05.01.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Mit Lovis Corinths Gemälde (1893) beginnt der „Mythos“ des Niddener Friedhofs
Bild: WikimediaMit Lovis Corinths Gemälde (1893) beginnt der „Mythos“ des Niddener Friedhofs

Stiller Zeitzeuge

Der Niddener Friedhof als Weltkulturerbe

Ein aufmerksamer Spaziergang durch die Vergangenheit, der zurück in die Gegenwart führt

Henriette Piper
04.01.2026

Mit der Aufnahme der Kurischen Nehrung in das „Weltkulturerbe“ im Jahr 2000 ging auch eine Umbenennung einher: Aus dem ehemaligen evangelischen Friedhof in Nidden [Nida]wurde ein „ethnographischer“ Friedhof. Das neue Adjektiv nimmt die Perspektive wissenschaftlicher Betrachtung ein und verschiebt den Fokus auf die Ethnien, die hier begraben liegen und deren Gräber und Grabpfleger kulturelle Spuren hinterlassen haben. Die Geschichte bis 1945 ist uns Ostpreußen in groben Zügen vertraut. Die 80-jährige Geschichte danach weniger. Eine Darstellung der wechselhaften Historie des Friedhofs gibt es noch nicht. Wir nähern uns dem Thema anhand von Fotos und Zeitzeugenberichten.

1888–1920: Die deutsche Zeit
Im Jahr 1854 wurde Nidden ein eigenes Kirchspiel, zunächst nur mit einem Gebetshaus. Die evangelische Kirche folgte 1888. Für den dazugehörigen Friedhof ist die Belegung schon ab 1880 bezeugt. 1893 hat der ostpreußische Maler Lovis Corinth ein erstes Bild von dem Dünenfriedhof gemalt. Wir sehen auf dem Gemälde schlichte, in den Sand gesteckte Holzkreuze, daneben auch „Kurenbretter“ und „Kurenkreuze“. Die heidnischen Kuren waren zu Beginn des 15. Jahrhunderts aus dem lettischen Kurland auf die Nehrung gekommen. Ihre ovalen, hölzernen Grabtafeln sind kultureller Ausdruck dieser Ethnie. Als Zugeständnis an die Christianisierung können die oben auf die Grabtafeln gesetzten oder in die Fläche gemalten Kreuze gelten. Sie wurden, wie die einfachen Holzkreuze auch, von den Familien der Verstorbenen getischlert. Es waren meist Fischerfamilien, die noch „Nehrungskurisch“ sprachen. 1894 war die Sprache noch in 80 Prozent der Niddener Haushalte lebendig.

Während Kurenkreuze primär eine ethnische Konnotation tragen, sind die einfachen Kreuze schlicht Symbole für die Zugehörigkeit zum christlichen Glauben.

Friedhof als politischer Kampfplatz
Nach der Annexion des Memellandes durch die junge Republik Litauen 1923 wurde Nidden Teil des Staatsgebietes, wenn auch mit besonderem Status. Deutsch und Litauisch sollten im Memelland gleichberechtigte Sprachen sein. Aber aus dem erhofften Miteinander der Kulturen wurde ein Kampf der Nationalbewegungen, der deutschen wie der litauischen, um die Hegemonie. Der Kampf verschärfte sich in den 1930er Jahren. Im März 1939 wurde der Streit mit der erpressten „Rückgabe“ des Memellandes an das Deutsche Reich vorläufig entschieden.

Dass der Kulturkampf auch auf dem Niddener Friedhof ausgetragen wurde, geht unter anderem aus der Angabe zu einem Foto des Bildarchivs Ostpreußen aus dem Jahr 1929 hervor: „typische kurische Kreuze, im August 1939 fehlen diese Kreuze“. Der Einsteller des Fotos deutet damit eine Säuberungsaktion nach dem Anschluss des Memellandes ans Deutsche Reich an.

1945–1990: Die Sowjetzeit
Für die Sowjetzeit erwartet der historisch Interessierte erneut eine ideologische „Säuberung“ des Friedhofs. Tatsächlich erzählen deutsche Zeitzeugen, dass gleich zu Beginn der sowjetischen Herrschaft „Denkmäler, meist ,Krikštai' [die Kurenbretter] vom Friedhof geholt, auf einen Lastwagen geladen und abtransportiert wurden.“ Sicherlich wurden sie nicht der Vernichtung zugeführt, sondern wohl eher als Kriegsbeute geschätzt, denn Litauen war ja nun Sowjetrepublik. Dass zu den abtransportierten Grabmälern auch das des 1934 verstorbenen Lehrers Adolf Henkel gehört, ist eine Vermutung, denn Fotos aus der Sowjetzeit sind rar. Die Grabsteine von Gustav Echternach und seinem Enkel Ernst überlebten diese Zeit und sind mit den Daten 1880 und 1883 die ältesten Zeugnisse. Das wuchtige Holzmonument für Adolf Henkel, das erstmals 2013 dokumentiert ist und mit seiner Gothischen Schrift auffällt, scheint dagegen ein Neubau zu sein.

Auch in der Sowjetzeit blieb der Niddener Friedhof zunächst der Ort, an dem die Toten des Dorfes bestattet wurden. Zwei Ethnien kamen hinzu. Etwa 500 ehemalige Sowjetsoldaten waren auf der Nehrung geblieben, später rund 1000 Litauer aus dem litauischen Kernland neu angesiedelt. Neben den 26 Toten russisch-orthodoxen oder katholischen Glaubens, wurden in der Sowjetzeit auch 31 protestantische Niddener auf dem alten Friedhof bestattet. Sie gehören zu der kleinen Gruppe von etwa 60 Personen, denen die Flucht nicht geglückt war. Es sind Vertreter großer Familien darunter, wie Engelien, Froese, Kuhr, Pietsch, Pugall, Radmacher und Sakuth. Hans Sakuth, Kirchenältester, hat bis 1958 in der demolierten Kirche weiterhin evangelische Gottesdienste gehalten. Alle drei Bevölkerungsgruppen, und nach 1991 auch deren Grabpfleger, haben ihre kulturellen Spuren auf dem Friedhof hinterlassen.

Litauische und russische Familien allerdings lassen sich ab Ende der 1970er Jahre auf dem neuen „civilen“ Friedhof von Nidden begraben. Er liegt etwa anderthalb Kilometer entfernt Richtung Preil [Preila] an der Kuršių g. 2,93126 Neringa und ist heute der Zentralfriedhof der neuen Bevölkerung von Nidden.

1991: Die Litauische Zeit
Mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ explodieren die fotografischen Belege vom Friedhof. Ehemalige Niddener reisten an, suchten nach Spuren der Vergangenheit und fotografierten. Einige fanden ihre Familiengräber an alter Stelle und restaurierten sie, andere mussten die versunkenen Gräber rekonstruieren. Dabei wurde auf den neuen Grabtafeln oft auch an weitere Familienmitglieder erinnert. So werden die Grabtafeln auch zu Gedenktafeln. Neben den privaten Grabrenovierungen wurden auch große Projekte wie die Restaurierung der Kirche (Wiedereinweihung 1992) und die Wiederherstellung des Friedhoftors in deutsch-litauischer Sprache nach dem Vorbild von 1924 angegangen. Die Vorhaben wurden mit Leidenschaft, großem finanziellem Engagement und Unterstützung auch durch die örtliche Verwaltung durchgeführt. So werden ehemalige Niddener seit 1991 zu aktiven Mitgestaltern des Friedhofs.

Wichtigste historische Quelle: Fotos
Die immer noch wachsende Flut an Fotos macht es inzwischen möglich, die Geschichte einzelner Gräber zu rekonstruieren. Bei einem Abgleich der Grabfotos von Lotte Engelien (1881–1952) und Michel Engelien (1882–1972) ergeben sich zunehmende Abweichungen von den Originalaufschriften auf diesen beiden Kurenkreuzen. Darauf ist zunächst der für die deutsche Kultur übliche Gebrauch von * / † für die Eckdaten des Lebens zu sehen, ebenso arabische Ziffern. Auf Foto von 2005 sind auf der Grabtafel für Michel Engelien nun römische Ziffern zu sehen, wobei aus einer „10“ eine „IX“ geworden ist. Auf Fotos von 2025 lesen wir wieder die ursprünglichen Daten, aber nun ist ein „Ruhe sanft“ hinzugekommen und das litauische Christogramm „A †A“ (wobei das zweite A für „Ω“ steht). Auch gibt es jetzt ☽/* für Geburt und Tod. Die Mondsichel ist seit 2013 auch auf anderen Kuren- und Holzkreuzen belegt, wird dort aber meist als Symbol für den Tod gebraucht: */☽. So irrlichtern nun manche Grabtafeln zwischen den Kulturen herum.

Das „Grabfeld der Namenlosen“
Die Deutschen, die den Friedhof noch so in Erinnerung hatten, wie sie ihn 1945 verließen, waren bei ihrer ersten Wiederbegegnung mit dem Ort zuweilen auch irritiert. Denn das „Grabfeld“ voller exotischer Kurenbretter im Nordosten des Geländes ist für sie neu. Aber gerade von diesem neuen Feld geht eine besondere Faszination aus; es wird zum beliebtesten Fotomotiv, mit dem auch touristisch geworben wird. Der Friedhofsbesucher glaubt sich hier direkt in die magische Zeit der heidnischen Kuren versetzt.

Tatsächlich ist dieses Feld aber ein Kunstwerk des litauischen Künstlers Eduardas Jonušas (1932–2014). Jonušas ist auch deshalb der Erinnerung wert, weil der Nehrungsbesucher seinen mächtigen Holzskulpturen überall auf der Nehrung begegnet. Die sieben Meter hohe Skulptur, die den Theologen Ludwig Rhesa zeigt, der 1776 hier, im später versandeten Karwaiten geboren wurde, steht am Ortseingang von Preil.

Die Kurenbretter des Eduardas Jonušas (1932–2014)
Eduardas Jonušas wurde 1932 in einem kleinen Ort nahe der lettischen Grenze geboren. Die Eltern waren Baltendeutsche. 1941 flüchteten sie mit ihren vier Söhnen vor dem deutsch sowjetischen Krieg nach Berlin, traten aber nach Kriegsende den Weg zurück in die Heimat an. Die Familie verlor sich unterwegs aus den Augen, der 14-jährige Eduardas blieb allein in Memel [Klaipéda] zurück. Bei seiner Musterung für den Militärdienst wurde ihm sein Aufenthalt in Nazi-Deutschland zum Verhängnis. Jonušas wurde als „Spion“ nach Sibirien verbannt und überlebte, schwer traumatisiert, die härtesten Lager des Gulags. Nach seiner Freilassung 1956 schlug er sich zunächst als Künstler am Theater in Memel durch, bis er sich 1971 in Nidden niederließ, in das er sich verliebt hatte. Fasziniert von der Geschichte des Ortes, begann er, deren herumliegende Überreste einzusammeln und sie in Kunstwerke zu verwandeln. Die Kurenbretter für sein „Grabfeld der Namenlosen“ fand er auf den Friedhöfen von Preil, Perwelk [Pervalkas] und Schwarzort [Juodkranté]. Er schnitzte vermooste Bretter nach und fügte auch eigene Kreationen hinzu. Sein Feld weckt Assoziationen zu dem Gemälde von Lovis Corinth, dessen Atmosphäre Jonušas kongenial einzufangen scheint. Ob er es wohl kannte? Tote wird man hier aber kaum finden. Wie alt die verwendeten Hölzer sind, könnte eine Laboranalyse klären.

Inzwischen verschmilzt das Kurenbrett-Feld mit dem historisch gewachsenen Friedhof zu einer Art Gesamtkunstwerk und ist maßgeblich für den Eindruck verantwortlich, den der andächtige Besucher von diesem Ort mitnimmt. Jonušas starb 2014 und ist hier begraben.

Ab 2000: Das „Weltkulturerbe“ – Motor von Veränderungen
Mit der Aufnahme in das Weltkulturerbe 2000 wechselt auch die Zuständigkeit für den Friedhof. Der Erhalt der Gräber und Grabtafeln obliegt nun der Verwaltung des litauischen Teils des „Nationalparks Kurische Nehrung“. So finden Veränderungen statt, die für die Bestandserhaltung nötig sind. Es gibt aber auch Eingriffe, wie sie ein Kurator für eine Ausstellung vornehmen würde. So wurden in der Zeit zwischen 2013 und 2025 zwei steinerne Grabsockel, die im April 2013 isoliert standen, übereinandergestellt. Sie sind nun ein Kunstobjekt, das ins Auge sticht.

Bereits mit der Grabpflege der Deutschen nach 1991 verschwimmen die Grenzen zwischen Grab- und Gedenkstätte. Nun kommen auch Denkmäler für Persönlichkeiten hinzu, die sich um Nidden verdient gemacht haben. So der flache Gedenkstein für Lovis Corinth. Auch das Kurenbrett für den 1935 ausgewiesenen Pfarrer Kypke ist ein reines Gedenk-Brett aus den Jahren nach 2013. Johannes Kypke war zum Zeitpunkt seines Todes Pfarrer im ermländischen Eckersberg. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass der Verstorbene im Kriegsjahr 1941 nicht dort begraben sein sollte, wo er zuletzt amtierte, sondern auf dem weit entfernten Friedhof von Nidden, das er nach nur sechs Amtsjahren schon 1935 verlassenen musste.

Leider fehlt am Eingang des ethnographischen Friedhofs ein Schild, das auf die gestalterischen Eingriffe von deutschen Grabpflegern, Eduardas Jonušas' und der Nationalparkverwaltung hinweist. Derlei Informationen würden die Freude der Besucher an diesem Ort kaum schmälern. Das Gelände wirkt wie ein natürliches Kunstwerk, das eine vergangene Zeit festhält. Wer mit offenen Augen über den Friedhof schlendert, kann viele schöne Unstimmigkeiten entdecken, die ihn tief in die Geschichte des Friedhofs hineinführen – und zurück in die Gegenwart.

Quellen: www.bildarchiv-ostpreussen.de; die litauische Fotodokumentation von Valgas Kaminskas aus dem Jahr 2013 www.atminimoknyga.lt; Fotodokumentation vom September 2025 von Jörn Pekrul; Zeitzeugenberichte von u.a. Gerhard Schikschnus und Prof. Dr. Dr. Horst Echternach.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS