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Musik mit Kopftuchzwang: Paniz Faryousefi dirigiert die männlichen Orchestermusiker
Bild: IMAGO/Anadolu AgencyMusik mit Kopftuchzwang: Paniz Faryousefi dirigiert die männlichen Orchestermusiker

Musik

Eine Frau gibt den Ton an

Paniz Faryousefi ist die erste Dirigentin im frauenfeindlichen Iran – Zuletzt leitete sie sogar das wichtigste Orchester Teherans

Bodo Bost
02.01.2026

Der sunnitische Islam, der bei den Kalifats-Anhängern auf deutschen Straßen vorherrscht, verbietet jegliche Art von künstlerischer Betätigung. Darunter auch Musik, außer dem Rap, der als Sprechgesang durchgeht. Der schiitische Islam, der im Gottesstaat Iran vorherrscht, ist etwas liberaler, er duldet das Malen und auch Musik, aber auch dort herrscht strenge Geschlechtertrennung.

Paniz Faryousefi ist eine Ausnahme. Sie ist eine iranische Musikerin, ausgebildete Violinistin und mittlerweile Dirigentin. Sie studierte am Musikkonservatorium in Teheran und weiter am Komitas State Conservatory in Armeniens Hauptstadt Eriwan. Sie war Konzertmeisterin des Tehran Symphony Orchestras und leitete ein eigenes Streichquartett. Ihr Werdegang ist also vielseitig. Darüber hinaus dirigierte sie dieses große Orchester im vergangenen November als erste Frau seit der islamischen Revolution 1979 überhaupt.

In einem Land, in dem Frauen im kulturellen öffentlichen Raum bis heute starken Einschränkungen unterliegen – so dürfen Sängerinnen nicht vor gemischtem Publikum auftreten –, ist ihre Ernennung ein starkes Zeichen. Viele sehen darin einen möglichen Wendepunkt für Frauen in der iranischen Klassikszene.

Faryousefi sagt: „Kunst gehört der Menschheit, nicht Männern oder Frauen.“ Für sie ist Musik universell, und kein Geschlecht sollte darüber entscheiden, wer dirigieren darf. Sie hofft, mit ihrem Schritt andere Frauen und Mädchen zu inspirieren – sie sollen ihre Träume nicht aufgeben.

Bei den Konzerten in der berühmten Vahdat Hall führte sie das Orchester durch ein anspruchsvolles Programm mit Werken iranischer und ausländischer Komponisten – ein klares Zeichen dafür, dass es ihr um musikalisch hochwertige Standards geht. Die Vahdat-Konzerthalle liegt im Herzen der iranischen Hauptstadt. Dort trat sie in einer dunklen, eleganten Robe und einem schwarz schimmernden Kopftuch auf, wie es das Gesetz gegenwärtig verlangt. Vor ihr sitzen rund fünfzig Musiker, hinter ihr ein Publikum, das genau weiß, wie ungewöhnlich dieser Moment ist.

Seit den landesweiten Protesten 2022, ausgelöst durch den Tod einer jungen Kurdin in Polizeigewahrsam wegen „unangemessener Kleidung“, hat die iranische Regierung bestimmte gesellschaftliche Einschränkungen etwas gelockert. Auch nach dem zwölftägigen Konflikt zwischen Iran und Israel im vergangenen Juni, als der Iran und sein islamisches theokratisches Regime an den Rand einer militärischen Niederlage kamen, scheint sich ein vorsichtiges gesellschaftliches Aufatmen bemerkbar zu machen. Während des Konzerts sitzen zahlreiche Frauen entgegen den streng religiösen Vorschriften ohne Kopftuch im Saal.

Vor allem junge Frauen im Publikum jubeln Faryousefi zu. Sie sind sich bewusst, dass sie Zeuginnen eines außergewöhnlichen geschichtlichen Ereignisses sind. Denn für iranische Musikerinnen gelten strenge Regeln: Sie dürfen nicht vor Männern singen und in vielen konservativen Städten nicht einmal mit einem Instrument auf der Bühne stehen.

Faryousefi stammt aus einer Künstlerfamilie, ihre Mutter förderte sie früh. Schon als Kind träumte sie davon, ein Sinfonieorchester zu leiten. Ihre beiden Aufführungen in Teheran waren gut besucht. Die Dirigentin steht nicht nur am Pult eines Orchesters – sie wird zum Symbol für eine Generation, die trotz aller Einschränkungen nach Ausdruck, Freiheit und Anerkennung strebt. Ob dieser Moment der Beginn eines nachhaltigen Wandels ist, bleibt offen.


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