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Schon früheste Kulturen sahen in den mathematischen Zeichen weit mehr als bloße Instrumente der Rechenkunst. Vor allem in Mythologie und Religion spielen sie eine herausragende Rolle
Wie man inzwischen weiß, haben sogar schon die Neandertaler als Vorläufer des modernen Menschen vor mindestens 68.000 Jahren mit Zahlen operiert. Seitdem wurden diese abstrakten mathematischen Konzepte zur präzisen Darstellung von Mengen oder Größen immer wichtiger. Dabei spielte allerdings nicht nur der praktische Nutzen der Zahlen eine Rolle, sondern auch deren spirituelle oder symbolische Bedeutung.
„Aller guten Dinge sind drei“, sagt der Volksmund, und wer nicht „bis drei zählen“ kann, würde sich sogar unter Neandertalern blamieren, weshalb er „drei Kreuze machen“ sollte, dass diese verschwunden sind. Über solche Alltagssprüche hinaus steht die Drei im weitesten und tiefsten Sinne für eine untrennbare Einheit, so wie bei der Dreifaltigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist im Christentum beziehungsweise beim Trimurti von Schöpfung (Brahma), Erhaltung (Vishnu) und Zerstörung (Shiva) im Hinduismus. Ähnliche Dreier-Konstellationen kannte man zudem auch im alten Babylon sowie in der ägyptischen, griechischen und römischen Mythologie.
Dazu kommt die nachgerade magische und ebenfalls schier allgegenwärtige Sieben. Es gibt sieben Kontinente und sieben Ozeane, sieben Himmel (so dachte man einst), sieben Weltwunder, sieben Todsünden und sieben Tugenden, sieben Sakramente, sieben Werke der Barmherzigkeit, sieben Freie Künste, die Sieben-Tage-Woche in den Religionen Judentum, Christentum und Islam, an deren Ende ein Ruhetag steht – und in Märchen und Sagen spielt die Sieben ebenfalls eine zentrale Rolle. Dabei symbolisiert sie ähnlich wie die Drei eine besondere Form von Ganzheitlichkeit.
Bereits in den ersten Hochkulturen
Die menschliche Vorliebe für die Sieben resultiert wohl nicht zuletzt aus zwei Faktoren. Zum einen kann unser Arbeitsgedächtnis durchschnittlich nur sieben Informationen gleichzeitig speichern. Und zum anderen verläuft das Leben des Homo sapiens oft im Einklang mit circaseptanen Rhythmen. Diese sorgen für die Regulierung körperlicher Prozesse über Zeiträume von jeweils sieben Tagen.
Etwas weniger bedeutsam als die Sieben ist die Zehn. Dennoch spielt auch sie eine nicht zu unterschätzende Rolle, was wohl vor allem daher kommt, dass wir zehn Finger besitzen und die Zehn damit ebenfalls ein naturgegebenes Maß an Vollständigkeit signalisiert. Jedenfalls haben die Zehn Gebote die Kirchen- und Mentalitätsgeschichte maßgeblich mitgeprägt. Und auch die biblischen Erzählungen von den zehn Plagen Ägyptens oder den zehn Gerechten, welche Abraham in Sodom und Gomorrha vergeblich zu finden versuchte, bleiben unvergesslich. Im Buddhismus wiederum dreht sich vieles um die zehn Leidenschaften, die den Geist trüben, und die zehn Betrachtungen als Gegenmittel dazu. Nicht zu vergessen auch der Brauch der Entrichtung des Kirchenzehnten, der bereits in mehreren Abschnitten der hebräischen Bibel Erwähnung fand.
Von ähnlicher Wichtigkeit wie die Drei und die Sieben ist die Zwölf, wobei es hierfür keine sofort ins Auge stechende Erklärung gibt. Zweifellos aber galt die Zwölf schon in den ersten Hochkulturen Mesopotamiens vor 5000 Jahren als Verkörperung des Prinzips der harmonischen und dauerhaften Ordnung. Damals teilte man den Tag in zweimal zwölf Stunden auf und erfand die zwölf Tierkreiszeichen, welche die Grundlage für unseren heutigen Kalender bildeten. Ansonsten kommt auch keine der Weltreligionen ohne die Zwölf aus. Aus dem Juden- beziehungsweise Christentum kennen wir die zwölf Stämme Israels und die zwölf Jünger Jesu, die orthodoxen Gläubigen feiern zwölf Hauptfeste, im Hinduismus gibt es zwölf Sonnengötter, die unterschiedliche Aspekte der lebensspendenden Kraft der Sonne verkörpern, im Buddhismus wird der Kreislauf der Wiedergeburten durch die zwölf Nidanas, also untrennbar miteinander verkettete Ursachen und Wirkungen, in Gang gehalten und die islamische Sekte der Zwölfer-Schia geht fest davon aus, dass genau zwölf Imame existieren.
Unser Zahlenverständnis schwindet
Zu den besonders bedeutungsträchtigen Zahlen zählt des Weiteren die 40. Laut dem Alten Testament währte die Sintflut 40 Tage – so lange wie Moses und Jesus später in der Einöde fasteten. Ebenso sollen die Israeliten 40 Jahre durch mehrere Wüsten gezogen sein, bis sie endlich das Gelobte Land erreichten. Und Mohammed wiederum wurde der Legende nach genau im Alter von 40 Jahren zum Propheten berufen.
Im Allgemeinen steht die 40 somit für eine Zeit der Prüfung, Geduld, Reife, Bewährung, Verwandlung und Erneuerung, welche lange genug dauert, um Wirkung zu erzielen, aber doch nicht so lange, dass sich ein Ende des Ganzen absehen ließe. Die Grundlage des menschlichen Faibles für die 40 wurde ebenfalls in frühester Vergangenheit an unterschiedlichen Orten der Welt gelegt. Davon zeugt beispielsweise, dass die Tempel sowohl der Perser und Juden als auch der Kelten oftmals genau 40 Säulen besaßen. Vielleicht spielte dabei die normalerweise über 40 Wochen verlaufende Schwangerschaft beim Menschen eine Rolle.
Und dann wäre da noch die Zahl Hundert. Auch in diesem Fall legten unsere Vorfahren das mentale Fundament für deren überragende praktische oder ideelle Bedeutung, indem sie die Hundert nahmen, um Vollständigkeit in einem größeren Bezugsrahmen zu symbolisieren. So zum Beispiel, wenn es um besonders bedeutsame Opferzeremonien ging: Dann musste eine ganze Hekatombe – in dem Wort steckt das griechische „hekaton“ (hundert) – an Tieren sterben.
Des Weiteren spielte die Tausend schon sehr früh eine nicht nur mathematische, sondern gleichfalls spirituelle Rolle. Exemplarisch hierfür stehen der Glaube an die bevorstehende tausendjährige Herrschaft Christi gemäß der Offenbarung des Johannes oder die wundertätige Kraft des buddhistischen Wesens Bodhisattva, das für universelles Mitgefühl steht, mit seinen eintausend Armen.
Angesichts dieser grundlegenden Bedeutung von Zahlen für alle Kulturen auf der Welt ist es ein Alarmzeichen, wenn heutzutage immer mehr Menschen das Zahlenverständnis verlieren, was nicht zuletzt aus dem Überangebot an Hilfsmitteln resultiert, die uns „lästige“ Denkprozesse ersparen sollen.