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Östlich von Oder und Neiße

Die Schere zwischen Nationalität und Sprache öffnet sich weiter

Ergebnisse der Volkszählung aus dem Jahre 2021 veröffentlicht – Die Zahl der Deutschsprachigen hat sich vervierfacht

Till Scholtz-Knobloch
27.04.2023

Das Polnische Statistikamt hat die Zahlen der Volkszählung aus dem Jahr 2021 veröffentlicht. Gegenüber der Volkszählung genau zehn Jahre zuvor haben sich nun 15.300 Menschen in der Republik Polen weniger der deutschen Nationalität zugehörig deklariert.

38.700 in der Republik Polen gemeldete Menschen gaben als ihre dominierende Nationalität Deutsch an, weitere 93.800 erklärten, neben ihrer Erstoption, sich auch der Gruppe der Deutschen zuzuordnen, womit insgesamt 132.500 Bekenntnisse zum Deutschtum in der Republik Polen vorliegen. Eine Gesamtbevölkerung von etwa 38 Millionen Menschen lässt diese Größenordnung als dürftig erscheinen, doch das polnische Minderheitsverständnis weist eine Besonderheit auf. Vor allem wird an Oder und Weichsel nicht wie in der Bundesrepublik nur von nationalen Minderheiten gesprochen, sondern von ethnischen und nationalen Minderheiten. Diese Terminologie ist letztlich ein Resultat des einst so genannten „schwebenden Volkstums“ vor allem unter den Oberschlesiern, aber auch unter Masuren und Kaschuben.

Der Umstand, dass in der am dichtesten besiedelten Region des Staates – Oberschlesien – schon vor dem Zweiten Weltkrieg oft Nationalität und erste Muttersprache voneinander abwichen, begünstigte die Hilfskonstruktion einer „ethnischen Minderheit“. Intention war nach 1945 zugleich jedoch vor allem, dass eine ethnische Sonderformung die deutsche Option oder eine deutsch-oberschlesische Mischoption kaschieren konnte.

132.500 bekannten sich zur deutschen Nation

132.500 Deutschen stehen in der Republik Polen heute 585.700 Menschen gegenüber, die sich als Oberschlesier deklarieren, 176.900 Einwohner Polens bekennen sich als Kaschuben, die zumeist den slawischen Idiom Pommerellens, dem Hinterland von Danzig, sprechen. Den drei „großen“ Minderheiten standen 2021 gegenüber: 79.400 Ukrainer, 54.300 Weißrussen, 48.700 Briten, 25.100 US-Amerikaner, 17.700 Italiener, 15.700 Juden (die durch ethnisch-nationale Konstruktion quasi gelöst von der nationalen Frage erfasst sind), 14.800 Russen, 13.000 Franzosen, 12.700 Lemken in Galizien, 11.800 Roma, 10.000 Iren und 9.700 Litauer. Letztere, Weißrussen oder Ukrainer gehörten nahezu vollständig autochthoner, also alteingesessener Bevölkerung an. Da die Volkszählung unabhängig von der Staatsangehörigkeit alle Menschen betraf, sind „Minderheiten“ wie Franzosen oder US-Amerikaner miterfasst. Es muss also ebenso eingeräumt werden, dass unter den Deutschen der Anteil von Erwerbszuwanderern nicht unerheblich ist und diese einen Teil des Gesamtwertes bereits „auffressen“. Nach der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine machen die 79.400 Ukrainer im Land mittlerweile sogar nur eine Minderheit aller heute in Polen lebenden Ukrainer aus.

Den 132.500 deutsch Optierenden im Lande stehen interessanterweise 199.000 Menschen gegenüber, die die deutsche Sprache im häuslichen Kontakt verwenden. 6600 Menschen in der Republik Polen nutzen daheim nur die deutsche Sprache und dürften damit weitgehend Zuwanderer aus der Nachwendezeit sein. 600 Menschen sprechen Niederländisch und 400 Norwegisch.

Interpretationsbedürftig ist, dass sich 2011 nur 58.170 Menschen zum Gebrauch der deutschen Sprache bekannten und nun fast viermal so viele. Der deutsche Sejm-Abgeordnete Ryszard Galla meint diesbezüglich, dass die Corona-Pandemie die Erfassung deutlich beeinflusst habe. Vor dem Hintergrund vieler telefonisch erhobener Daten ist hier sicherlich noch genau auf regionale Unterschiede zu schauen. Dies ist vorerst nicht möglich, da die Zahlen noch nicht regional aufgeschlüsselt vorgestellt wurden. In jedem Fall können sich die „Nationaloberschlesier“ in den beiden oberschlesischen Woiwodschaften als „Verlierer“ betrachten, denn nach einem „schlesischen“ Votum von 840.000 Menschen 2011 bekannten sich nun nur 585.000 Oberschlesier zu einer „schlesischen Nationalität“, die weiterhin leidenschaftlich diskutiert wird.

Der gesellschaftliche Wandel hat in jedem Fall bereits Einfluss genommen. Selbst in der Republik Polen ist nun bereits eine kleine Schere zwischen Nationalität und Sprache spürbar. Die Abweichung zwischen beiden Werten nimmt zu. Nicht im Ansatz so stark wie in der Bundesrepublik der Migrationsminderheiten, jedoch statistisch schon feststellbar.


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