Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Eine Spurensuche zwischen der Wahrheit und Legende des Beginns seiner politischen Laufbahn
Wer heute durch Pasewalk fährt ahnt kaum, dass nur unweit der Fernverkehrsstraße am 21. Oktober 1918 ein 29-jähriger Gefreiter als Patient in ein Reservelazarett verlegt wurde. Sein Name: Adolf Hitler. Der spätere Reichskanzler hält in seiner Erstausgabe von „Mein Kampf“ fest: „So kam ich in das Lazarett Pasevalk (sic!) in Pommern und dort musste ich die größte Schandtat des Jahrhunderts miterleben.“
Was er dort erlebte? Nun, Matrosen kamen im November 1918 in Lastwagen und riefen zur Revolution auf. Hitler erfuhr hier, dass Deutschland nun eine Republik geworden sei. Der spätere Diktator, der unter der Nummer 7361 mit Diagnose „gasvergiftet“, was eine Erblindung zur Folge hatte, in das Lazarett eingeliefert worden war, ging es aber zu diesem Zeitpunkt – nach eigenem Bekunden – schon besser, er schrieb: „Der bohrende Schmerz in den Augenhöhlen ließ nach; es gelang mir langsam, meine Umgebung in groben Umrissen wieder unterscheiden zu lernen.“
Unterschiedliche Meinungen
Und so gelangen wir bereits zu dem bereits unzählige Male zitierten und mit Pasewalk in Verbindung gebrachten Satz seiner Schrift „Mein Kampf“: „Ich aber beschloss, Politiker zu werden.“ Ob dem wirklich so war? Das darf heute bezweifelt werden.
Einige Historiker vertreten dazu die These, dass der Satz lediglich die Überleitung zu seinem nachträglich eingeschobenen Kapitel „Beginn meiner politischen Tätigkeit“ bilden sollte. Dafür sprächen auch Differenzen zwischen seinen eigenen Aufzeichnungen von 1921 und 1924. Auch zu der Diagnose „gasvergiftet“ gibt es Widersprüche. So behaupten einige Historiker und Autoren, dass die Erblindung psychische Gründe gehabt haben könnte, während andere die Diagnose für zutreffend hielten. Aufgeklärt werden kann dies allerdings nicht mehr, denn Hitlers Pasewalker Krankenakte ist nicht mehr auffindbar.
Dass Hitler Pasewalk, wie eingangs zitiert, falsch schreibt, Differenzen zwischen Aufzeichnungen bestehen und Widersprüche erzeugt werden, erklärt sich allerdings beim Blick auf die Dauer seines Aufenthaltes. Bereits am 21. November 1918 kehrt er in die Münchner Oberwiesenfeld-Kaserne zurück. Er weilte also nur etwa einen Monat in Pasewalk.
Legendenbildung
Wenden wir uns nun den Örtlichkeiten in Pasewalk zu: Über die Stettiner Straße gelangt man heute in die Schützenstraße. Rechts gibt es eine freie Wiese mit einer Baumallee unweit des Lindenbades. Und genau hier stand einst eine Gastwirtschaft mit Tanzsaal. 1914 wurde das als „Schützenhaus“ bekannte Gebäude beschlagnahmt und zu einem Reservelazarett
umfunktioniert.
Wie der Münchener Autor Bernd Horstmann, alias Stefan Murr, dessen Kriminalromane auch für das Fernsehen verfilmt wurden, in seinem Buch „Hitler in Pasewalk“ schreibt, soll er dort von Karl Kroner und dem Psychiater Edmund Forster behandelt worden sein – Letzterer habe die Diagnose „Hysterie“ gestellt. Doch Belege gibt es dafür nicht.
Als gesichert gilt, dass das Gelände samt Gebäude 1934 von der Nationalsozialistischen Hausgenossenschaft Pommern GmbH käuflich erworben wurde, um das Bestandsgebäude, in dem Hitler einst lag, abzureißen und durch einen Neubau mit Weihehalle und Seitenflügeln zu ersetzen, ergänzt von Treppen und einem großen Platz.
Am 21. Oktober 1937 – also genau 19 Jahre nach Hitlers Ankunft in Pasewalk – wurde der Bau in Gegenwart des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß (1894–1987) der Öffentlichkeit übergeben. Zentraler Bestandteil des Führer-Kultes war eine erhöhte Hitler-Büste, überragt vom wohl später erdachten Satz: „Ich aber beschloss, Politiker zu werden.“
Doch was blieb von Hitler in Pasewalk? Das Reservelazarett, in dem er einst lag, ließ er selbst abreißen. Seine Pasewalker Krankenakte ist verschwunden. Die Weihestätte, zu der seine Anhänger einst pilgerten, soll Hitler nie besucht haben. Nach dem Krieg hat man auch diese abgerissen, übrig blieben nur Treppenreste und die Legende eines politischen Aufstiegs, der hier in Pasewalk einst begonnen haben soll.