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Im Interview mit Schauspieler, Musiker und Buchautor Nick Wilder – Sein neues Buch ist eine autobiografische Auseinandersetzung und Aufarbeitung mit höchstem Unterhaltungswert und Lerneffekt
Den Schauspieler und Musiker Nick Wilder kenne ich seit nunmehr fast drei Jahrzehnten. Über die vielen Jahre hinweg haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt. Nun, nach längerer Zeit, treffen wir uns erneut – in Hamburg, am Hafen, an den Landungsbrücken. Mehr Hamburg geht kaum. Und – wie ich schnell erfreut spüre – mehr Nick Wilder eigentlich auch nicht.
Er ist, wie man ihn kennt: freundlich, zugewandt, bodenständig. Ein Mann, der sich eine jugendliche Offenheit bewahrt hat – nicht als Pose, sondern als Haltung. Sowohl im Kopf als auch im Herzen – und das ist heutzutage gar nicht mal so leicht.
Der breiten Öffentlichkeit ist Nick Wilder vor allem als der empathische Schiffsarzt „Doc Sander“ aus der ZDF-Reihe „Das Traumschiff“ bekannt. Eine Rolle, die er über viele Jahre hinweg mit ruhiger Autorität und menschlicher Wärme prägte. Andere erinnern sich an ihn als die ikonische Werbefigur „Herr Kaiser“ der Hamburg-Mannheimer Versicherung – ein Gesicht, das mit verbindlichem Lächeln für Vertrauen stand und in Deutschland fast sprichwörtlich wurde.
Fesselnd persönlich
Wir geben uns die Hand, setzen uns – und kaum ist das geschehen, beginnt er zu erzählen. „Jetzt habe ich mir das endlich von der Seele geschrieben“, sagt er. „Zehn Jahre hat es gedauert, aber jetzt ist es fertig – endlich.“
Ich schau ihn an und er legt ein Buch auf den Tisch. „Vaterliebe“. Ein Roman von 602 Seiten, ein schwerer Band – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Echt jetzt? Dieses Buch ist von Nick? Dem Nick Wilder? Ich bin etwas überrascht.
Er erzählt mir von seiner Kindheit, von seiner Heimatinsel Fehmarn. Von Sonne, Wind, Meer – ein Ort, den viele als idyllisches Urlaubsziel kennen. Doch diese Idylle, so beschreibt er es, hatte Risse. Tiefe Risse. Schon als Jugendlicher spürte er, dass unter der Oberfläche etwas nicht stimmte. Da gärte etwas. Ein Gefühl, das sich im Laufe der Jahre verdichtete und schließlich nicht mehr zum Schweigen zu bringen war.
„Ich bin selbst überrascht, was dieses Buch ausgelöst hat“, sagt Wilder. „Bei mir – aber auch bei den Lesern.“ Viele hätten ihm geschrieben und berichteten von ähnlichen Fragen, die sie lange mit sich und in sich getragen hätten: Wo standen Eltern oder Großeltern im System des Nationalsozialismus? Welche Rolle hatten sie als unfreiwillige Zeitzeugen, als Protagonisten einer dunklen Epoche? Waren sie Mitläufer, Täter – oder wirklich unbeteiligt? Haben sie dem System, bewusst oder unbewusst, den nötigen Sauerstoff geliefert?
„Vaterliebe“, das aktuelle Buch von Wilder, beruht auf seiner eigenen, sehr persönlichen Familiengeschichte. Man spürt, wie sehr ihn dieses Thema bereits ein Leben lang begleitet hat, ihn emotional aufwühlte – immer wieder. Schließlich setzte er sich hin und schrieb – gemeinsam mit dem amerikanischen Autor Richard Opper – diesen Roman.
Opper ist wie Wilder Jahrgang 1952, stammt jedoch aus einer jüdischen Familie. In der gemeinsamen Arbeit trafen somit sehr unterschiedliche familiäre Prägungen und Erinnerungshorizonte aufeinander. Zunächst war eine zehnteilige Fernsehserie geplant, doch das genügte den beiden mit zunehmender Zeit bei ihrer kreativen Arbeit nicht mehr. Sie wollten noch mehr Tiefe, noch mehr literarische Freiheit, und vor allem noch mehr innere Wahrheit.
Emotional und sauber recherchiert
Die Handlung ist in Norddeutschland angesiedelt, allerdings nicht auf Fehmarn selbst, sondern in einem fiktiven Ort nahe Tönning. Die gesellschaftlichen Strukturen ähneln sich: Fischer, vielfach kommunistisch geprägt, auf der einen Seite; landwirtschaftliche Betriebe mit klarer Nähe zum Nationalsozialismus auf der anderen. Diese gesellschaftspolitischen Spannungen bilden den historischen Resonanzraum des Romans.
„Vaterliebe“ ist ein Coming-of-Age-Roman – und zugleich weit mehr. Er beginnt mit einer Beerdigung: Der Hauptprotagonist Alex von Stein kehrt im Jahr 2002 als inzwischen 50-Jähriger aus den Vereinigten Staaten von Amerika zurück, um seinen Vater Leopold von Stein zu beerdigen, einen überzeugten Nationalsozialisten. Im nächsten Schritt springt die Erzählung zurück in die späten 1960er-Jahre: Der junge Alex, langhaarig, Musiker in einer Rockband, im offenen Konflikt mit dem Vater, begibt sich auf eine Reise entlang der amerikanischen Ostküste.
Hier erreicht der Roman auch jüngere Leser. Rock 'n' Roll, erste Grenzerfahrungen, Rebellion – und ehe man es bemerkt, ist man mitten in einem politisch hochspannenden Agenten- und Zeitroman. Historische Ereignisse wie das Münchner Olympia-Attentat, der Jom-Kippur-Krieg, die Proteste gegen den Vietnamkrieg, die deutsche Vereinigung oder das Attentat vom 11. September 2001 auf die New Yorker Word-Trade-Center-Türme ziehen sich wie eine Kette durch die Handlung. Realität und Fiktion sind dabei kunstvoll miteinander verwoben.
Psychologisch fein gearbeitet und sorgfältig recherchiert, hält dieser Roman den Leser permanent in Atem. Vor allem aber fordert er ihn heraus: zum Nachdenken, zum Erinnern, zum Gespräch.
Der Weltenbummler Wilder wirkt dabei auf mich nach dieser Begegnung verändert – oder vielleicht eher „vollständiger“. Ein Mann, der heute im US-Bundesstaat Montana ebenso zu Hause ist wie in Südtirol, wo er mit seiner charmanten Ehefrau Christine Mayn lebt. Und ja, diese neue, nach innen gekehrte Seite von Wilder kannte ich so bisher noch nicht.
Ich nehme den schweren Band mit nach Hause, schlage ihn auf – und werde sofort hineingezogen. Ja, dieses Buch hat Gewicht – physisch wie inhaltlich.
„Vaterliebe“ ist kein leichtes Buch – aber ein notwendiges. Gerade für die jüngere Generation, die Geschichte oft nur aus Schulbüchern kennt. Dieser Roman erklärt nicht, er erzählt – und genau darin liegt seine Stärke. Er macht erfahrbar, wie politische Systeme in Familien hineinwirken, wie Schuld, Verdrängung und Verantwortung weitergegeben werden und warum Geschichte nie vergangen ist. „Vaterliebe“ hält der Gegenwart einen Spiegel vor – und zeigt, wie wichtig es ist, hinzuschauen, zu fragen und zu verstehen, bevor sich Geschichte wiederholt.
Nick Wilder: „Vaterliebe“, ISBN #979-8-9998499-1-5, EAN 9798999849915, 2026, Softcover, 602 Seiten, 25 Euro