequemer Exilant, sondern blieb ein Stachel im Fleisch. Besonders faszinierte ihn die Absurdität seiner eigenen Überwachung. Als er nach dem Mauerfall Einblick in seine Stasi-Unterlagen erhielt, kommentierte er das Ausmaß der Bespitzelung mit bitterem Sarkasmus: „Die Stasi war mein Eckermann.“
Als die Mauer fiel, war Loest zur Stelle. Er wurde zum Chronisten der Wendezeit. Sein Roman „Nikolaikirche“ ist das definitive Werk über die friedliche Revolution, ein Buch, das die Ängste, Hoffnungen und den Mut der Menschen jener Tage konserviert hat. Er beschrieb den Moment, als die Angst der Menschen in Mut umschlug, mit einer fast physisch spürbaren Intensität: „Nun zogen sie unter Tausenden. Ihnen war, als schwebten sie eine Handbreit über dem Boden ... Was sollte sich ihnen noch in den Weg stellen wollen.“
Loest blieb der skeptische Realist, der wusste, dass die Einheit mehr ist als nur ein formaler Akt. Er sah die Schwierigkeiten des Zusammenwachsens voraus und kommentierte den Prozess mit seiner typischen Trockenheit: „Ich denke, es ist ein Schritt zur Normalität.“ Diese Normalität war für ihn kein paradiesischer Zustand, sondern die Abwesenheit von Angst und Zensur – ein Ziel, für das er einen hohen persönlichen Preis bezahlt hat.
In seinen letzten Lebensjahren wurde Loest zu einer moralischen Instanz, die sich nicht scheute, auch im vereinten Deutschland unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Er kämpfte gegen das Vergessen der Stasi-Gräuel und engagierte sich für die Aufarbeitung des SED-Unrechts. Sein Blick auf das eigene Altern war dabei von einer bemerkenswerten Ironie und Würde geprägt.
Als er spürte, dass seine Kräfte nachließen und die Last der Jahre zu schwer wurde, blickte er mit einer Mischung aus Akzeptanz und Lakonie auf seinen Zustand: „Man ist ja keine Achtzig mehr.“ Es war sein letztes Statement gegen die Eitelkeit des Lebens. Im September 2013 setzte er seinem Leben selbst ein Ende, konsequent und eigenwillig, wie er es geführt hatte: als unheilbar Kranker stürzte er sich in der Universitätsklinik Leipzig aus einem Fenster in den Tod.
Loest hinterließ eine Lücke, die nicht durch bloße Unterhaltungsliteratur gefüllt werden kann. Er war der „einfache Mann“ der deutschen Literatur, der bewies, dass man mit Aufrichtigkeit und Handwerk gegen jede Ideologie bestehen kann. Seine Bücher bleiben als Mahnung stehen, dass Freiheit niemals geschenkt wird, sondern in jeder Generation neu erschrieben und erstritten werden muss.