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Rigoros gekürzt – Neuer Film über Victor Hugos „Les Misérables“ beschränkt sich auf den Romananfang
16 Stunden Film. So lange müsste man im Kinosessel kleben bleiben, hätte sich der französische Regisseur Éric Besnard dazu entschieden, Victor Hugos monumentales Romanepos „Die Elenden“ (im Original: „Les Misérables“) in einem Film aufzubereiten. Für seine Adaption „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“, die am 2. April in die Kinos kommt, hat er aber nur die ersten 150 Seiten des fast 1500 Seiten langen Romans als Vorlage genommen. Das reicht für 99 entspannte Kinominuten, in denen man dem Ex-Sträfling Valjean dabei zusehen kann, wie er nach seiner Entlassung versucht, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen.
Hugos 1862 erschienenes Epos über Schuld, Sühne und die unerbittliche Maschinerie sozialer Ungerechtigkeit ist schon unzählige Male fürs Kino, Fernsehen oder für die Bühne adaptiert worden. Sogar zum Broadway-Musical hat es der Roman gebracht. Wegen seiner sozialistischen Untertöne war das Buch in der DDR ein Renner. 1958 war der Arbeiter- und Bauernstaat Co-Produzent einer 200-minütigen Version, in der Frankreichs Star Jean Gabin den Valjean spielte.
Jetzt also die radikale Streichung all jener anderen Elenden, die dem Roman Tiefe und Esprit verleihen: keine leidensfähige Cosette, die inhumane Kinderarbeit leistet, keine Fantine, die zum Überleben Schneidezähne und Haare verkauft, kein Kommissar Javert, der sich wie ein Rottweiler an Valjean festbeißt. Stattdessen diese kammerspielartige moralische Läuterung des Zwangsarbeiters, der vom gejagten Tier zum Menschen wird.
In einem felsigen Bergort schlägt dem obdachlosen Fremden, der wegen gestohlenen Brotes und Fluchtversuchen 19 Jahre lang in Straflagern verbrachte, nur Hass entgegen. Misstrauisch bleibt er, als der Bischof Bienvenu ihm nicht nur eine Bleibe, sondern auch Menschlichkeit bietet. Das ist zu viel für ihn. Er erleidet einen Rückfall und stiehlt das bischöfliche Silberbesteck, das er nach seiner erneuten Festnahme nicht nur behalten darf. Der Humanist Bienvenu legt noch kostbare Kerzenleuchter oben drauf, mit denen Valjean im Tagtraum den Bischof erschlagen hat, nachdem er auch dessen Schwester und Haushälterin getötet hat.
Doch das alles ist nur Halluzination. Valjean ist ein Dieb, kein Mörder, der aber am Ende wegen des bischöflichen Vorbilds zum Heiligen wird. Grégory Gadebois spielt diesen Valjean in der steinigen Landschaft des südfranzösischen Luberon wie ein massiver Felsbrocken: schwer, unnachgiebig und im Inneren rissig. Mit dem gutmütigen Asketen Bienvenu (Bernard Campan) liefert er sich ein intimes weltanschauliches Duell: hier der Erlöser, dort der zu Erlösende. Hätte Hugo seinen Roman nach 150 Seiten abgebrochen, hätte das auch für eine ebenso beeindruckende Charakterstudie gereicht.