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Lange Zeit lag der Nachlass von Leni Riefenstahl im Giftschrank – Jetzt soll die Sammlung für jedermann digital zugänglich werden
700 Kisten voller Ambivalenz: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) stellt sich der Mammutaufgabe, das Erbe von Leni Riefenstahl wissenschaftlich zu erschließen. Zwischen KI-Einsatz und ethischer Gratwanderung entstehen dabei völlig neue Perspektiven – insbesondere auf ihre umstrittenen Nuba-Bilder.
Das Erbe der 1902 in Berlin geborenen Regisseurin, die im Alter von 101 Jahren starb, ist weit mehr als eine bloße Sammlung historischer Dokumente – es ist ein ethisches und gesellschaftspolitisches Minenfeld, das von privaten Briefen an Adolf Hitler bis hin zu den weltberühmten Nuba-Fotografien reicht. Die Kunstbibliothek mit dem Museum für Fotografie, das Ethnologische Museum, die Staatsbibliothek zu Berlin sowie die Stiftung Deutsche Kinemathek, die die filmischen Memorabilia verwahrt, sind an der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Nachlasses beteiligt.
Die schiere Dimension des Materials – bestehend aus Fotos, Filmen, Notizen, Briefen und Manuskripten – birgt ein enormes Forschungspotenzial, stellt die Beteiligten jedoch vor immense logistische und rechtliche Hürden. Das Ziel ist eine schrittweise Erschließung in Teilprojekten, die bewusst unterschiedliche Perspektiven einbeziehen.
Ein zentraler Fokus lag zuletzt auf dem Bestand von mehr als 10.000 Fotografien und Filmen, die Riefenstahl in den 60er- und 70er Jahren im Sudan anfertigte. In einem vom Kulturstaatsminister geförderten Vorhaben wurde dieser Komplex durch das Ethnologische Museum, die Kunstbibliothek und das Pan-Nuba Council aufgearbeitet. Dabei ging es vor allem darum, die Sichtweise der Angehörigen der Nuba-Gesellschaften selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Während die damals fotografierten Menschen oft keine Kenntnis davon hatten, wie ihre Abbilder weltweit instrumentalisiert wurden, betrachten heutige Generationen der Nuba diese Aufnahmen durchaus als Bereicherung. Sie machen ein marginalisiertes kulturelles Erbe sichtbar und dienen als wichtige Zeitzeugnisse.
Technologisch beschreitet das Projekt neue Wege. Um die gewaltigen Datensätze zu bändigen, wurde an der Staatsbibliothek eine KI-basierte Bilderkennungssoftware eingesetzt. In einem ersten Schritt wurden sämtliche Dias und zahlreiche Abzüge digitalisiert sowie die im Ethnologischen Museum bewahrten fast 700 Ethnografika dokumentiert. Den inhaltlichen Kern bildete die kollaborative Forschung mit sudanesischen Künstlern und Wissenschaftlern, um den kolonialen Blick Riefenstahls aufzubrechen. Diese kritische Revision wird auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Ab dem 22. Mai präsentiert das Museum für Fotografie die Ausstellung „Inside Archives“. Studenten der Universität der Künste Berlin haben sich mit dem Material auseinandergesetzt und Installationen geschaffen, die das Spannungsfeld zwischen Riefenstahls stereotyper Verklärung und der aktuellen politischen Situation im Sudan beleuchten.
Parallel dazu widmet sich die Staatsbibliothek seit 2022 der schriftlichen Hinterlassenschaft. Es gilt, 17.000 Briefe,
590 Drehbücher und Hunderte Lebensdokumente sowie Widmungsexemplare aus Riefenstahls Privatbibliothek zu erschließen. Die Funde sind brisant: Neben persönlichen Korrespondenzen mit NS-Größen finden sich Aufstellungen über Filmergebnisse, Reisebeschreibungen und penibel geführte Pressespiegel. Sämtliche Informationen werden sukzessive im Verbundkatalog Kalliope veröffentlicht.
Das Vorhaben dient zudem als bundesweite Pilotphase für den rechtssicheren Umgang mit belastetem Kulturerbe. Es geht um die Klärung komplexer Fragen: Wie geht man mit den Persönlichkeitsrechten erwähnter Personen um? Wie lässt sich der digitale Zugang zu eventuell verfassungsfeindlichen Inhalten strafrechtskonform gestalten? Die daraus entwickelten Praxisleitfäden sollen als Standard für Kulturerbeeinrichtungen dienen. Damit wird der Riefenstahl-Nachlass zum Fallbeispiel für eine Neujustierung der rechtlichen Rahmenbedingungen in der modernen Archivarbeit.
Internet: nuba-images.smb.museum