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Die Gräber und ihre Geschichten vom Alten Inselfriedhof auf Norderney – Auch von der Preußenherrschaft können sie viel erzählen
Norderney ist ein Touristenmagnet. Jedes Jahr besuchen an die 590.000 Menschen die ostfriesische Insel, die vor allem im Sommer fest in der Hand von Urlaubern und Partygästen ist. Während die Besucher unter großem Getöse ihre Trolleys über den Asphalt in Richtung Hotel ziehen, ist es auf dem Alten Inselfriedhof zuweilen menschenleer. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Feierlustigen nach einem durchzechten Wochenende dorthin verirren? Zugegeben, das Morbide könnte die Feierlaune etwas schmälern. Eher wird wohl der „Klabautermann“ in der Fußgängerzone ihren Durst stillen.
Dabei liegt der Alte Friedhof sehr zentral an der evangelisch-lutherischen Inselkirche. Direkt außerhalb der Friedhofsmauer pulsiert das Inselleben, und auch der Strand ist in unmittelbarer Nähe. Was für ein Kontrast! Kirche und Friedhof erzählen nämlich nichts von den nicht enden wollenden Party-Sommern, wenn sich Kauf- und Saufkraft der Gäste zuverlässig vereinen. Eher kann man dort etwas von dem Leben vergangener Generationen erfahren und der wechselvollen Geschichte ihrer Insel: von den ärmlichen Anfängen über den Aufschwung unter der preußischen Herrschaft bis hin zum heutigen Touristen-Brennpunkt.
Das Leben in diesem ärmlichen Fischer- und Schifferdorf, das es in der Vergangenheit nun einmal war, war vor allem geprägt durch eine beständige Abfolge von durch das Meer verursachter Katastrophen. Die Insulaner mussten hartgesotten sein und somit auch diese grauenhafte wahre Geschichte verarbeiten: In der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 1722 trieb ein fast völlig mit Wasser vollgelaufenes Schiff auf die Insel zu. 44 „Schnitter“ (Erntehelfer) konnten nur noch tot geborgen werden und mussten auf der Insel beerdigt werden. Jedes einzelne Grab bekam nur ein einfaches Holzkreuz.
Diese sind längst verrottet. Eine ewige Ruhe hätte es für die Toten an diesem Ort sowieso nicht gegeben, weil ältere Gräber aus Platz- und Kostengründen immer wieder neu belegt wurden. Ein im Grunde elitäres Beerdigungswesen, weil Geld auch noch im Tod die Welt regiert. Immerhin waren alle Gräber gut vor Überschwemmungen geschützt, weil man die Ursprungskirche im 16. Jahrhundert auf einem künstlichen Hügel, der Kirchwarft, erbaut hatte. Wie groß die Friedhofsfläche ursprünglich war, liegt im Dunkeln der Geschichte.
K.-u.-k.-Matrose angetrieben
Dass die Seefahrt – neben der Fischerei – die größte Rolle im Leben der Insulaner spielte, spiegelte sich auch in ihrem Gotteshaus wider, in dem heute ein Miniatur-Segelschiff durch den Raum zu schweben scheint. Dort oben ist es sicher, was im realen Leben nie so war. Es kam vor, dass manche Insulaner gleich mehrere Kinder beerdigen mussten. So verlor der Fischer Jan Kasseboom – von Beruf Gärtner, Badewärter und Schankwirt – innerhalb von 15 Monaten gleich drei seiner vier Söhne. Der älteste Sohn Hinrich hatte am 15. Januar 1835 „nach einer 4-monatigen Krankheit“ auf seinem Schiff das Zeitliche gesegnet.
Ein Jahr später machte ein schwerer Sturm auf See neun Frauen zu Witwen und 29 Kinder zu Waisen, als fünf Fischerschaluppen dem tobenden Meer zum Opfer fielen. Aber stets blieb man der Seefahrt treu, auch wenn sie den Tod bringen konnte. Oder aber man wurde Handwerker, so wie der Reepschläger (Seiler) Johann D. Redell, dessen Vorfahren „Roedell“ hießen und eigentlich aus Glückstadt in Schleswig-Holstein stammten. Redell konnte als Seiler aber seine große Familie nicht ernähren – mit Anna Redell geb. Erichs hatte er acht Kinder –, sodass er auch noch als Badewärter arbeiten musste. Er ertrank dabei 1837 und wurde auf der westlich gelegenen Nachbarinsel Juist angetrieben.
25 Jahre später konnte man auf dem Grabstein von Helene Vincke lesen: „Sei wie sie war, so wirst du werden, was sie ist“ – das sechsjährige Kind, das in Frankfurt am Main geboren wurde, war am 5. August 1862 an einer „ansteckenden Halskrankheit“ verstorben. Der Badebetrieb brachte zunehmend auch den Adel auf die Insel, und Helenes Vater, Karl Friedrich Gisbert Freiherr Vincke ernannte man vier Jahre nach dem Tod seiner kleinen Tochter zum Ersten Königlichen Badekommissar auf Norderney.
1864 brachte der Deutsch-Dänische Krieg noch mehr Leid über die Menschen. Der Matrose Giovanni Velcich aus Istrien versah seinen Dienst auf der „k.u.k. oestreich. Fregatte Radetzki“. Zur Unterstützung der preußischen Flotte hatte man österreichische Flottenverbände in die Nordsee verlegt, zusammen trug man am 9. Mai 1864 vor Helgoland gegen Dänemark das schwerste Seegefecht dieses Krieges aus. Velcich ertrank am 21. Juni „in den Wellen bei Cuxhaven“ und wurde am 18. Juli auf Norderney angetrieben. Sein Sterbeeintrag im Kirchenbuch belegt dabei allerhöchsten Besuch bei seiner Beerdigung: Es war der letzte hannoversche König Georg V., der auch das Grabkreuz stiftete und die Beerdigung bezahlte. 1866 endete dessen Herrschaft, und er verlor sein Königreich an Preußen.
Im selben Jahr ertrank der 15-jährige Hans Jacob Six bei Bergungsarbeiten an einem vor Juist gesunkenen englischen Dampfschiff. Auch sein Grabstein existiert noch, aber das Segelschiff, das ihn ziert, hat einen abgebrochenen Mast als Symbol für den Tod durch Schiffbruch.
Hannovers letzter König zahlte Grab
Die Einwohner, einst von Heinrich Heine als „blutarme Eingeborene“ verspottet, mussten die ständige Gefahren stets verdrängen. Familien mussten ernährt werden, Schiffer ihrer Arbeit nachgehen, Matrosen wieder neu anheuern. Verstärkt strömten in der Preußenzeit zahlreiche Badegäste auf die Insel, aber so manch einer kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Darunter war auch der Ökonom Franz August Koch, der 1868 im Alter von 66 Jahren an „Erschöpfung“ gestorben war. Zwei Jahre später reichte der Platz auf dem Friedhof, der nun über 145 Grabstellen hatte, nicht mehr aus.
Mit dem langsam zunehmenden Wohlstand der Insulaner – 1871 wurde auch endlich ein Hafen samt Landungsbrücke angelegt –, war auch dieser einfache Friedhof nicht mehr repräsentativ, zumal er nicht bepflanzt wurde und auch nicht von Wegen durchzogen war. Längst wollten sich Begüterte mit teuren Stelen oder gusseisernen Kreuzen ein dauerhaftes Erinnern vor Ort sichern. Alle anderen wurden irgendwann vergessen.
Das konnte einem Kapitän der königlichen Jacht „Königin Marie“ nicht passieren. Hilrich Jakobs Rass – Schiffer, Fischer, Kirchenvorsteher und Kapitän – bekam 1872 sogar einen gusseisernen Zaun um seine Grabstätte, die sich heute etwas abseits von den anderen Gräbern präsentiert. Der mittlerweile im österreichischen Exil lebende Georg V. hatte den Mann, der auch den Fracht- und Personenverkehr zwischen der Insel und Norddeich versehen hatte, nicht vergessen und somit auch dessen Grabstätte bezahlt.
1875 bat der Kirchenvorstand schließlich um Überlassung eines unbebauten Grundstücks an anderer Stelle. Der „Allerdurchlauchtigste Allergroßmächtigste Kaiser und König“ war einverstanden. Im Zuge dessen wurde auch 1878 die 1578 erbaute Inselkirche abgerissen und an gleicher Stelle im gotischen Stil wieder aufgebaut. Da gehörten Mütter, die ihre Söhne an den Krieg verloren hatten – so glaubte man –, der Vergangenheit an. Doch das war nur eine Illusion.