08.02.2026

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Vor dem Stadion des FC St. Pauli am Hamburger Millerntor kurz vor der Hamburger Reeperbahn fährt man gerne „alternativ“ mit dem Fahrrad vor
Bild: Till Scholtz-KnoblochVor dem Stadion des FC St. Pauli am Hamburger Millerntor kurz vor der Hamburger Reeperbahn fährt man gerne „alternativ“ mit dem Fahrrad vor

Wer hätte das gedacht

Kiezklub St. Pauli war mal ein Vertriebenen-Verein

Wieso der linke „Bundesliga-Exot“ eigentlich erst durch einen echten Ostdeutschen namhaft wurde

Till Scholtz-Knobloch
08.02.2026

Endlich rollte nach der Winterpause das runde Leder wieder. Bereits am Freitag, dem 23. Januar, stand das Rückrundenderby des FC St. Pauli gegen den Hamburger SV an. „Eliteklub gegen linke Zecken“ – so wird es in der Hansestadt gern unter Fußballfans kolportiert. Dass dabei ausgerechnet St. Pauli mit seinen links-grünen Fans einst ein Verein vieler heimatvertriebener Deutscher war, ist heute kaum bekannt. Aber wie kam es zu dieser gesellschaftlichen Metamorphose?

Die Marketingstrategie des Kiezklubs kommt im nervigen Werbe-Denglisch „Unestablished since 1910“ (nicht etabliert seit 1910) daher. „Nicht etabliert“ ist der einst biedere FC St. Pauli jedoch erst seit den 80er Jahren. Denn er geht ursprünglich auf einen typischen Vertreter der nationalen Turnbewegung, den Hamburg-St. Pauli Turnverein 1862, zurück, dessen Mitglieder aus den damals noch eher konservativen Straßenzügen St. Paulis stammten. Der historische Etikettenschwindel wird überlagert von einem Klub als Träger „moderner Fankultur“, dem natürlich auch Verdienste im Kampf gegen die Kommerzialisierung des Sports zukommen.

Doch heute ganz anders Milieu-verankert schießt Pauli permanent über das Ziel hinaus; auch auswärts hat der Klub mittlerweile eine große Fanschar, da er quasi als Gralshüter „ehrlichen Fußballs“ gilt. Vielmehr findet er immer neue Anhänger dadurch, dass sein Anhang weit über den Sport hinaus agiert und sich faktisch meist im linken Meinungsmainstream des billigsten Applauses, des vielleicht beständigsten und typischsten aller deutschen Charakteristika, bewegt. Schon Anti-Atomkraft-Plakate im Stadion hebelten die einst logische Trennung von Sport und Politik aus, die eigentlich jedem erlaubte, sich auf den Rängen ohne politischen Bekenntnisbezug wiederzufinden.

Doch Pauli ist im Fußball das, womit sich Politik heute selbst zerstört – dem Rausch eigener Haltung statt reflektierter Verantwortung. Wie sollte es anders sein? Die Vertreibung von Covid-Ungeimpften aus dem Stadion führte Pauli schon im September 2021 vor allen anderen deutschen Profiklubs ein. Selbst als andere Profivereine auf Drei-G oder wieder freie Stadionzugänge umgestellt hatten, blieb der Klub vom Millerntor bei seiner extremistischen Zwei-G-Linie, um „Verantwortung“ und Sicherheit der Zuschauer zu betonen. Da am Heiligengeistfeld auch nur der Blick in die richtigen Medien haltungskonform ist, folgte logischerweise für diesen Kotau vor der Aushebelung demokratischer Grundfeste selbst nach Veröffentlichung der geleakten Corona-Protokolle bis heute keine Entschuldigung.

Linker Kult zwischen den Pfosten
Den Totenkopf als Zeichen „Arm gegen Reich“ brachte Torsten „Doc Mabuse“ Herrmann Mitte der 80er Jahre mit ins Millerntorstadion. Als langjähriger Hartz-IV-Punker aus einem Bauwagen in Altona hat er für seine Idee aber nie Lizenzgebühren bezogen. Abgewendet vom Pauli-Kommerz fand er zu den Plätzen der Altmeister Altona 93 oder Union 03. Mabuse ist heute jedoch immer seltener beim Fußball zu finden, denn seine Gesundheit ist seit einem halben Jahrzehnt zunehmend im Eimer. Nachts ist er auf eine Atemmaske angewiesen. Abhängig ist er zunehmend auch finanziell vom System, das er immer bekämpft hat.

In den 80er Jahren hingegen ergab alles einen Sinn. Der steile Aufstieg des FC St. Pauli von 1910 zurück ins Rampenlicht, nah dran zu sein in einem reinen Fußballstadion. Hier konnte man nach dem Spiel noch mit den Spielern ein Bierchen trinken. Angewidert waren damals viele Fans von ihrem HSV. Nach dem Tod des im oberschlesischen Cosel geborenen Werder-Fans Adrian Maleika durch rechtsradikale Anhänger des HSV, sehnten sich viele Fußballfreunde auch in Hamburg nach einem anderen Fanverständis.

Und auf einmal gab es damals im linken Milieu die Integrationsfigur, die Pauli zu einem anderen Klub machte: Torhüter Volker Ippig, der eine Weile in den von Autonomen besetzten Häusern an der Hamburger Hafenstraße wohnte und sich als Aufbauhelfer in Nicaragua engagierte. Für ihn gab es das erste personalisierte Fan-T-Shirt der Klubgeschichte: „Volker hört die Signale“. Bald fand auch der Totenkopf ins Stadion, der heute eher Marketing als Gegenentwurf ist.

Und vor den 80ern? Der FC St. Pauli war bis 1924 die Fußballabteilung des eingangs genannten Turnvereins. Als man 1977 erstmals in die Bundesliga aufstieg, verloren sich auf den Tribünen tendenziell Herren gesetzten Alters. Es gab keine innerstädtische Fanfeindschaft, sondern nur ein Graue-Maus-Image. Am Sonnabend ging man zum HSV, am Sonntag auch mal zum „Zweitverein“ Pauli. Sportlich hatte der Verein unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg den Eimsbütteler TV, der im Rückblick oft als besonders anpassungsfähig gegenüber den Nationalsozialisten beschrieben wird, als zweites Topteam in der Hansestadt abgelöst.

Pauli holte sein erstes wirkliches Fanpotential der Vereinsgeschichte nun aus der Arbeiterschaft im Hafen – es war die erste Metamorphose des Klubs. Die große Mehrheit der vereinsmäßig bislang nicht Gebundenen waren dabei vertriebene Pommern, Ostpreußen oder Schlesier, die als Tagelöhner im Hafen sofort Arbeit fanden. Pauli hatte einfach das dem Hafen am nächsten gelegene Stadion der Hamburger Oberligaklubs. Und auch sportlich kam eine ganz und gar nicht vegane woke Energiezufuhr für den ersten sportlichen Höhenflug mit Erreichen des Halbfinales der Deutschen Meisterschaft 1946/47 aus dem Osten Deutschlands. Dank der Verpflegungsmöglichkeiten in der Metzgerei von Karl Miller Senior und der Kontakte seines Sohnes Karl in der Dresdner und Berliner Fußballszene kamen mehrere leistungsstarke Spieler zum FC St. Pauli – darunter etwa auch der vertriebene Allrounder Josef „Jupp“ Famula vom einstigen Topklub Beuthen 09 in Oberschlesien. Der Totenkopf von heute ist Masche, der manche Aspekte der Geschichte verdrängt und dem Verein 40 Jahre nach seinem ersten Höhenflug eine ganz andere Identität übergestülpt hat. Das alles ist selbst schon wieder 40 Jahre her – Hoffnung für eine weitere Metamorphose?

Atmosphärischer Haltungszwang
St. Pauli haftet etwa der Makel an, dass man in den 90er Jahren neben dem VfB Stuttgart der Verein war, der als erster Satzung und PR-Sprech mit Worthülsen von Gleichheit aller Kulturen, Religionen oder Weltanschauungen überfrachtete und mit wohlfeilen Worten nur die Ehrfurcht vor eigenen schützenswerten Minderheitsdefinitionen, etwa zahlreicher Geschlechter, einforderte. Im § 1 der Satzung heißt es, den rein atmosphärischen Haltungszwang der eigenen Definitionen eigentlich Hohn sprechend: „Weltanschauliche, konfessionelle und politische Ziele und Zwecke dürfen nicht verfolgt werden.“ Doch eben diese werden ständig hofiert. Das alles riecht heute fast schon historisch – 1933 wurden letztlich verpflichtende Mustersatzungen von den neuen Machthabern eingeführt.

Heute sorgen politische Vorfeldorganisationen wie haltungskontaminierte Sportvereine für eine Selbstgleichschaltung. Eine neue Metamorphose ist erst einmal nicht absehbar, sofern ein neues Pandemiekonstrukt nicht ausschließlich im Umfeld der Paulianer grassiert und unter diesem sein gecanceltes Publikum hinterlässt. Die „Marke“ St. Pauli ist als Fetisch mit Leibesertüchtigungsbeigabe im Grunde erst einmal für mindestens eine ganze Generation verbrannt.


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