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Geschichte

Der Philosoph auf dem Thron

Schon über 100.000 Besucher – Zweiteilige Landesausstellung in Trier widmet sich Kaiser Marc Aurel und seiner „guten Herrschaft“

Veit-Mario Thiede
22.11.2025

In der von den Römern gegründeten Stadt Trier, deren Wahrzeichen das zur Regierungszeit Kaiser Marc Aurels erbaute Stadttor Porta Nigra ist, präsentiert Rheinland-Pfalz eine zweiteilige Landesausstellung. Das Rheinische Landesmuseum zeigt: „Marc Aurel. Kaiser. Feldherr. Philosoph.“ Und im Stadtmuseum Simeonstift läuft: „Was ist gute Herrschaft?“

Im Landesmuseum schreitet der Besucher in chronologischer Reihenfolge Marc Aurels Leben von der Wiege bis zur Bahre ab. Zahlreiche Büsten und eine lebensgroße Marmorskulptur stellen ihn als Thronfolger, Kaiser, Feldherr und als in die Toga gekleideten Bürger vor. Auch seine Vorgänger, seine Frau Faustina und sein Sohn Commodus, den er 177 zum Mitkaiser und Nachfolger ernannte, sind mit Marmorbildnissen vertreten.

Seine Karriere verdankte der am 26. April 121 in Rom geboren Marc Aurel dem kinderlosen Kaiser Hadrian. Der machte anno 138 per Adoption Antonius Pius zu seinem Nachfolger und befahl ihm, seinerseits Marc Aurel und den acht Jahre jüngeren Lucius Verus zu adoptieren. Noch im selben Jahr starb Hadrian. Sein bereits über 50 Jahre alter Nachfolger Antonius Pius hatte die unerwartet lange Regierungszeit von 23 Jahren. Auf ihn folgte 161 Marc Aurel. Er machte überraschend seinen Adoptivbruder Lucius Verus zum Mitkaiser, der jedoch bereits acht Jahre später starb.

Die Regierungszeit Marc Aurels überschatteten Kriege und Katastrophen wie Hochwasser und Pest. Im Osten des Reiches machten die Parther die Grenzen unsicher. Kaum waren die besiegt, begannen im Donauraum die Kämpfe gegen die Markomannen und andere „Barbarenvölker“. Die letzten zwölf Jahre seines Lebens, das am 17. März 180 endete, verbrachte er überwiegend im Feldlager. In dieser Zeit schrieb er seine „Selbstbetrachtungen“, die 1559 erstmals im Druck erschienen. Damit setzte erst 1379 Jahre nach Marc Aurels Tod sein Ruhm als Philosoph auf dem Kaiserthron ein.

Viele Herrscher, unter ihnen Friedrich der Große, orientierten sich an Marc Aurels Weisheiten. Noch heute werden sie als Orientierungshilfe für ein gutes Leben und Leitfaden für Führungspersönlichkeiten zu Rate gezogen. Zwei Ausstellungsräume vermitteln den Besuchern Einblicke in Marc Aurels Selbstbetrachtungen. Der als Kaiser, oberster Priester und oberster Richter mächtigste Mann des Imperiums ermahnte sich in seinen Notizen zu Besonnenheit und Vernunft, Gelassenheit und innerer Ruhe. Weder mit Hass noch Neid, sondern mit Wohlwollen und Nachsicht wollte er seinen Mitmenschen begegnen. Er verachtete Laster und Begierden, Großsprecherei und Übertreibung. Seine Regentschaft sollte dem Gemeinwohl dienen.

Die Zeitgenossen und der antike Geschichtsschreiber Cassius Dio beurteilten Marc Aurel als guten Kaiser. Die Senatoren schätzten seine Bescheidenheit und Kooperationsbereitschaft. Er sorgte für Gerechtigkeit. Die innere Stabilität sicherte er durch militärische Erfolge. Letzteren verdankte Marc Aurel die Errichtung seiner Ehrensäule.

Helmut Schmidt las Marc Aurel
In der Schau ist eine deckenhohe Teilreproduktion der 40 Meter hohen Säule zu sehen. Sie weist schwarzweiße fotografische Wiedergaben einiger der 114 Reliefszenen auf. In der begehbaren Säule sind wenige weitere Fotografien von Szenen ausgestellt. Und die zeigen, dass die Römer unter einem „guten Kaiser“ einen militärischen Führer verstanden, der keine Gnade kennt, sondern hart gegen die Feinde des Imperiums vorgeht. Da holt vor dem Kaiser ein römischer Soldat zur Tötung eines knienden Gefangenen aus. In einer anderen Szene präsentieren ihm zwei Soldaten die abgeschlagenen Köpfe von Feinden.

Wie die Säule sorgt nicht zuletzt das ebenfalls in Rom erhaltene, überlebensgroße Reiterstandbild aus Bronze für Marc Aurels Nachruhm. Es ist Vorbild vieler nachfolgender Reiterdenkmäler, wie die Schau im Stadtmuseum Simeonstift zeigt. Herausragendes Beispiel ist das 1696 von Andreas Schlüter entworfene Reiterdenkmal des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Das Original steht im Ehrenhof von Schloss Charlottenburg, eine Kopie im Bode-Museum. In Trier ist ein stark verkleinerter Eisenguss des Reiterstandbildes ausgestellt, den August Kiß nach 1824 schuf.

Ausgehend von Marc Aurel verfolgt die Schau im Stadtmuseum anhand von Kunstwerken, Fotografien, Filmen und Büchern die Frage nach der guten Herrschaft. Eine eindrucksvolle Antwort gibt zum Beispiel die maßstabsgerechte Reproduktion der 1338/39 von Ambrogio Lorenzetti für das Rathaus des Stadtstaats Siena geschaffenen Fresken mit den Allegorien der Guten und der Schlechten Regierung und ihren Auswirkungen auf Stadt und Land.

Als Tugenden des guten Herrschers gelten Tapferkeit, Gerechtigkeit, Klugheit und Besonnenheit. Leitmotiv der guten Herrschaft ist das Gemeinwohl. Aber wer ist dessen Garant, worin besteht es und wie ist es zu erreichen? Diese Fragen wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder anders beantwortet.

Bilder und Skulpturen zeigen Monarchen, die sich auf ihr Gottesgnadentum beriefen, absolutistische Herrscher, die mit unbegrenzter Machtfülle ausgestattet waren, oder auch demokratisch gewählte Persönlichkeiten wie Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, dessen Exemplar von Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ sowie seine nach dem Reiterstandbild des Kaisers angefertigte kleine Nachbildung aus Bronze ausgestellt sind. Viola Skibas, Leiterin des Stadtmuseums, zieht das Fazit: „Politik bleibt ein Prozess der beständigen Aushandlung und Partizipation, der niemals abgeschlossen sein wird.“

Die Ausstellungen laufen noch bis zum 23. November im Rheinischen Landesmuseum Trier, Weimarer Allee 1, und Stadtmuseum Simeonstift Trier, Simeonstraße 60, geöffnet bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Kombiticket für beide Museen: 22 Euro www.marc-aurel-trier.de 


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