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Ein Prosit auf das „Fräulein Tosca“

Ein Geburtstagskind und eine Stilikone – Theresia Schmitz-Lew brachte in den 50ern und 60ern Parfümdüfte in deutsche Wohnzimmer

Markus Bauer
07.04.2024

Wohl nur noch die ältere Generation kann etwas mit „Fräulein Tosca“ anfangen. Die Bezeichnung „Fräulein“ ist heute aus der Zeit gefallen, und „Tosca“ ist bekanntlich eine Oper von Giacomo Puccini. Aber „Fräulein Tosca“? Klären wir auf: Dabei handelt es sich um das Gesicht und letztlich um die junge Frau, die in den 1950er und 60er Jahren für den Tosca-Lippenstift von 4711 Reklame machte. 4711 ist eine Parfüm-Marke, die zum Unternehmen Mäurer & Wirtz GmbH & Co. KG, gegründet in Stolberg und heute in Köln ansässig, gehört. Dieses Duftwasser wird noch heute produziert und darf die Bezeichnung Original Eau de Cologne (Original Kölnisch Wasser) führen.

Theresia Schmitz-Lew ist diese Dame, die auch für andere Produkte als Werbeikone fungierte und so einen gewissen Bekanntheitsgrad erwarb. „Aber niemand ahnte, wie schicksalshaft ihr Leben verlief, ehe sie das ersehnte Glück sowie die wahre Liebe und Erfüllung fand“, relativiert der Münchner Autor, Verleger und Filmproduzent L. Alexander Metz. Unter dem Titel „Das Fräulein Tosca. Erinnerungen eines Fotomodells“ hat er die Lebensgeschichte Schmitz-Lews dokumentiert, die Parallelen zu seiner eigenen hat.

Denn Schmitz-Lew und Metz verbindet das Schicksal, den leiblichen Vater gar nicht zu kennen oder erst sehr spät im Leben von ihm zu erfahren und ihn kennenzulernen – ganz zu schweigen von den damit verbundenen Lebensumständen und -erfahrungen. Metz hat sein eigenes Los, vor allem seine Kindheit und Jugend, in zwei Büchern festgehalten. Und als er von der ähnlichen Fügung bei Theresia Lew erfuhr, die ebenfalls in München wohnt, lag es nahe, auch dieser Vita auf die Spur zu gehen.

Theresia Lew, am 5. April 1934 im oberschwäbischen Immelstetten geboren, wuchs auf einem Bauernhof in ärmlichsten Verhältnissen mit mehreren Geschwistern auf. Ihr Vater war Michael Meitinger, Sohn der Eheleute Josef und Franziska Meitinger, die 1891 geheiratet hatten und den Meitinger-Hof bewirtschafteten. Theresias Stiefvater war dann der Pferdekutscher Johann Bäuerle. Ohne richtigen Schulabschluss und ohne Ausbildung arbeitete sie zunächst als Magd, als Waldarbeiterin und als Bedienung, unter anderem im Jahr 1952 in Freiburg als Hilfskraft in der Bahnhofsgaststätte ihres Onkels, des Bruders ihres Stiefvaters, oder im Jahr 1956 in der Schoppenstube des Ratskellers in München.

Im Jahr 1957 wurde sie in München von einem Werbefotografen als Fotomodell entdeckt und weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Sie lieh ihr Gesicht der damaligen 4711-Kosmetik-Produktlinie „Tosca“ (Parfums, Lippenstifte). Zur Vermarktung der Artikel gehörten damals wie heute attraktive Frauen. Neben „Fräulein Tosca“ verkörperte sie auch die vorbildliche Wipp-Perfekt-Hausfrau von Henkel (Waschpulver) und die gepflegte Dame von Nivea. Sie war sozusagen die Stilikone für die bedeutendsten Firmen, die Produkte für die (Haus)Frau herstellten. Jede und jeder kannte sie ab den 1950er Jahren. Ihr strahlendes Gesicht erblickte man auf Litfaßsäulen und in Illustrierten. Auch später noch stand sie als Fotomodell vor der Kamera – etwa für „frei öl“ (1983) und im Jahr 1998 als Seniorin.

Alle Höhen und Tiefen durchlitten
In erster Ehe war sie mit dem 21 Jahre älteren Jupp Josef Schmitz verheiratet. Aus dieser Ehe stammte die Tochter Sabine, die bei einem Unfall ums Leben kam. Im Jahr 1981 ehelichte sie ihren zweiten Mann Gerhard Lew, 1986 adoptierte sie die aus São Paulo in Brasilien stammenden Kinder Marisa und Mauricio.

Im gesellschaftlichen Leben war sie über die Jahre gut verankert. Bei entsprechenden Anlässen traf sie unter anderem im Jahr 1976 mit dem damaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel und im Jahr 1993 mit dessen Nachfolger Max Streibl und Bundeskanzler Helmut Kohl zusammen. Kurzum: Sie hat alle Höhen und Tiefen eines Menschenlebens durchschritten. Im November 2011 war sie federführend mit ihrem Mann an der Gründung eines Seemanns- und Shanty-Chors in München beteiligt, dessen Management sie fortan übernahm. Im Kirchenchor St. Peter und Paul München wirkt sie als Sopranistin mit.

Zentral war für Theresia Schmitz-Lew lange Zeit aber die große und verzweifelte Frage ihres Lebens: Wer ist mein Vater? Ähnlich ging es Metz, der vor seiner Tätigkeit als Autor, Verleger und Filmproduzent lange bei einer namhaften Versicherungsgesellschaft tätig war. Er kam 1946 im oberpfälzischen Cham zur Welt. Doch sein Vater war ein Zwangsarbeiter, und niemand durfte von der Schwangerschaft seiner Mutter erfahren. So wurde der Bub gleich nach der Geburt einer Pflegemutter übergeben, die einen Zuverdienst gut gebrauchen konnte.

Die frühe Kindheit beschreibt Metz in seinem im Jahr 2015 erschienenen Buch „So war's und ned anders. Der versteckte Bua“. Im Nachfolgewerk „Der zerbrochene Engel“ zwei Jahre später geht es um die Jahre bei den Regensburger Domspatzen von 1955 bis 1966. Beim weltberühmten Knabenchor verbrachte er die weitere Schul- und Jugendzeit, wobei natürlich auch die Kontakte zur Pflegemutter, zur Mutter sowie den Verwandten und Bekannten in Cham geschildert werden.

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebensgeschichte erfuhr Metz, dass Theresia Schmitz-Lew ein ähnliches Schicksal widerfahren ist. Als Münchner war es für Metz im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend, zu der im Stadtteil Trudering wohnenden Werbeikone der 1950er und 60er Jahre Kontakt aufzunehmen. „Sie hatte von einer Frau ihr Leben schon aufschreiben lassen, das war bereits eine gute Basis“, erläutert Metz.

Auf dieser Grundlage hat er dann in Zusammenarbeit mit Schmitz-Lew deren Leben im Buch „Das Fräulein Tosca. Erinnerungen eines Fotomodells“ dokumentiert. In einem zehn Folgen umfassenden Podcast des Bayerischen Rundfunks (BR-Heimat Lesen) kann es jederzeit kostenlos angehört werden.

Theresia Lew, Alexander Metz: „Das Fräulein Tosca. Erinnerungen eines Fotomodells“, BoD – Books on Demand, Norderstedt 2019, 180 Seiten, 9,99 Euro


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