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Auf der Elbbrücke in Aussig: Gedenktafel an das Massaker vom 31. Juli 1945
Foto: SchiDDAuf der Elbbrücke in Aussig: Gedenktafel an das Massaker vom 31. Juli 1945

Massaker von Aussig vor 75 Jahren

Die Parole lautete: „Werft die Deutschen aus ihren Wohnungen“

Die gewaltsamen Ausschreitungen eines entfesselten Mobs waren von langer Hand geplant

Klaus J. Groth
12.07.2020

Das Massaker von Aussig am 31. Juli 1945 organisierte der tschechische Stabskapitän Bedrich Pokorný. Er wird auch für die verbrecherischen Ausschreitungen neun Wochen zuvor beim Todesmarsch von Brünn, der am 31. Mai 1945 begann, verantwortlich gemacht. Bald darauf übernahm er für kurze Zeit die Leitung des Inlandsgeheimdienstes. 

Es gab vermutlich Agents Provocateurs 

Der Zeitpunkt der Ausschreitungen war kein Zufall. Zwischen den Ereignissen von Brünn und Aussig segneten bei der Konferenz von Potsdam die Hauptalliierten die Vertreibung der Deutschen aus der angestammten Heimat ab. Im Sudetenland sollte brutal ein Zeichen der wiedererlangten tschechischen Souveränität gesetzt werden. 

Auf der Münchner Konferenz 1938 hatten Großbritannien und Frankreich dem massiven Drängen Adolf Hitlers nachgegeben, das deutsch besiedelte Sudetenland wurde dem Reich zuerkannt. Der größere Teil der dortigen Bevölkerung feierte das begeistert. Die Presse im Reich begleitete die Ereignisse mit Schlagzeilen wie diesen: „Prag sabotiert München – Deutsche Häuser in die Luft gesprengt" (14. März 1939); „Tschechen-Staat in voller Auflösung – Die Schreckensherrschaft über die Deutschen wird unerträglich" (15. März 1939); „Führerstandarte auf dem Hradschin – Der Führer mit den Truppen in Prag eingezogen" (16. März 1939); „Aufbau im neuen Reichsgebiet – Ein Werk genialer Staatskunst" (17. März 1939); „Prag erwartet den Reichsprotektor – In der Geschichte Böhmens und Mährens beginnt ein neues Kapitel" (5. April 1939). 

Das „neue Kapitel" im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren wurde zur Leidenszeit für die tschechische Bevölkerung. Über 100.000 Menschen sperrten die Nationalsozialisten in Konzentrationslager. Die Erschießung der Männer des Dorfes Lidice 1942 als Vergeltung für das tödliche Attentat auf den Polizeichef und stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich gehört zu den grausamen Zeichen dieser Zeit. 

Die Erschießung der mehr als 170 Männer, die Deportation von 200 Frauen und 100 Kindern aus dem Dorf befeuerte die Wut auf die deutschen Besatzer und Nachbarn. Bereits 1940 hatte der tschechische Militärattaché der Exilregierung in London, Josef Kalla, notiert: „Man sagt: Einen Teil bringen wir um, einen Teil vertreiben wir, viele fliehen aus Angst vor Rache, und den Rest werden wir durch die Umsiedlung der Deutschen beziehungsweise Grenzkorrekturen los." 

Mutmaßlich mehr als 200 Tote 

Bereits zu dem Zeitpunkt waren die ursprünglichen Vorstellungen des Exilpräsidenten Edvard Benesch Makulatur. Die Pläne sahen die Ausgliederung einiger deutsch besiedelter Gebiete und einen Bevölkerungsaustausch vor. Doch bereits 1943 klang das anders: „Den Deutschen wird erbarmungslos und vielfach alles das zurückgezahlt werden, was sie seit 1938 in unserem Land angerichtet haben." 1945 klang das noch schriller: „Werft die Deutschen aus ihren Wohnungen. Kein deutscher Bauer darf auch nur einen Quadratmeter Boden unter seinen Füßen behalten." 

Geplant waren Vertreibungen der Deutschen von Kriegsbeginn an. Die Exilregierung Polens in London dachte so, die Exilregierung der Tschechen ebenfalls. Auch Bulgaren, Rumänen, Kroaten, Serben, Slowaken und Ungarn wollten ihre deutschen Minderheiten aus dem Land haben. Die bei der Konferenz in Potsdam beschönigend „Transfer" genannte Vertreibung dauerte mehrere Jahre, zu den schlimmsten Exzessen aber kam es in den Sommermonaten 1945 in der Tschechei. Das Massaker von Aussig und der Todesmarsch von Brünn setzten nachhaltige Zeichen der Grausamkeit. 

In Aussig explodierte am 31. Juli 1945 ein Munitionsdepot. Umgehend wurde das als Anschlag deutscher Werwölfe ausgegeben. Tatsächlich dürfte es eine geplante Aktion des Innenministeriums gewesen sein, um die Wut tschechischer Bürger anzustacheln. Sie sollten bei der Vertreibung der Deutschen Fakten schaffen. Die Deutschen waren leicht zu erkennen: Sie waren gezwungen, weiße Armbinden zu tragen. Auf diese Menschen machte der wild johlende Mob Jagd. Die Opfer wurden erschlagen, ertränkt, erstochen: Frauen, Kinder, alte Männer. Löschteiche färbten sich rot, die Verfolgten wurden von Brücken in die Elbe gestürzt. Mehr als 80 Leichen barg man später in Meißen, Pirna und Bad Schandau aus der Elbe. 

Wie üblich differiert die Zahl der Opfer je nach Quelle. Historiker schätzen sie auf mehr als 200. Die Zeitung „Rudé Právo" (Rotes Recht) schrieb: „Der hinterhältige Angriff nazistischer Brandstifter in Aussig und die Berichte über das Wüten gemeiner deutscher Werwölfe erhalten ihre Antwort mit dem einmütigen zornigen Aufschrei unseres ganzen Volkes: ‚Raus mit den Deutschen aus unserem Land. Mit eiserner Hand werden wir unser Grenzgebiet säubern.'" 

Neun Wochen zuvor hatte Stabskapitän Bedrich Pokorný die Arbeiter des Rüstungswerkes Zbrojovka in Brünn gegen die Deutschen aufgehetzt. Binnen weniger Stunden zwangen die Arbeiter vorweg die Hälfte der deutschen Bevölkerung, 26.000 Menschen, ihre Häuser zu verlassen. Sie trieben sie in einem Elendszug „mit Peitschenhieben wie eine Herde Vieh" auf die Grenze nach Österreich zu. Auf dem 80 Kilometer weiten Weg starben mindestens 2000 Menschen an Entkräftung, durch Schüsse oder Schläge ihrer Bewacher. Es blieb nicht bei diesem einen Elendszug. Weitere Todesmärsche von Brünn und die Jagd auf Deutsche in der Stadt forderten nach Unterlagen der Vertriebenen mehr als 8000 Opfer. Am Weg des Zuges standen alle paar Schritte Tschechen oder Russen, welche die Menschen mit Gewehrkolben oder Knuten weitertrieben: „Lauft, ihr Schweine, ihr deutschen Schweine." Den „Revolutionären Garden" winkte reiche Beute: Land und Besitz der Deutschen. 

An der Grenze zu Österreich verweigerten die Sowjets den Übertritt. Das Sterben ging weiter. Es ging auch in Österreich weiter, nachdem im Juni endlich die Grenze geöffnet worden war. 

Edvard Benesch beeilte sich, Fakten zu schaffen. In mehreren Dekreten legt er fest, die Deutschen seien zu entrechten und zu enteignen, um jeden Preis. Das Amnestiegesetz vom Mai 1946 sicherte Straffreiheit für alle Unrechtstaten zu. Sie wurden eingestuft als Handlungen „im Kampfe um Wiedergewinnung der Freiheit". So werden sie noch heute bewertet.



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Kommentare

sitra achra am 21.07.20, 12:18 Uhr

Die Parole lautete vielmehr: Schlagt sie alle tot!

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