20.01.2022

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„Der Ernst seines Gesichtsausdrucks stimmt schlecht mit der Juxatmosphäre überein, mit der man sich ihn umgeben denkt“: Schuster Voigt
Foto: ullstein„Der Ernst seines Gesichtsausdrucks stimmt schlecht mit der Juxatmosphäre überein, mit der man sich ihn umgeben denkt“: Schuster Voigt

Kaiserreich

Der wahre Hauptmann von Köpenick

Vor 100 Jahren starb der aus Tilsit stammende Schumacher Wilhelm Voigt, der wie kein anderer den Zeitgeist des wilhelminischen Reiches lächerlich gemacht hat. Durch die Verfilmung seines Streichs mit Heinz Rühmann wurde er zur Kultfigur, sein reales Leben verlief weitgehend trostlos

Wolfgang Freyberg
03.01.2022

Wilhelm Voigt, ein Schuhmacher aus Tilsit, war der Hauptmann von Köpenick. Er lebte ein Leben zwischen Arbeitssuche und Zuchthaus. Wie viele Handwerkstreibende seiner Zeit reiste Voigt durchs Land auf der Suche nach Arbeit. Lohn erhielt er häufig in Form von Kost und Logis. Sein Leben glich einem Teufelskreis: keine Papiere, keine Arbeit und Unterkunft, illegaler Aufenthalt und damit Auflehnung gegen die Behörden, Ausweisung oder Straftat, wieder Gefängnisstrafe. Über 30 Jahre seines Lebens verbrachte er in Zuchthaus und Strafanstalt. 

Sein größter Coup, der Überfall auf das Rathaus der damals noch von Berlin unabhängigen und mit „C“ geschrieben Stadt „Cöpenick“, ging durch das Theaterstück Carl Zuckmayers in die Geschichte ein. Ganz Berlin lachte und der Kaiser, für dessen staatliche Autorität der Gaunerstreich eine veritable Blamage war, forderte unverzüglich einen Bericht. 

Sein Leben glich einem Teufelskreis 

Die Legende lässt den Menschen hinter der Köpenickiade verblassen. Im Film mit „Berliner Schnauze“ dargestellt, geriet seine ostpreußische Herkunft in Vergessenheit. In der ihm im Kulturzentrum Ostpreußen in Ellingen 2020 gewidmeten Ausstellung ist ein Blick abseits der Legende gewagt worden. 

Eingeschult mit sechs Jahren an Ostern 1855 besuchte Wilhelm die dreiklassige Stadtschule in Tilsit bis zur Obertertia und erlernte dann das Schuhmacherhandwerk bei seinem Vater. Nach der Lehre ging er wie die meisten Ausgelernten seiner Zeit auf Wanderschaft. 

Der kleine Wilhelm musste schon früh in der Schuhmacherwerkstatt helfen. Wie bei den meisten seiner Altersgenossen war die Berufswahl durch die Herkunft vorherbestimmt und der Alltag von Arbeit geprägt. Kinderarbeit war zu dieser Zeit, obwohl bereits öffentlich diskutiert und in der Kritik, noch weit verbreitet. Schon im Schulalter straffällig geworden, verließ er die Schule als 14-Jähriger. 

Die erste Verurteilung mit 14 Jahren 

Am 12. Juni 1863 wurde Voigt das erste Mal verurteilt. Wegen Diebstahls in einer Metzgerei musste er zwei Wochen ins Gefängnis – der Beginn von über drei Jahrzehnten Gefängnis in seinem 73 Jahre zählenden Leben. 

Voigts Delikte waren meist Urkundenfälschung mit dem Ziel der persönlichen Bereicherung und Diebstahl. In seinen Memoiren stellte er die Gründe dafür dar: Entbehrungen in der Jugend, Verleitung durch andere, wirtschaftliche Not als Folge von polizeilicher Willkür, als die er seinen Passentzug und vergebliche Versuche von dessen Neubeschaffung beschreibt, und Fehlverhalten der Justiz, allerdings nicht der Richter, sondern der Zeugen. 

Von 73 Jahren über 30 in Haft 

Direkt nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus im Jahre 1879 ging Voigt nach Frankfurt an der Oder. Dort erlernte er das mechanische Herstellen von Schuhen nach amerikanischem System. Vor Gericht gab er an, in den dann folgenden zehn straffreien Jahren in Erfurt, Eisenach, Prag, Wien, Budapest, Jasst, Odessa und Riga gewesen zu sein. 

1880 dann ein bewaffneter Einbruch in die Gerichtskasse von Wongrowitz: Als 42-Jähriger wurde er deshalb 1891 zu 15 Jahren Zuchthaus in Rawitsch in der Provinz Posen verurteilt. Nach seiner Entlassung vermittelte ihn der Anstaltsgeistliche nach Stralsund, wo er bei Hofschuhmeister Hilbrecht angestellt war. Voigt war angemeldet und besaß Arbeit, jedoch keinen Pass. 

Am 16. Oktober 1906 besetzte Voigt als Hauptmann verkleidet das Rathaus in Köpenick. Dazu unterstellte er auf der Straße fünf Soldaten, die auf dem Weg vom Schießplatz Tegel zu ihrer Kaserne waren, seinem Kommando und ließ fünf weitere holen. Als Legitimation für seinen Befehl zeigte er ihnen ein Telegramm und gab vor, auf Befehl des Kaisers zu handeln. 

Die Soldaten wies er an, das Rathaus abzusichern. Keiner dürfe hinein oder heraus ohne die Zustimmung des „Hauptmanns“. Voigt begab sich nun zum Bürgermeister und erklärte ihm, ihn festnehmen und zur Neuen Wache nach Berlin bringen zu müssen. Der Bürgermeister fragte zwar mehrfach nach, von wem der Befehl komme und was ihm zur Last gelegt werde, auch nach einem Ausweis des Hauptmanns, zweifelte jedoch letztlich nicht an der Befugnis des Uniformierten. Der gab ihm zur Antwort: „Als Legitimation haben ihnen vorläufig diese Soldaten zu genügen.“ Er befahl zweien, den Bürgermeister zu bewachen. 

Neben einer Kaserne aufgewachsen 

Dann begab er sich in das Kassenzimmer und wies den „Rendant“ genannten Stadtkassenbuchhalter an, einen Kassenabschluss zu machen und ihm das Geld auszuhändigen. Danach werde er zusammen mit dem Bürgermeister nach Berlin gebracht. Auch der Rendant fragte nach dem Auftraggeber des Hauptmanns und wollte ohne Erlaubnis des Bürgermeisters kein Geld aushändigen. 

Der Beigeordnete des Bürgermeisters Fabrius schaltete sich ein: „Ich erklärte ihm, dass ich als Beigeordneter der Stadt jetzt nähere Aufklärung von ihm erbitten müsse. Er könne mir als höherem Beamten vertrauen. Das lehnte er aber kurzweg ab.“ 

Wollte er wirklich nur einen Pass? 

Nun ließ Voigt, der „Hauptmann“, zwei Pferdefuhrwerke rufen. Sie parkten im Innenhof des Rathauses, um kein Aufsehen zu erregen, denn die Nachricht von der Rathausbesetzung hatte sich in Köpenick wie ein Lauffeuer verbreitet, und vor dem Rathaus hatten sich bereits viele Menschen versammelt. Der Bürgermeister und seine Frau mit dem Magistratsdiener und der Stadtkassenrendant bestiegen mit jeweils einem Soldaten ihre Wagen und wurden zur Neuen Wache gebracht. Der Hauptmann gab dem Gendarmen, der vor dem Rathaus Dienst tat, den Befehl, das Rathaus noch eine halbe Stunde bewachen zu lassen, und ließ dann die Soldaten abrücken. Er selbst fuhr mit dem Zug und über 4000 Mark aus der Köpenicker Stadtkasse davon. 

Neben einer preußischen Kavallerie-Kaserne aufgewachsen hatte Voigt großes Interesse am Militärwesen. Im Zuchthaus gehörte die Unterweisung in Heereskunde zum Alltag. Voigt war daher über den Umgang und die Hierarchie in der Armee gut informiert – wenn er auch selbst nicht gedient hatte aufgrund seiner Straftaten im jugendlichen Alter. 

Großes Interesse bei Wilhelm II. 

Bevor er sich nach Köpenick aufmachte, erwog Voigt auch, seinen Coup in Bernau, Oranienburg, Fürstenwalde oder Nauen zu starten. Im Nachhinein rechtfertigte sich Voigt, er habe lediglich einen Pass erwirken wollen. Angesichts seiner genauen Kenntnisse der preußischen Verwaltung und der genauen Planung des Überfalls ist dieses jedoch sehr fraglich. 

Voigt besorgte sich bei einem Trödler oder mehreren – das ist nicht festzustellen – eine Hauptmannsuniform, von der er jedoch aus praktischen Erwägungen heraus nur den Mantel und die Mütze trug. Er musste die Uniform leicht an- und ausziehen können. Nach der Aktion entsorgte er sie in einem Pappkarton. 

Geschürt durch die Darstellung im Theaterstück Zuckmayers überlieferte sich der Mythos, dass Kaiser Wilhelm II., beeindruckt vom Geschick Voigts, auf eigene Initiative dessen Begnadigung erwirkt habe. Jedenfalls forderte der Kaiser unverzüglich einen genauen Bericht der Köpenicker Vorkommnisse an. 

Vorzeitige Entlassung 1908 

Das Justizministerium beobachtete die nationale und internationale Berichterstattung genau. Im Geheimen Staatsarchiv preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem findet sich eine umfangreiche Akte, die belegt, dass das Justizministerium und das Auswärtige Amt Reaktionen jeglicher Art zu diesem Fall akribisch sammelten. 

Eine Säule der wilhelminischen Staatsordnung war Gehorsam gegenüber Kaiser Wilhelm II. Voigt hat diese Ordnung an der Nase herumgeführt und die ausführende staatliche Gewalt, die Beamten der Stadt Köpenick, Polizei und Militär, der Lächerlichkeit preisgegeben. 

Dass der Kaiser Wilhelm Voigt freisprach, weil er dessen „Cleverness“ bewundert habe, ist also nahezu ausgeschlossen. Auch die zahllosen Begnadigungsgesuche aus dem In- und Ausland waren nicht ausschlaggebend angesichts der politischen Bewertung der Tat. 

Voigt vermarktete die Köpenickiade 

Am 16. August 1908, einem Sonntag, gegen 16 Uhr öffnete sich für Voigt das Gefängnistor in Berlins Strafanstalt Tegel. Noch am selben Abend fuhr Voigt in die Lindenstraße zur Redaktion der Zeitung „Welt am Montag“. Diese Zeitung, dessen Chefredakteur Hellmut von Gerlach ein Kritiker der wilhelminischen Politik und erklärter Pazifist war, hatte Voigt in seiner Haft stets unterstützt und sollte nun als erstes von dessen Entlassung erfahren. 

Nach Absprachen mit dem Innen- und dem Justizminister war am 8. August eine Eingabe an den Kaiser gemacht worden, um ihn um die Begnadigung Voigts zu bitten. Die Begnadigung war am 15. August erfolgt, und einen Tag später war Voigt ein freier Mann. 28 Monate seiner Strafe wurden ihm erlassen. 

Nach seiner Entlassung wurde Voigt weiterhin von der Polizei beobachtet und immer einmal wieder, aber nie länger als einige Tage, festgesetzt, wenn er zum Beispiel bei Auftritten Uniform trug, was nur Mitgliedern der Armee zustand, oder Autogrammkarten mit seinem Bild verkaufte, ohne einen Gewerbeschein zu besitzen. Der Innenminister hatte jedoch milde Behandlung im Umgang mit Voigt verfügt. 

„Er ist ganz ergraut“ 

Nach seiner Entlassung zog Voigt zu seiner Schwester nach Rixdorf, dem heutigen Berlin-Neukölln. Er begann mit der Vermarktung seiner Person und seiner Geschichte. Mal in Uniform, mal in Zivil trat er in Kneipen und auf Jahrmärkten auf. In Sälen oder Zirkuszelten mimte er den Hauptmann von Köpenick und verkaufte Autogrammkarten mit Bildern, die ihn in Uniform oder in Zivil zeigten. Auch einzelne Mitglieder der „Truppe“, die er seinerzeit befehligt hatte, nahmen an den Auftritten teil oder ließen sich mit ihm fotografieren. Schon bald erschienen seine Memoiren „Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde. Mein Lebensbild / Von Wilhelm Voigt, genannt Hauptmann von Köpenick“. 

Am 20. August 1908 stellte er sich leibhaftig von 11 bis 13 Uhr sowie von 15 bis 21 Uhr bei 50 Pfennig Eintritt im Berliner Passagepanoptikum aus. Vormittags bestaunten ihn rund 4000 Besucher. Er gab an, das eingenommene Geld der Stadt Donaueschingen zu spenden, wo durch einen Flächenbrand in jenem Jahre 270 Häuser verbrannt waren. Am Abend wurde ihm der Auftritt untersagt. 

Ruhe und Frieden in Luxemburg 

Am 4. Mai 1909 hielt Voigt einen Vortrag in Uniform in der Villa Louvigny im Stadtpark der Stadt Luxemburg. Aus dem provisorischen Halt wurde sein neuer Lebensmittelpunkt. Als er in Luxemburg ankam, wurde er mit großem Hallo begrüßt. Doch die „Luxemburger Zeitung“ erkannte nach seinen ersten Auftritten: „Der ehemalige Schuster hat eine ziemliche Leibeslänge, er ist ganz ergraut, und der Ernst seines Gesichtsausdrucks stimmt schlecht mit der Juxatmosphäre überein, mit der man sich ihn umgeben denkt.“ Im Mai 1909 erwarb Voigt Wohnrecht in Luxemburg. Er war der polizeilichen Beobachtung, die seit seiner Haftentlassung 1908 sein Leben begleitet hatte, überdrüssig geworden. Die Hauptstadt des Großherzogtums wurde sein neues Zuhause. Mit 62 Jahren erhielt er 1910 einen luxemburgischen Pass. Im selben Jahr begann er, seine Auftritte ins Ausland auszuweiten. 

Voigts Horizont, der von der ostpreußischen und der Berliner Kultur und Sprache geprägt war, erweiterte sich. In Luxemburg begann sein zweites Leben. Dort arbeitete er als Flickschuster und Kellner. Dort starb er auch vor 100 Jahren, am 3. Januar 1922. 

• Wolfgang Freyberg ist Direktor des Kulturzentrums Ostpreßen im Deutschordensschloss Ellingen, das im vergangenen Jahr eine Sonderausstellung zu Wilhelm Voigt gezeigt hat. 

www.kulturzentrum-ostpreussen.de

 



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Kommentare

Alexander Rostert am 02.01.22, 23:48 Uhr

Gab diese Affäre den preußischen Obrigkeitsstaat der Lächerlichkeit preis? Sämtliche Beteiligten waren deshalb auf Voigt hereingefallen, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ein Hauptmann des Königs von Preußen Unrecht tut. Glücklich die Monarchie, die ein solch blindes Vertrauen der Untertanen vom einfachen Soldaten bis zum Bürgermeister genießt.

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