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Vor 100 Jahren veröffentlichte Hans Prinzhorn ein Buch über Kunst im Knast – Ein junger Schlesier zeigte sich besonders talentiert
Im Jahr 1926 erschien im Berliner Axel-Juncker-Verlag die „Bildnerei der Gefangenen“. Der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn hatte es als Ergänzung zu seiner vier Jahre zuvor veröffentlichen Studie über die „Bildnerei der Geisteskranken“ geplant. Als Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg hatte Prinzhorn einen tiefen Einblick in eine bis dato für die Öffentlichkeit unbekannte Welt erhalten, die sein Vorgesetzter, der Psychiater Emil Kraepelin, mit einer Sammlung von Bildwerken „Geisteskranker“ begründet hatte.
Während Prinzhorns Erstlingswerk sieben Auflagen erreichte, lag die „Bildnerei der Gefangenen“ wie Blei in den Regalen und erschien erst 2019 als einziger Reprint. Prinzhorns Anliegen war es unter anderem, einen Zugang zu der verborgenen Gefühlswelt der Gefangenen zu erschließen. Was sie nicht in Worte fassen konnten, wurde unter Umständen mit Stift und Papier umgesetzt, um sich so auf unterschiedlichste Art und Weise mit ihrer Tat und der ausweglosen Situation im Gefängnis auseinanderzusetzen. Die Spannbreite der Ergebnisse war enorm: von kindlich-naiven Skizzen bis hin zu einem beeindruckenden Gemälde, das die Gefangen beim Hofgang zeigte.
Die wenigsten Werke entstanden dabei gesittet mit Stift auf Papier, weil eine mitunter desolate Psyche auch ganz andere Formen der Umsetzung bedingte: Von seltsamen Kritzeleien auf der Zellenwand über Figuren-Knetereien mit Brotteig bis hin zu einer Zeichnung mit Blut. Aber auch die „Gaunerzinken“ – geheime Zeichen, mit denen Ganoven Häuser mit versteckten Botschaften à la „da ist viel zu holen“ markierten, fehlten nicht. Der begrenzte Zellen-Raum hatte den Weg für unbegrenzte Möglichkeiten geebnet. Das konnte man mögen oder nicht, aber dass man diesen Menschen überhaupt ein Forum gab, das war neu.
Dass die Verbrecher im Buch anonym bleiben mussten, bedauerte Prinzhorn in seinem Vorwort. Eine Vertiefung in die einzelnen Persönlichkeiten musste „aus äußeren Gründen“ unterbleiben. Einer der bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Zeichner war der 1900 in Oberschlesien geborene Paul Kops, der gleich mit sieben Tinten- und Bleistiftzeichnungen vertreten war. Seine Identität kann heute zweifelsfrei durch verschiedene Hinweise in den Textanmerkungen festgestellt werden. In seinem Fall war künstlerisches Talent auf einen psychischen Ausnahmezustand gestoßen. Und so hatte ein bereits vorbestrafter junger Mann, der für die Gesellschaft verloren schien, den Ablauf eines brutalen und feigen Mordes, den er nicht selber begangen hatte, in mehreren Szenen auf dem Papier umgesetzt. Was war damals passiert?
Ein Toter auf dem kalten Waldboden
Am 16. November 1917 wurde nordwestlich von Dresden in der Nähe von Radebeul die Leiche eines circa 30-jährigen Mannes gefunden. Das Leben von Eduard Steinhausen endete, das ergab die Obduktion, durch einen Schuss in den unteren Hinterkopf. Der Grad der Totenstarre belegte, dass der Mann in der Nacht vom 15. auf den 16. getötet wurde, danach wurde er einige Meter von der Straße weg in den Wald gezerrt.
Der 1883 in München geborene Jurist und Kriminalbeamte Robert Heindl leitete die polizeilichen Ermittlungen. Zunächst konzentrierte er sich auf die Suche nach Augenzeugen, die Steinhausen noch lebend gesehen hatten. Schon bald stand fest: Eduard Steinhausen lebte schon lange nicht mehr von seiner Hände Arbeit als Schlosser, sondern betrieb Schleichhandel mit Zucker, Kaffee und anderen Lebensmitteln. Hatte er sich also am Vorabend seines Ablebens mit irgendjemanden fernab der Zivilisation getroffen, um einen Handel durchzuführen?
Diese bloße Vermutung führte schnell auf die Fährte von drei jungen Schleichhändlern, die seit dem Auffinden der Leiche spurlos verschwunden waren: Robert Bussek, Stephan Kops und dessen jüngerer Bruder Paul Kops. Stante pede wurden alle größeren Kriminalpolizeibehörden Deutschlands informiert und nur wenige Tage danach erreichte Heindl die erlösende Nachricht: Die drei dringend Tatverdächtigen waren im Rheinland festgenommen worden. Sie wurden mit dem Zug zurück nach Dresden transportiert, wo sie in der Untersuchungshaft den Raubmord gestanden.
Doch letzten Endes will es niemand gewesen sein, der Steinhausen im Wald erschossen hat. Bussek und Stephan Kops belasteten sich gegenseitig, und Paul Kops behauptete, dass er angeblich vor lauter Angst davongelaufen sei. Auch die Gerichtsverhandlung, die am 4. April 1918 vor dem Königlichen Schwurgericht in Dresden eröffnet wurde, brachte keine abschließende Klarheit, aber immerhin Gewissheit über den Tathergang: Die drei Verbrecher hatten sich mit Steinhausen an der Straßenbahnhaltestelle „Wilder Mann“ verabredet und waren dann mit ihm in den Wald gegangen, um das „Geschäft“ abzuschließen. Dann lärmte ein Schuss durch die Nacht, den niemand hörte. Und ein Toter lag auf dem kalten Waldboden, während die Täter Dresden im Morgengrauen verließen.
Am 6. April hat der Richter die drei Verbrecher wegen gemeinschaftlichen Mordes zum Tode verurteilt. Während Bussek und Stephan Kops hingerichtet wurden, entging Paul Kops dem Fallbeil, weil er zum Zeitpunkt der Tat noch keine 18 Jahre alt war. Und so würde er all das Erlebte in dieser Nacht und die Folgen der gemeinsam geplanten Tat – das Hinsinken des Opfers nach dem Schuss über seine eigene Ankunft in Dresden nach der Verhaftung bis hin zum Dahinvegetieren seines Bruders im Todestrakt – zu Papier bringen. Dass es lediglich sein Alter war, das ihn vor dem Fallbeil bewahrt hatte, wird ein immenser Einschnitt in seinem Leben gewesen sein. Das Ganze in Worte zu fassen, wäre ihm nicht möglich gewesen, ohne in seinen Kreisen als Verräter dazustehen.
„Und ihr Apachen, und ihr Apachen – Säet niemals böse Taten – Mein Schicksal werde euch zur Lehre – O achtet doch auf eure Ehre – Erntet nur ein graus'gen Tod – erntet nur ein graus'gen Tod“, hieß es auch begleitend in einer Szene, die er in seiner Bautzener Zelle, in die er nach der Verurteilung zu 15 Jahren Haft „eingezogen“ war, gezeichnet hatte.
Die Mordtat und die daraus resultierende Exekution von Stephan Kops als „Schicksal“, das wirkt heute befremdlich, der Todeskandidat hatte schließlich eine Wahl gehabt, das Opfer hingegen nicht. Möglicherweise war alles, was vor dem Mord passiert war, für seinen Bruder, den noch nicht Volljährigen ein einziger großer Abenteuerspielplatz gewesen. Ein jugendlicher Verbrecher, der sich als deutscher „Apache“ wähnte, wie sich im 19. Jahrhundert die Pariser Verbrecher selber nannten. Eine vermeintliche Verbrecherromantik, die schließlichtödlich endete.
„Säet niemals böse Taten“
Im Gefängnis fügte sich Kops in sein Schicksal und wurde nicht auffällig. Im Juli 1923 hatte das Justizministerium die Strafe auf zehn Jahre herabgesetzt. An Heiligabend 1926 wurde Kops nach „teilweiser Strafverbüßung“ entlassen, zudem war ihm eine Bewährungsfrist von drei Jahren auf den noch nicht verbüßten Strafrest bewilligt worden.
Zwei Jahre später war er längst wieder in Lohn und Brot, zu dem ihm nicht zuletzt auch sein Talent verholfen hatte: Bei der Firma Wilhelm Jeute in Leipzig arbeitete er als Technischer Zeichner. Doch der Verdienst war gering, pro Woche erhielt Kops 40 Mark. Als in seiner Firma mehrmals eingebrochen wurde, fiel der Verdacht schnell auf den ehemaligen Knastbruder, dem alles Leugnen nicht mehr half, als die Hausdurchsuchung des Kopsschen Zimmers etliche Schlüssel und Nachschlüssel aus der Firma sowie eine Pistole zutage förderte.
Die daraus resultierende erneute Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten bedeutete auch, dass man seine Bewährungsfrist widerrief. Als er am 9. Dezember 1930 aus der Haft entlassen wurde, schloss sich daran die Verbüßung der Reststrafe von 475 Tagen für den Steinhausen-Mord an, die er in Hoheneck absitzen sollte.
Am Tag der Entlassung, dem 28. März 1932, fuhr er zu seiner Schwester nach Leipzig. Sie erklärte sich dazu bereit, „ihn zu pflegen und besorgt zu sein, dass er ein anderer werde“. Über ein halbes Jahr später stellten die Beamten vom Leipziger Polizeipräsidium wohlwollend fest, dass Kops, der nun Arbeitslosenfürsorge bezog, „sich ganz in die Aufsichtspflege seiner Schwester fügt“ und nicht mehr kriminell in Erscheinung getreten war.
Es hatte nun den Anschein, als habe Kops dem Verbrechen endgültig abgeschworen. 1935 heiratete er die geschiedene Gertrud Berg und fand eine Arbeitsstelle als Zeichner bei der ATG (Allgemeine Transportanlagen-Gesellschaft mbH). Zehn Jahre später bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs auch das Ende des vermeintlichen Happy Ends der Geschichte von Paul Kops.
Deutschland, 1945, Stunde null: Kops lebte noch immer in Leipzig, das vom Krieg schwer gezeichnet war. Am 2. Juli 1945 hatte man die Stadt an die Rote Armee übergeben. Als Ende des Jahres im 14 Kilometer im nördlich von Leipzig gelegenen Zschölkau ein 180 Kilo schweres Schwein, ein Kaninchen und zwei Gänse gestohlen wurden, gerieten er und zwei seiner Kumpane in Verdacht. Das Verfahren musste man aber mangels Beweisen einstellen. Parallel dazu war er bei der russischen Staatsanwaltschaft wegen „unberechtigten Waffenbesitzes“ sowie „Urkundenfälschung als KPD-Mitglied und Straßenbeauftragter“ angezeigt worden. Das weitere Verfahren in dieser Sache geht aus der Polizei-Akte jedoch nicht hervor. Und auch sein weiteres Leben in den darauffolgenden Jahrzehnten ist ein leeres Blatt Papier.
Am 10. Januar 1981 starb Kops in Hannover, wo er unter dem falschen Namen „Peter Reil“ gelebt hatte. Die Universität Heidelberg beherbergt heute die „Sammlung Prinzhorn“ mit der Dauerausstellung „Von Irrenkunst zur Outsider Art“. Kops' Original-Zeichnungen sind allerdings verschollen.