12.01.2026

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MS „Crystal Endeavor“, das letzte auf der Volkswerft gebaute Schiff, am 10. Juli 2021: Das erste neue Projekt 2026 soll die Fertigstellung und Endausrüstung des neuen Fischereiforschungsschiffes „Walther Herwig“ sein
Bild: Christian RödelMS „Crystal Endeavor“, das letzte auf der Volkswerft gebaute Schiff, am 10. Juli 2021: Das erste neue Projekt 2026 soll die Fertigstellung und Endausrüstung des neuen Fischereiforschungsschiffes „Walther Herwig“ sein

Industrie

Endlich wieder Schiffbau in Stralsund

Nach vier Jahren Stillstand: Fassmer Gruppe pachtet die große Schiffbauhalle auf der Volkswerft

Peer Schmidt-Walther
12.01.2026

Aufatmen in Stralsund: Die Fassmer Gruppe erweitert ihre Fertigungskapazitäten und gründet einen neuen Standort in Stralsund. Das Unternehmen pachtet dazu von der Hansestadt Stralsund entsprechende Flächen und Hallen auf dem Gelände der Volkswerft. Ziel ist es, dort ab Anfang 2026 den Betrieb mit der Fertigung des neuen Fischereiforschungsschiffes „Walther Herwig“ aufzunehmen.

Letzter Neubau war das Expeditionskreuzfahrtschiff „Crystal Endeavor“ (20.000 BRZ/Bruttoraumzahl, 165 mal
23 Meter), das die Werft am 10. Juli 2021 verließ. Die Firma Stralsund Shiprepair gründete dann auf dem städtischen Gelände einen Reparaturbetrieb. Wie sich zeigt mit gutem Erfolg. Bis zur Wende wurden auf der Volkswerft, die später wie alle anderen Werften in Mecklenburg-Vorpommern auch mehrere Namens- und Eignerwechsel erlebte, Containerschiffe, Passagierschiffe, Fähren, Bagger und Fischereifahrzeuge gebaut. Die Containerschiffe der Maersk-Baltimore-Klasse waren mit 53.700 Ladetonnen (tdw ) und 294 Metern Länge die größten der Werft und mit 31 Knoten die schnellsten der Welt.

Oberbürgermeister ist begeistert
Mit dem neuen Standort in Stralsund baut Fassmer seine Präsenz an der Ostsee aus und reaktiviert zugleich das Gelände der Volkswerft. Die Region gewinnt damit einen aktiven maritimen Industrieort zurück – mit Perspektiven für Beschäftigung, Wertschöpfung und regionale Zusammenarbeit. Diese wollte auch schon die Papenburger Meyer-Werft nach der Wende bei Mukran auf Rügen nutzen, nahm jedoch aufgrund von Umweltschützerprotesten davon Abstand. Bis Kriegsende war die Vulkan-Werft in der Pommerschen Landeshauptstadt Stettin der größte Schiffbauer der Region. Dort wurden legendäre Schiffe gebaut wie etwa „Kaiser Wilhelm der Große“ als schnellstes und größtes Schiff seiner Zeit (1897).

Die Produktionsaufnahme durch Fassmer am Standort Stralsund markiert den Beginn eines strategischen Ausbaus, reduziert Abhängigkeiten von ausländischen Lieferketten, hält Fachwissen im Land und leistet damit einen Beitrag zur sicherheitspolitischen Resilienz des Bundes.

Stralsunds maritim engagierter Oberbürgermeister Alexander Badrow, der die Verhandlungen für die Hansestadt führte, zeigte sich begeistert: „Das sind gute Nachrichten für die Stralsunderinnen und Stralsunder zum Weihnachtsfest: Ich freue mich, dass Fassmer die Vorteile des Standorts für sich erkannt und die große Halle 290 von der Hansestadt gepachtet hat.“ Vor der rund 80 Meter hohen Schiffbauhalle erstreckt sich einer der weltgrößten Schiffslifte mit einer Hubkapazität von 21.000 Tonnen. So können mehrere Schiffe gleichzeitig neben- oder hintereinander an Land gestellt und bearbeitet werden.

Ein Schiff mit vielen Laboren
Das neue Schiff wird mit zehn spezialisierten Laboren ausgestattet, darunter Nasslabore, Trockenlabore, Fischereilabore sowie ein Labor für die Fischverarbeitung. Das alles macht die „Walther Herwig“ zu einem unverzichtbaren Werkzeug für interdisziplinäre Forschung, das nicht nur Fischbestände überwachen, sondern auch meeresökologische, chemische und physikalische Untersuchungen ermöglichen wird.

Neben der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit wird das Schiff ein Vorreiter sein in Sachen Umweltfreundlichkeit: ein dieselelektrischer Antrieb mit klimaneutralem Methanol wird die Anforderungen des „Blauen Engels“ für umweltfreundliches Schiffsdesign erfüllen. Außerdem wird die „Walther Herwig“ die Silent-R-Klassifikation nach DNV erhalten. Bereits seit der Konstruktionsphase ist sie auf besonders geräuscharme Arbeitsbedingungen optimiert. Die langjährige Partnerschaft mit der Western Baltic Shipyard/BLRT Group in Memel spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle bei dem zehnten gemeinsamen Projekt.

Nach der Kiellegung folgt die Herstellung von Paneelen und Untergruppen sowie der Zusammenbau der Sektionen. Das Schiff wird in vier Großblöcken gebaut und umfassend vorausgerüstet. Nach der Überführung werden wesentliche Großkomponenten wie Hauptmaschinen, Propulsionsanlagen und Fahrmotoren auf der Volkswerft eingebaut. Die Endausrüstung wird am Fassmer-Standort in Berne an der Weser erfolgen.

Die Fertigung in Stralsund bietet eine Vielzahl von Vorteilen: Die Arbeiten können witterungsunabhängig in modernen Hallen durchgeführt werden. Die räumliche Nähe zur Zuliefererindustrie erleichtert die Koordination und die Zusammenarbeit zwischen Werft und regionalen Partnerunternehmen und wird so „nachhaltig“ ausgebaut. Langfristig plant Fassmer, am Standort Stralsund weitere Neubau- und Ausrüstungsprojekte umzusetzen. Auch zusätzliche Nutzungen – etwa im Bereich Wartung, Reparatur und Kaskofertigung – werden geprüft.

Über Fassmer
Das bereits 1850 gegründete Unternehmen Fr. Fassmer GmbH & Co. KG mit Sitz in Berne an der Unterweser wird heute in fünfter Generation von den Brüdern Holger und Harald Fassmer sowie von Jan Henkel geleitet. Fassmer ist ein international führender Hersteller von technologisch anspruchsvollen Spezialschiffen für den zivilen sowie, unter der Marke Fassmer Defence, für den militärischen Bereich. Im Bereich Bootsbau ist Fassmer mit der Herstellung von Rettungs- und Tenderbooten und RIBs (Festrumpfschlauchboot) weltweit führend. Ergänzt wird das Portfolio durch autonome Systeme über- und unter Wasser.

Im Bereich Composite Technologies werden Bauteile aus Faserverbundwerkstoffen für unterschiedlichste Anwendungsbereiche hergestellt. Im After Sales steht den Kunden ein Service-Team rund um die Uhr zur Verfügung. Fassmer verfügt über Produktionsstätten in Deutschland, Polen, China und den USA.


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