27.03.2026

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Aktuell bestehen rund 550 Lieferengpässe für Medizinprodukte, umso gefährlicher ist die Abhängigkeit von Produktionsländern
picture alliance / Zoonar | Christoph BurgstedtAktuell bestehen rund 550 Lieferengpässe für Medizinprodukte, umso gefährlicher ist die Abhängigkeit von Produktionsländern

Die Lage spitzt sich zu:

Dramatische Arznei-Engpässe

Umweltauflagen und brutale Kosteneffizienz treiben die Produktion ins Ausland

Peter Entinger
27.03.2026

Es sind selten die großen Ausfälle, die das Problem sichtbar machen. Meist beginnt es eher unspektakulär: Ein Fiebersaft ist nicht verfügbar, ein Antibiotikum muss bestellt werden, ein bewährtes Präparat wird ersetzt. Was im Einzelfall lösbar erscheint, verdichtet sich in der Summe allerdings zu einem strukturellen Phänomen. Medikamentenengpässe gehören inzwischen zum Alltag im deutschen Gesundheitswesen.

Dabei ist die Lage erheblich komplexer, als es die öffentliche Debatte vermeintlich nahelegt. Ein flächendeckender Mangel besteht in der Regel nicht. Denn in vielen Fällen stehen gleichwertige Alternativen zur Verfügung. Doch genau diese Notwendigkeit zur ständigen Anpassung erzeugt den eigentlichen Druck: Apotheken müssen improvisieren, Ärzte umstellen, Patienten sich auf neue Präparate einstellen. Der Aufwand wächst, die Verlässlichkeit sinkt.

Wie sehr sich die Situation im Alltag bemerkbar macht, beschreibt Thomas Preis, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände: „Die Lieferengpässe sind längst kein Randphänomen mehr, sondern gehören zum Alltag in den Apotheken.“

Mehr als 550 Lieferengpässe listet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Was sich hinter dieser nüchternen Feststellung verbirgt, ist ein wachsender organisatorischer Aufwand. Präparate müssen ersetzt, Wirkstoffe verglichen, Patienten aufgeklärt werden. Und das in einer Branche, die ohnehin stark mit Nachwuchs- und Personalmangel zu kämpfen hat.

Generika-Produktion in der EU sinkt

Besonders auffällig aber ist, welche Arzneimittel tatsächlich betroffen sind. Häufig handelt es sich dabei nämlich um preisgünstige Generika – also Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist und die in einem engen Preiswettbewerb stehen. Gerade diese Präparate bilden jedoch das Rückgrat der medizinischen Grundversorgung. Allein 2024 entfielen laut Branchenverband Pro Generika rund 80 Prozent der verordneten Tagestherapiedosen in Deutschland auf diese besagten Generika. Doch auch diese Produzenten geraten nun zunehmend unter Druck: Seit Januar 2025 gilt eine neue EU-Abwasserrichtlinie, welche die Wasserqualität verbessern soll. Sie schreibt eine zusätzliche Reinigungsstufe in Kläranlagen vor, die auch Arzneimittelrückstände aus dem Wasser filtert. Nach dem Verursacherprinzip sollen Pharma- und Kosmetikunternehmen 80 Prozent der Kosten in Milliardenhöhe tragen.

„Im Unterschied zu anderen Industrien dürfen wir Preissteigerungen nicht einfach an die Kunden weitergeben“, erklärt Josip Meštrović, Deutschlandchef des Herstellers Zentiva lapidar. Was er nicht sagt: Viele Hersteller denken über eine Verlagerung der Produktion ins Ausland nach. Seit 2000 ist der Anteil der generischen Wirkstoff-Produktion in der EU von 59 auf 33 Prozent geschrumpft.

Über Jahre hinweg wurde die Arzneimittelversorgung konsequent auf Kosteneffizienz ausgerichtet. Rabattverträge, Festbeträge und Ausschreibungen sollten die Ausgaben begrenzen. Für viele Präparate sind die Preise inzwischen so stark reguliert, dass wirtschaftliche Spielräume kaum noch vorhanden sind. Der damalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat diesen Befund bereits 2023 auf den Punkt gebracht: „Wir haben es mit der Ökonomisierung auch in der Arzneimittelversorgung übertrieben.“

Lieferketten sind zu anfällig

Die Industrie hat auf diese Rahmenbedingungen reagiert. Produziert wird dort, wo es am günstigsten ist – häufig in Asien. Diese globale Arbeitsteilung senkt zwar Kosten, erhöht aber die Anfälligkeit. Fällt eine Produktionsstätte aus oder kommt es zu Qualitätsproblemen, sind die Folgen unmittelbar spürbar. Die Lieferketten sind lang, eng getaktet und nur begrenzt redundant. Besonders sichtbar wurde dies in der Corona-Zeit.

Auch daraus leitete Lauterbach bereits eine politische Konsequenz ab: „Wir müssen wieder mehr dieser Arzneimittel in Europa produzieren.“ Der Satz steht für den Versuch, die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu verringern und die Versorgung stärker regional abzusichern. Die Politik hat inzwischen reagiert und versucht gegenzusteuern. Mit dem 2023 verabschiedeten Gesetz gegen Lieferengpässe wurden Preisregeln gelockert, insbesondere für Kinderarzneimittel. Hersteller sollen Vorräte anlegen, Apotheken erhalten mehr Flexibilität beim Austausch fehlender Präparate, und Behörden können früher eingreifen. Der Staat greift damit stärker in ein System ein, das lange primär über Marktmechanismen gesteuert wurde.

Abhängigkeit von Asien

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken verweist unterdessen auf eine stabile Lage und betont, die Versorgung sei „grundsätzlich gesichert“. Gleichwohl bleibt die Situation angespannt, insbesondere in einzelnen Marktsegmenten. Bei gängigen Schmerzmitteln wie Paracetamol und Ibuprofen ist man beispielsweise im EU-Raum vollständig von Asien abhängig. Für die strategische Autonomie Europas sei es von Bedeutung, dass die EU wirksame Lösungen zur Behebung kritischer Engpässe entwickle, sagte Klaus-Heiner Lehne vom Europäischen Rechnungshof in Luxemburg bereits im vergangenen Oktober. Schon damals wurde auf ein großes Problem aufmerksam gemacht. So seien die Voraussetzungen an Arzneimittelverpackungen wie Packungsgrößen nicht EU-weit einheitlich.


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