04.12.2021

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Östlich von Oder und Neiße

Ein Poesiealbum als Kompass

Görlitz’ Oststadt verlegt die ersten jüdischen Stolpersteine

Chris W. Wagner
11.10.2021

Alles begann vor nicht ganz zwei Jahren, als die US-Amerikanerin Lauren Leiderman nach Görlitz zog. Sie wollte sich die Geschichte ihres neuen Wohnortes aneignen und erforschte die Stadt und ihre Friedhöfe. Der jüdische Friedhof in der Biesnitzer Straße hat es ihr besonders angetan. Die junge Frau fragte sich, was wohl mit den Nachfahren der Görlitzer Juden passiert sei. Sie nutzte ihren englischsprachigen Internetblog, baute Kontakte auf und brachte so jüdische Görlitzer aus aller Welt zusammen.

Ihre Leidenschaft für Geschichte hat die zierliche Frau von ihrer Mutter, einer Geschichtslehrerin, geerbt. Über das Yad-Vashem-Institut Jerusalem stieß sie auf ein Foto, das eine Lawine ins Rollen brachte.

Es zeigt drei Mädchen vor einen Hochhaus. „Links steht Eva Goldberg, in der Mitte ist Susanne Leiderman und das Mädchen rechts ist Anne Frank!“, Lauren Leiderman kann immer noch nicht fassen, welch glückliche Fügung dieser Fund gewesen ist. Doch bei der Geschichte geht es nicht vordergründig um die berühmte Anne Frank, Verfasserin der weltbekannten Tagebücher. Es geht um Goldberg aus der heute zur Republik Polen gehörenden Oststadt, die mit ihren Eltern die Franks in Amsterdam besuchte.

Goldberg hatte ebenfalls ein Buch, aber ein Poesiealbum. Darin verewigte sich auch Anne Frank. Nach der Pogromnacht seien die Goldbergs, der Vater war ein reicher Kaufmann, nach Amsterdam geflohen und von dort über England in die USA gekommen, sagte Leiderman. Goldberg ist vor 20 Jahren gestorben, aber Leiderman konnte Kontakt zu ihrer Nichte knüpfen.

Im Holocaust-Museum Washington fand sie Goldbergs Poesiealbum. „Dort habe ich auch diesen Eintrag gelesen: ‚Die Hand bei der Arbeit, das Herz bei Gott. Dies schrieb Dir, liebe Eva Deine Freundin Elfi Löffler'“. Leiderman ist immer noch aufgeregt, wenn sie diese Zeilen vorliest, denn Elfi und Eva waren beste Freundinnen. Löffler lebt noch immer in Görlitz und hat sich bei Leiderman gemeldet. „Vor fünf Jahren hatte ich mit der Sache eigentlich schon abgeschlossen und alte Fotos aus meiner Kindheit vernichtet“, bedauert Löffler. „Nach 80 Jahren wirst Du nie mehr etwas von ihr hören“, war ihre Annahme.

Die 90-jährige Löffler trifft sich nun regelmäßig mit der Amerikanerin, die Kontakte zu etwa 80 Nachkommen Görlitzer Juden herstellte und die Lebensgeschichten derjenigen, die sich in Goldbergs Poesiealbum verewigt haben, recherchierte. „Das Album war wie ein Kompass für mich beim Suchen der Hinterbliebenen“, sagt sie. Nun ist aus dem privaten Poesiealbum der zehnjährigen Goldberg ein Buch entstanden, das das jüdische Leben in Schlesien und die Schicksale der Betroffenen nach der Reichspogromnacht nachzeichnet – in Deutsch, Polnisch und Englisch. Lauren wollte unbedingt, dass auch die heutigen Bewohner der Oststadt diese Geschichten kennenlernen und fand in der „Neugörlitzerin“ Magdalena Lambertz eine ehrenamtliche Übersetzerin. Dass aus dem „Buchprojekt“ gleich eine Reihe an Begleitveranstaltungen wird, können beide Frauen immer noch nicht fassen. „Ab dem 4. November wird es eine jüdische Erinnerungswoche in Görlitz geben mit Veranstaltungen rund um die Menschen, die sich in Goldbergs Poesiealbum verewigt haben“, sagt Leiderman stolz. Für ihre Idee konnte sie auch Felix Pankonin von der Netzwerkstatt Hillersche Villa in Zittau gewinnen. Er half bei der Generierung von Fördermitteln von der amerikanischen Botschaft in Kooperation mit dem deutsch-amerikanischen Institut in Leipzig.

Am 2. November treffen in Görlitz Angehörige der Verfasser von Einträgen in Goldbergs Tagebuch aus aller Welt ein. Am 5. November werden am Haus der Goldbergs in der Oststadt, in der Courbierstraße 10 [ul. Kościuszki 10] Stolpersteine – die erste in der Oststadt – für die Familie Goldberg gelegt. Am 4. November kommen die Angehörigen in einer Veranstaltung in der Neuen Synagoge zusammen und lesen Einträge aus Goldbergs Poesiealbum vor. Diejenigen, die die Reise nicht mehr auf sich nehmen konnten, haben Videobotschaften geschickt. Am 7. November wird das in drei Sprache editierte Buch in der Synagoge vorgestellt. „Und aus dem polnischen Bürgermeisteramt der Stadt kam die Info, dass vor dem örtlichen Lausitz-Museum eine Ausstellung zum Leben der Juden in Görlitz gezeigt wird“, freut sich Leiderman.



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