15.02.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Truppen der deutschen Wehrmacht beim Einmarsch in Warschau 1939 – davor die drei Autoren des Handbuchs (v.l.n.r.) Werner  Benecke, Paweł Machcewicz und Stephan Lehnstaedt
Bild: IMAGO / Everett Collection; Ralf LoockTruppen der deutschen Wehrmacht beim Einmarsch in Warschau 1939 – davor die drei Autoren des Handbuchs (v.l.n.r.) Werner Benecke, Paweł Machcewicz und Stephan Lehnstaedt

Für bessere Beziehungen

Die deutsche Besatzungszeit in Polen

Wissenschaftler beider Nationen arbeiten ohne Vorbehalte in einem Handbuch die Okkupation aus diversen Perspektiven auf

Ralf Loock
15.02.2026

In einem Polenstädtchen, da lebte einst ein Mädchen, das war so schön. Sie war das allerschönste Kind, das man in Polen find't. ,Aber nein, aber nein', sprach sie, ,ich küsse nie'“ – so heißt es in einem bekannten deutschen Volkslied. Doch wie war es denn nun wirklich? Wie sah die deutsche Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg aus? Wie erlebten sie die deutschen Soldaten und Zivilangestellten, wie kamen die polnischen Familien zurecht?

Mit diesen Fragen wird sich das Handbuch der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg beschäftigen, das derzeit erstellt wird. An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder stellten die Autoren Prof. Dr. Paweł Machcewicz von der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Prof. Dr. Stephan Lehnstaedt von der Touro University Berlin ihre geplante Publikation vor. Moderiert wurde das öffentliche Podiumsgespräch von Prof. Dr. Werner Benecke von der Universität Viadrina.

Klerikale Versöhnung
In ihrer Begrüßung erinnerte Dagmara Jajesniak-Quast, Leiterin des Viadrina Center of Polish and Ukranian Studies an der Frankfurter Universität, daran, dass vor 60 Jahren – nämlich am 18. November 1965 – zum Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils die polnischen Bischöfe ihren deutschen Amtsbrüdern mit den Worten „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ die Hand zur Versöhnung reichten. Polen war das erste Opfer des von den Nationalsozialisten im Osten Europas entfesselten Vernichtungskrieges. Auf deutscher Seite prägten Flucht und Vertreibung von Millionen Menschen aus den östlichen deutschen Siedlungsgebieten die Erinnerung – dabei wurden mehr als 1,3 Millionen Deutsche gefoltert, vergewaltigt und ermordet.

Die polnischen Bischöfe beschrieben diese deutsche Okkupationszeit damals als eine „furchtbare finstere Nacht“; über sechs Millionen Polen, darunter ein Großteil jüdischer Herkunft, wurden umgebracht. Und in der Tat war diese deutsche Besatzerzeit eine schreckliche Epoche – die nichts mit dem eingangs erwähnten fröhlichen Lied zu tun hatte.

Eines der Ziele des neuen Handbuchs sei es, „die deutsche Besatzungsgeschichte in Polen als gesellschaftliche Alltagserfahrung zu schreiben“, erläuterte Jajes­niak-Quast. Sie persönlich halte dies auch für den richtigen Ansatz – „um – auch in einer breiteren deutschen Öffentlichkeit – entsprechend Empathie für das nachvollziehbare Kriegstrauma der polnischen Zivilbevölkerung zu wecken.“

In dem Podiumsgespräch machten die Autoren einleitend deutlich, dass es das eine und einheitliche Polen nicht gab. Da sind zunächst einmal jene polnischen Gebiete, die nach 1939/1940 in das Reichsgebiet eingegliedert wurden – namentlich Westpreußen und die Provinz Posen. Dann muss man die Situation im Generalgouvernement betrachten; der Großteil des besetzten Polens – mit Krakau, Warschau, Radom und Lublin – wurde zum sogenannten Generalgouvernement zusammengefasst. Die Zivilverwaltung dort übernahm Generalgouverneur Hans Frank. Das entstehende rücksichtslose Besatzungsregime trug maßgeblich seine Handschrift. Er war mitverantwortlich für Zwangsarbeit, Menschenverschleppung sowie für die Ermordung der polnischen Führungsschicht. Die deutschen Besatzer stellten in Polen schnell ein Klima von Angst und Uneinschätzbarkeit her. Ein Menschenleben galt wenig. Besatzungsterror, Willkür und Enteignungen gehörten für die ihrer Rechte beraubten Polen in den annektierten Gebieten sowie im „Generalgouvernement“ zum Alltag. Mit einer Flut von Anordnungen und Verboten reglementierten die deutschen Besatzer das Leben der polnischen Bevölkerung. Widerstandsaktionen ahndeten die Besatzer mit der Todesstrafe, die zumeist auch schon bei kleineren Vergehen verhängt wurde.

Deutsch-polnische Perspektive
Der Terror in Polen richtete sich in besonderem Maße gegen die jüdische Bevölkerung. Juden wurden öffentlich gedemütigt und gequält, Synagogen entweiht und zerstört, jüdische Wohngebiete geräumt und ihre Bewohner insbesondere nach 1940 in Ghettos zusammengepfercht. Morde waren an der Tagesordnung. Diese unmenschlichen Aktionen bildeten den Auftakt für die 1941 einsetzende systematische Ermordung der Juden in Polen.

Und schließlich gab es da noch die östlichen polnischen Gebiete wie Wilna und Lemberg – auch dort lebten viele polnische Familien. Dabei betonten die Autoren mehrfach, dass man sich entschieden habe, diese östlichen polnischen Gebiete nicht in das Handbuch aufzunehmen – denn sie nahmen eine gesonderte Entwicklung, waren sie doch seit Herbst 1939 sowjetisches Besatzungsgebiet und wurden erst ab Sommer 1941 deutsches Besatzungsgebiet. Das neue Handbuch solle nur ein kurzes, etwa 20-seitiges Vorwort zur Vorgeschichte des Weltkrieges enthalten, dann wolle man gleich mit dem September des Jahres 1939 starten.

Das ganze Buch und alle seine Kapitel wolle man in einer gemeinsamen deutsch-polnischen Perspektive schreiben, es soll also keine Abschnitte mal mit einer deutschen und dann mal mit einer polnischen Sicht geben. Der Beitrag der Frankfurter Universität wird in den Zuarbeiten von Frank Grelka, Historiker an der Viadrina, bestehen. Die Forschungen zur deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg sind selbst für Spezialisten kaum mehr überschaubar. Debatten verlaufen häufig entlang nationaler Grenzen, und viel zu oft begrenzen Sprachkenntnisse die Perzeption der jeweils anderen wissenschaftlichen Befunde. Zugleich ist der Bedarf an kompetenter Orientierung groß – nicht nur in der Lehre, sondern auch in der musealen Vermittlung und selbst für politische Debatten, die sich auf außenpolitischer Ebene nicht selten um mangelndes historisches Wissen, Schuld und Verantwortung drehen.

Vor diesem Hintergrund erarbeiten die Polnische Akademie der Wissenschaften und die Touro University Berlin, eine jüdische Hochschule in Berlin, gemeinsam ein Handbuch zur deutschen Besatzung Polens, das den Forschungsstand bündelt und einer kritischen Bewertung unterzieht. Es wird die erste integrierende Gesamtdarstellung seit 1970 werden, die antipolnische Politik, den Holocaust, deutsche Täter, Widerstand und Alltag sowie nicht zuletzt die Bildwelten der Okkupation untersucht.

An dem Band wird bereits seit zwei Jahren gearbeitet. Wie die Autoren auf Nachfrage aus dem Publikum mitteilten, läuft das Projekt noch bis November 2026, dann sollen auch alle Manuskripte vorliegen, sodass der Band in polnischer und in deutscher Sprache gedruckt 2027 vorliegen kann.

In dem Band werde man sich nicht auf die ethnisch polnischen Familien beschränken, sondern auch die Juden, die Ukrainer sowie die Sinti und Roma mit einbeziehen. Auch die jüdischen Familien werden „gleichberechtigt“ neben den polnischen Einwohnern präsentiert, erläuterte Machcewicz.

Für mehr Wissen und Toleranz
Wichtig sei ihnen das Schlusswort, betonten die Autoren, dieses wolle man gemeinschaftlich verfassen und auch die Gegenwart der deutsch-polnischen Beziehungen berühren. Auf diese Gegenwart bezog sich eine Wortmeldung aus dem Publikum. Der Redner erinnerte daran, dass der polnische Staatspräsident erst vor wenigen Wochen in seiner Rede zum 1. September 2025 auf der Westerplatte erneut deutsche Reparationen in Höhe von 1,3 Billionen Euro gefordert hat. Auf deutsche Seite fehle sehr oft vielen das Wissen zum historischen Hintergrund, daher sei dieses Handbuch wichtig, um dieses Wissen aufzubauen, so der Redner. Die beiden Autoren gingen aber auf die Frage der Reparationen in ihren Ausführungen nicht weiter ein.

Gleichwohl müssen die Forscher auf beiden Seiten sehr aufpassen, dass ihr Handbuch nicht ungewollt zu einer Steilvorlage für die unberechtigten polnischen Reparations-Forderungen wird und dass ihr Handbuch letztlich der historischen Untersetzung dieser Forderungen dient – und dass sie somit die klar definierte bundesdeutsche Regierungsposition komplett unterlaufen und untergraben.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS