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Kunst

Eine, die worpswedisch malte

Zeitlebens nur zwei Bilder verkauft – Dafür widmen sich gleich vier Ausstellungen dem 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker

Veit-Mario Thiede
07.02.2026

Die zu Lebzeiten erfolglose Paula Modersohn-Becker ist heute eine Berühmtheit. Sie wird als Wegbereiterin der Moderne gefeiert. Sie wurde am 8. Februar 1876 in Dresden-Friedrichstadt geboren. 150 Jahre später werden gleich vier Ausstellungen zu ihren Ehren eröffnet. Sie finden in Dresden, Bremen, Worpswede und Fischerhude statt.

Paula Beckers Eltern waren der bei der Eisenbahn beschäftigte Woldemar Becker und Mathilde, geborene von Bültzingslöwen. Die neunköpfige Familie zog 1888 nach Bremen. Ihre künstlerische Ausbildung begann Paula Becker 1896 im Berliner Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen. Sie übersiedelte 1898 nach Worpswede und nahm Unterricht beim Maler Fritz Mackensen.

Zwischen 1900 und 1907 reiste sie von Worpswede zu vier Studienaufenthalten nach Paris. Dort bezog sie vielfältige Anregungen, etwa von ägyptischen Mumienporträts, Alten Meistern wie Rembrandt, und aktueller Kunst, etwa von Cézanne und Gauguin. Paula Becker heiratete 1901 den Worpsweder Landschaftsmaler Otto Modersohn (1865–1943). Beider Tochter Mathilde kam am 2. November 1907 zur Welt. Am 20. November starb Paula Modersohn-Becker an einer Embolie. Ihre letzten Worte waren laut der Überlieferung ihres Gatten: „Wie schade.“

Nach ihrem Tod übersiedelte ihr Witwer in das zwischen Bremen und Worpswede gelegene Dorf Fischerhude. Im dortigen Otto-Modersohn-Museum läuft ab 8. Februar eine Sonderausstellung über Modersohn-Beckers Landschaftsmalerei des Frühwerks. Wiederholt treten im Vordergrund ausschnitthaft dargestellte Birkenstämme in Erscheinung oder ein Moorkanal, auf dem sich der bewölkte Himmel spiegelt. Die Malerin setzte ihre Landschaften unter Verzicht auf Details aus flächigen Farbformen zusammen. In ihr Tagebuch schrieb sie: „Die Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares.“

Worpswede feiert die Künstlerin ab dem 7. Februar mit der auf vier Museen verteilten Schau „Impuls Paula“. Der Ausstellungsteil im Barkenhoff heißt: „ich bin / du bist. Menschenbilder.“ Der Titel leitet sich ab von einer Mitteilung Modersohn-Beckers aus dem Jahr 1906 an den Dichter Rainer Maria Rilke: „Ich bin Ich, und hoffe, es immer mehr zu werden.“

Es heißt, die Malerin habe zeitlebens nur zwei Bilder verkaufen können. Eines erwarb Rilke, das andere ging ans Worpsweder Künstlerpaar Heinrich und Martha Vogeler. Es heißt „Mädchen mit Perlenkette“ (1902?) und zeigt die 1901 geborene Tochter der Vogelers: Marie Luise. Diesem Gemälde sind Menschenbilder anderer Künstler gegenübergestellt.

„Es wird. Es wird“
Paulas „Halbakt einer sitzenden Bäuerin“ (1900) steht im Mittelpunkt des „Respekt!“ betitelten Ausstellungsteils in der Großen Kunstschau. Sowohl die Aktmalerei als auch die Darstellung von bekleideten Bäuerinnen, Kindern und alten Frauen aus dem Armenhaus sind charakteristisch für Modersohn-Beckers Kunst. Ihre Entwurfsskizze „Martha und Paula Schafe hütend“ bildet mitsamt dem nach ihr von Martha Vogeler ausgeführten Bildteppich den Mittelpunkt der Präsentation im Haus im Schluh. Zu Skizze und Teppich gesellt sich angewandte Kunst von Frauen aus den 1920er Jahren bis heute. Die Worpsweder Kunsthalle präsentiert Porträts der seit 2013 in Paris lebenden Malerin Inès Longevial, die sich eingehend mit Leben und Werk Paulas beschäftigt hat.

Eine besondere Rolle in der Karriere Modersohn-Beckers spielte die Kunsthalle Bremen. Ihr dortiges Ausstellungsdebüt 1899 trug ihr eine vernichtende Kritik ein. Die von Modersohn 1908 initiierte Ausstellung von Bildern aus ihrem Nachlass aber bildete den Auftakt zu ihrer künstlerischen Anerkennung. Aus ihr erwarb Kunsthallendirektor Gustav Pauli ein Stillleben für die Sammlung. Heute besitzt die Kunsthalle zahlreiche Werke der Jubilarin.

Eine bedeutende Modersohn-Becker-Sammlung hat auch das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum. Sie geht zurück auf den Bankier August Freiherr von der Heydt, den Rilke im Januar 1906 auf Modersohn-Beckers Schaffen aufmerksam machte: „Das merkwürdigste war, Modersohns Frau an einer ganz eigenen Entwicklung ihrer Malerei zu finden, rücksichtslos und gradeaus malend, Dinge, die sehr worpswedisch sind und die doch noch nie einer sehen oder malen konnte.“

Im Februar 1906 zog die Künstlerin mit dem Entschluss, sich von Modersohn zu trennen, nach Paris. Im September gab sie diesen Plan auf und kehrte im März 1907 nach Worpswede zurück. In Paris hatte sie den Künstler und Architekten Bernhard Hoetger kennengelernt. Er war von ihrem Werk begeistert. Das löste in der bis dahin von Selbstzweifeln geplagten Malerin einen euphorischen Schaffensschub aus: „Es wird. Ich arbeite ganz riesig. Ich glaube, es wird.“

Auf einem Briefumschlag skizzierte sie ihr Pariser Atelier mit drei 1906 geschaffenen Gemälden an der Wand, von denen eins nicht erhalten ist. Das rekonstruierte Atelier bildet das Herzstück der im Bremer Paula-Modersohn-Becker Museum präsentierten Schau „Becoming Paula“. Sie umfasst 70 Werke aus allen Schaffensphasen. Im rekonstruierten Atelier sind das farbenfrohe Bild „Lee Hoetger vor Blumengrund“ und das innige Verbundenheit ausdrückende Gemälde „Liegende Mutter mit Kind II“ ausgestellt.

Im Albertinum von Dresden läuft ab
8. Februar „Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch: Die großen Fragen des Lebens“. Während die Mutterschaft ein wiederkehrendes Motiv der Kunst Modersohn-Beckers ist, gehören Krankheit und Tod zu den intensiv behandelten Bildthemen des norwegischen Malers Munch (1863–1944). Beiden gemeinsam ist die um 1900 hochaktuelle Frage nach dem Umgang mit Körperlichkeit und Nacktheit, der sie viele Bilder widmeten.

paula150.de; www.skd.museum 


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